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Stewardessen-Rebellion gegen Kopftuchpflicht
Der Kotau vor den Mullahs

Stewardessen-Rebellion gegen Kopftuchpflicht: Der Kotau vor den Mullahs
FOTO: dpa, bu_fd jps
Meinung | Berlin. Nachdem französische Pilotinnen und Stewardessen gegen die Kopftuchpflicht nach der Landung im Iran rebellierten, werden sie nun auf anderen Strecken eingesetzt. Das hilft ihnen, macht das Problem aber nicht kleiner. Im Gegenteil. Von Gregor Mayntz

Nein, bei der Landung in München müssen weder Pilotinnen noch Stewardessen ins Dirndl schlüpfen. In Japan herrscht keine Kimono-Pflicht, und in Indien kein Zwang zum Sari. Doch im Iran müssen weibliche Crew-Mitglieder zur Ankunft und zum Weg ins Hotel das Kopftuch anlegen. Dagegen liefen Air-France-Angestellte erfolgreich Sturm. Sie wollten nach einschlägigen Erfahrungen mit gleichen Vorgaben für Flüge nach Saudi-Arabien nicht noch mehr Persönlichkeit einbüßen. Der Kompromiss: Sie werden nicht mehr auf Kopftuchstrecken eingesetzt, dürfen auch nicht benachteiligt werden.

Ist damit die Sache erledigt? Machen wir einfach einen Haken an das Problem, so wie Touristinnen und weibliche Geschäftsreisende ganz selbstverständlich ihre Haare verbergen, wenn sie in und durch den Iran reisen? So wie wir für Steckdosen in manchen Ländern halt einen Adapter aufstecken, schrauben wir auf unsere Menschenrechte in manchen Ländern eben eine Einschränkung?

Das Kopftuch ist im Iran keine Frauen-Tradition

Fotos vom Alltag in Teheran in den 70er Jahren machen deutlich, dass das Verstecken der Haare nicht das Bedürfnis der iranischen Frauen widerspiegelt, sonst hätte die Millionenstadt vor den Mullahs nicht derart westlich gewirkt. Frauen wurde nicht verboten, ein Kopftuch zu tragen. Die allermeisten taten es nicht. Das änderte sich mit der islamischen Herrschaft. Wenn westliche Besucherinnen somit zum Kopftuch greifen, tun sie es nicht aus Respekt gegenüber einer örtlichen Frauen-Tradition. Sondern sie unterwerfen sich wie die iranischen Frauen notgedrungen dem Mullah-Regime.

Es beginnt nicht erst beim Kopftuch nach dem Öffnen der Flugzeugtüren. Auch auf dem Hin- und Rückflug dürfen Air-France-Frauen keine Röcke mehr tragen, herrscht Hosenpflicht. Selbst die Rundungen des Oberkörpers dürfen sich nicht abzeichnen, weite Bekleidung muss den vermuteten Seh-Bedürfnissen von Iran-Reisenden Rechnung tragen. Wie weit soll das noch gehen? Als im Januar Irans Präsident Hassan Rohani Italien besuchte, da mochte man seinen Augen den Anblick der steinernen Brüste der jahrhundertealten Statuen auf dem Kapitol nicht zumuten und baute einen Sichtschutz um sie herum. Vorwegeilender Gehorsam in Reinform. So sieht islamisiertes Abendland aus.

In Moscheen ist das Gebot kein Problem

Und was hat das Kopftuch damit zu tun? Ist es angesichts eklatanter Verstöße gegen die Menschenrechte im Iran nur das kleinste und harmloseste Übel von Freiheitseinschränkung? Oder fängt genau da die Unterwerfung an? Es ist sicherlich kein Problem, sich in Synagogen an die vorgeschriebene Kopfbedeckung zu halten. Genau so ist es kein Problem, in Moscheen die Schuhe aus- und das Kopftuch anzuziehen. Das sind Orte, die besondere Rücksichtnahme erfordern, und zwar unabhängig davon, ob sie sich im Westen, im Osten, im Norden oder im Süden befinden.

Aber der Iran ist keine Moschee. Und so wie in Deutschland ein Kopftuch nichts Ungewöhnliches ist, soll auch dort jeder, der mag, die Haare verbergen. Doch wer es nicht mag, sollte es nicht müssen. In den jahrzehntelangen Bemühungen um eine Re-Integration des Irans in die Gemeinschaft der Völker haben die Diplomaten versäumt, die Konsequenzen deutlicher zu machen, die eine solche Öffnung bedeutet. Oder verbietet das Schielen auf die Milliarden der Mullahs, die Bekleidungsvorschriften zu hinterfragen?

Natürlich wäre ein Aufruf zur offenen Rebellion der einzelnen Touristin, der einzelnen Pilotin, der einzelnen Stewardess naiv. Das bekämen die Sicherheitskräfte schnell in den Griff und die mutigen Frauen zu spüren, ohne dass sich irgendetwas ändern würde. Aber warum muss jede Fluggesellschaft für sich den Kotau vor Teheran, Riad & Co. vollziehen? Wären nicht zumindest Verhandlungen möglich gewesen, die Crew-Mitglieder, die Touristinnen, die Pilotinnen in besonderen Bussen vom Flughafen zum Hotel zu bringen? Inklusive der Drohung, dass nicht nur Air France, sondern auch alle anderen Airlines die Staaten mit Frauenhaar-Problemen nicht mehr anfliegen? Als Einstieg zur Auflockerung?

Und wäre es nicht Aufgabe der Politik, in den Verhandlungen und den immer wieder aufgesetzten Dialog-Begegnungen, die Mullahs davon zu überzeugen, dass Flexibilität auch in ihrem Interesse liegt? Dass sie auch ihre eigene, westlichen Werten zustrebende Jugend umso besser binden, je mehr Freiheiten sie ihr da lassen, wo es nicht um den Kern der Religiosität geht?

(may-)
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