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Stephan Schippers im Interview
"Der Fußball muss sein eigener Herr bleiben"

Borussia Mönchengladbach: Stephan Schippers im Interview
"Wir diskutieren intensiv und nehmen uns gegenseitig ernst. Das ist eine gute Basis", sagt Stephan Schippers über den Dialog mit den Fans in Gladbach. FOTO: dpa, os jai
Mönchengladbach. Borussias Geschäftsführer erklärt, warum der Klub der Einladung der Ultras nach Erfurt nicht nachkommt, er aber den Dialog mit den Fans für wichtig hält.

Am Freitag feierte Stephan Schippers seinen 50. Geburtstag. Er ist seit 1999 Borussias Geschäftsführer. Seit 2010 gehört er dem Aufsichtsrat der Deutschen Fußball Liga (DFL) an, außerdem ist er Mitglied in der Kommission Finanzen der DFL sowie Mitglied im Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes. Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz sprachen mit Schippers über die Entwicklungen im Fußball, die DNA des Spiels und den Umgang mit den Fan-Protesten.

Herr Schippers, in der Bundesliga ist das Transferfenster zu, doch es gibt noch Länder, in denen es geöffnet ist. Zum Beispiel Mexiko. Dorthin wird Timothée Kolodziejczak möglicherweise noch verkauft – oder?

Schippers Es gibt das Interesse eines mexikanischen Klubs, richtig. Aber es gibt noch nichts zu vermelden. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt. Nach wie vor gilt, was Max Eberl gesagt hat: Es muss für alle Seiten passen. Für den Spieler. Aber auch für uns.

Was war für Sie das herausragende Merkmal der letzten Transferperiode?

Schippers In den vergangenen Monaten ist die Frage aufgekommen, ob sich der Fußball zu sehr von der Basis entfernt. Es geht dabei natürlich auch um die Explosion der Transfersummen. Tatsächlich muss man sich fragen, ob alles noch richtig ist, wenn 222 Millionen Euro für einen Spieler bezahlt werden.

Die Entfernung des Fußballs von der Basis, aber auch der Erhalt der Fankultur – das sind auch Themen eines Treffens, zu dem die Ultras der Liga am Wochenende alle Vereine nach Erfurt eingeladen haben. Wird Borussia dabei sein?

Schippers Wir werden nicht hinfahren. Das Angebot zum Dialog ist sehr gut, aber wir sind der Meinung, dass er in den bestehenden Strukturen stattfinden muss. Möglicherweise müssen an der einen oder anderen Stelle diese Strukturen überdacht werden, um auf Augenhöhe und mit möglichst großer Kompetenz zu sprechen. Wir sind hier in Mönchengladbach in einem funktionierenden und guten Austausch mit unseren Fans, auch mit den Ultras. Sie sind ein Teil unserer Fanszene, die viele Strömungen hat. Wir diskutieren intensiv und nehmen uns gegenseitig ernst. Das ist eine gute Basis.

Die Kritik am DFB wird in diesen Wochen in allen Stadien laut. Ist das für einen Verein, der gern 2024 Europameisterschaftsspiele ausrichten will und sich darum beim DFB bewirbt, schwierig?

Schippers Ich glaube nicht, dass das ein Ausscheidungskriterium sein wird. Der DFB beschäftigt sich ja sehr intensiv mit den Bedürfnissen der Fans und hat mit dem Angebot des Verzichts auf Kollektivstrafen die Tür für zielführende Gespräche geöffnet. Das begrüßen wir ausdrücklich. Nur übereinander zu schimpfen, das bringt uns nicht weiter. Wenn man in der Kommunikation ist, werden auch konstruktive Lösungen gefunden, da bin ich mir sicher.

Es gab in Gladbach Unruhe in der Fanszene – nun hatte man den Eindruck es hat sich beruhigt. Kann man sagen, dass die Entwicklung in Gladbach ein wenig konträr zur Gesamtsituation im deutschen Fußball ist?

Schippers Das sind zwei verschiedene Sachen. Bei uns gab es die Situation, dass eine Choreografie der Ultras zerstört worden ist. Darüber waren die Ultras sehr enttäuscht – und auch wir als Verein. Das haben wir in der Sommerpause aufgearbeitet. Es waren konstruktive und positive Gespräche. Unsere Fans haben den Borussen-Kodex 2.0 aufgelegt und damit verschiedene Kriterien festgelegt, was es bedeutet, Fan von Borussia zu sein, gerade in der Nordkurve. Wir als Verein sind sehr stolz darauf, dass unsere Fanszene so aktiv mit dem Thema Selbstregulierung umgeht. Auf nationaler Ebene war sicherlich das DFB-Pokalfinale mit dem Konzert von Helene Fischer in der Halbzeitpause ein großer Stein des Anstoßes. Oder auch die Integration von Testspielen der chinesischen U20-Nationalmannschaft in den Spielplan der Regionalliga Südwest. Ich denke, dass der deutsche Fußball etwas ganz Besonderes ist, und diesen Kern müssen wir erhalten. Darum ist es auch wichtig und richtig, über Themen wie 50+1 zu sprechen.

Wo und wann hat die Entfremdung der Fans und der Funktionäre angefangen?

Schippers Ich würde gar nicht von einer Entfremdung reden. Es sind einfach einige Dinge zusammengekommen, die zu der Situation geführt haben. Es sind ja viele Ideen in den Ring geworfen worden. Sachen wie: Spielen wir in Zukunft noch zweimal 45 Minuten oder dreimal 30? Dann kommen die Nachrichten über gigantische Transfersummen. Und und und. Dass da der Fan irgendwann sagt: "Halt, stopp!", das ist doch nachvollziehbar. Da kommt die Frage nach der DNA des Fußballs auf – und das ist auch richtig so.

Was ist die DNA des Fußballs?

Schippers Wir sprechen doch sicher über die Tatsache, dass ein Spiel zweimal 45 Minuten dauert. Darüber, dass es kein Thema sein darf, dass Stehplätze abgeschafft werden oder dass es während eines Spiels Werbeunterbrechungen gibt. Und wir sollten den Wunsch der Fans ernst nehmen, dass ihre Klubs sich nicht an Investoren verkaufen und fremdsteuern lassen.

Es ist aber ein schmaler Grat. Fußball ist eine Unterhaltungsmaschinerie.

Schippers Trotzdem muss der Fußball Fußball bleiben. Die Leute kommen ins Stadion, um Fußball zu sehen, wir müssen sie nicht mit irgendeinem Randevent bespaßen. Aber wir müssen auch auf der Höhe der Zeit bleiben, jedenfalls dort, wo es Sinn macht. Deshalb gibt es zum Beispiel jetzt den Videobeweis als Hilfsmittel...

Das auch jedes Mal, wenn es eingesetzt wird, eine Inszenierung ist ...

Schippers Es geht ja grundsätzlich um Fairