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Michael Jung
Besuch beim besten Reiter der Welt

Michael Jung: Besuch beim besten Reiter der Welt
FOTO: dpa
Horb Am Neckar. Michael Jung (34) gewann dreimal Olympia-Gold in der Vielseitigkeit. Er gilt als Maß aller Dinge in der Reiterei. Ein Besuch bei einem heimatverbundenen Weltstar. Von Stefan Klüttermann

Michael Jung sitzt in einem Regiestuhl in der Frühlingssonne. Ab und zu übertönen seine Anweisungen das Radio, aus dem SWR 3 dudelt. Um ihn herum absolvieren drei Reiter den Parcours auf dem Trainingsplatz. Sie haben Unterricht in der Reitschule gebucht. Eine Reiterin ist aus Australien angereist. Von Jung lernen, heißt eben von einem dreimaligen Olympiasieger lernen. "Ein Fehler ist immer ein Fehler des Reiters, weil ein Pferd von Haus aus keinen Fehler machen will", wird Jung ein paar Minuten später sagen.

Da sitzt er oberhalb auf der Terrasse im Gartenstuhl. Schweizer Sennenhündin Cora steht schwanzwedelnd daneben. Im Hintergrund die Höhen des Nordschwarzwaldes. Hier ist Jung zu Hause. In Altheim, einem 1700-Seelen-Stadtteil von Horb am Neckar. Jung ist Ehrenbürger von Horb. Mit gerade einmal 34. "Ich glaube schon, dass der Schwarzwald mich als Mensch geprägt hat. Hier fühle ich mich wohl. Ich genieße die Stille. Ich bin auch kein Stadtmensch", sagt er.

Das sechs Hektar große Areal ist Jungs Basis. Hier saß er mit vier erstmals auf einem Pony. Hier hat er sich später seine Erfolge erarbeitet, hierhin kehrt er nach jedem Erfolg zurück. 1982 gründeten Mutter Brigitte und Vater Joachim, selbst erfolgreicher Reiter, die Reitschule. Ein Familienbetrieb, der dank der Erfolge des Filius inzwischen ständig 25 Pferde in der Arbeit hat. Auch schon mal auf der hauseigenen Geländestrecke mit mehr als 100 Hindernissen, über die Joachim Jung Besucher nicht ohne Stolz führt.

"Ein normaler Tag heißt, um halb acht aufstehen, ein kleines Müsli oder ein schnelles Butterbrot essen, dann ab in den Stall, raus mit dem Pferd, viel reiten, eine kurze Mittagspause und danach Training, Unterricht geben, Plätze richten und abends, wenn es geht, schön grillen", erzählt Michael Jung. Es ist das durchstrukturierte Pensum eines durchstrukturierten Sportlers. Erfolg gehe nur über Disziplin, findet Jung. Er gilt als "Rideaholic". Seine Erfolge als Vielseitigkeitsreiter geben ihm Recht: Doppelolympiasieger 2012 in London, Olympiasieger 2016 in Rio, zweimal Welt-, sechsmal Europameister. Jung war der erste Vielseitigkeitsreiter, der zeitgleich Olympiasieger, Welt- und Europameister im Einzel war. 2016 gewann er als Sieger der Turniere von Burghley, Badminton (beide Großbritannien) und Lexington (USA) den Grand Slam.

Viele Experten halten Jung für den besten Reiter der Welt. Haben sie Recht? "Ich sage immer, es gibt einige beste Reiter der Welt", sagt Jung diplomatisch, nippt am Wasserglas und lächelt. Er sieht seine Triumphe immer als Gemeinschaftswerk. Er zählt die Familie auf, den Tierarzt, den Hufschmied. Dazu kommt die "fischer-Unternehmensgruppe" aus dem Nachbarort, die ihn sponsert. Im Gegenzug fungiert Jung als Markenbotschafter für den Dübel-Giganten. Firmeninhaber Klaus Fischer unterstützt ihn außerdem privat. So heißen denn auch die Pferde "fischerRocana" oder "fischerTakinou".

Jung ist sich des Luxus' bewusst, einen befreundeten Mäzen zu haben. Es ist ihm aber auch bewusst, wie gefährlich es für den Reitsport ist, wenn der immer kostspieliger wird. So überlegt der Weltreiterverband derzeit, die Nenngelder für internationale Springturniere in Europa dem US-System anzupassen und so auf bis zu 1000 Euro pro Pferd zu erhöhen. "Das ist der falsche Weg. Denn wenn das Ganze noch teurer wird, fällt für mindestens die Hälfte der Reiter der Turniersport komplett weg, weil sie es sich einfach nicht mehr leisten können. Dann funktioniert es irgendwann nicht mehr, dann geht der Sport komplett kaputt. Es ist schade, dass sie beim Weltverband oft Dinge entscheiden, ohne die Reiter mit ins Boot zu holen", sagt Jung. Als Jung im August nach seinem Gold-Ritt von Rio ankündigte, zeitnah heimzufliegen, weil sein Erfolgspferd Sam die saftigen Weiden im Schwarzwald vermisse und sich die Arbeit auf dem Hof ja nicht von alleine erledige, erntete er höfliches Lächeln. Dabei war es sein Naturell, das da aus ihm sprach. "Einen Tennisschläger kümmert es nicht, wenn er mal ein paar Wochen in der Ecke steht. Aber ein Pferd braucht tägliche Betreuung", sagt Jung. Er kann nicht verstehen, wenn man das nicht versteht. Er sagt aber auch: "Wenn ich nach Hause komme, gehe ich nicht immer als Erstes in den Stall und streichle jedes Pferd."

In Blickweite vom Gartenstuhl steht der Lkw, mit dem Jung fast jedes Wochenende auf irgendein Turnier fährt. Er fährt selbst. Er müsste nicht, er will. "Ich will selber mit anpacken. Ich will selber mein Pferd nach Hause fahren. Ich will in einer Pause nach hinten gehen und ihm eine Karotte geben. Ich will gucken, wie es ihm geht. Manchmal fahre ich acht Stunden lang ohne Radio. Manchmal höre ich auch laut Musik. Robin Schulz höre ich sehr gerne, je nach Stimmung aber auch fetzige Partylieder", sagt er. Seine Eltern wollen ihn überreden, nach dem Turnier in Badminton Anfang Mai zurückzufliegen. Vermutlich werden sie ihn nicht überreden können. Sie kennen ihren Sohn.

Seit November trägt Jung den Ehrentitel Reitmeister. Er ist der jüngste Träger im Land. Natürlich. Wer wie er also im Beruf und im Sport auf dem höchsten Level angekommen ist, welche Ziele bleiben demjenigen? "Na ja, erst einmal ist es viel schwieriger, das Level zu halten, als einmal auf dieses Level zu kommen. Und es gibt immer neue Ziele mit neuen Pferden. Gerade die Weltmeisterschaft noch mal zu gewinnen, das ist ein Ziel. Oder die Europameisterschaft in diesem Jahr", sagt er.

Ein Ziel verfolgt Jung aber nicht: von der Vielseitigkeit ganz hinüber in den Springsport zu wechseln. "Ich möchte im Springen ein bisschen mehr machen und gucken, wie weit ich da komme. Aber die Vielseitigkeit macht mir einfach zu viel Spaß, so dass ich sie nie komplett lassen werde", sagt er.

Seine Fans wird es freuen, ihn weiter im Parcours, in der Dressur und im Gelände zu sehen. Fans hat Jung nämlich durchaus reichlich. Und damit auch reichlich Fanpost. "Es ist sehr viel, es ist bunt gemischt, und teils auch kurios. Mir ist mal ein Pferd angeboten worden, das der neue Olympiasieger sein sollte. Und ein paar Sätze später schrieb derjenige, das Pferd komme in drei Monaten auf die Welt", erzählt Jung schmunzelnd.

Das Vertrauen in Jungs Fähigkeiten ist zuweilen halt grenzenlos. So ist das eben, wenn man als bester Reiter der Welt gilt.

Quelle: RP
 
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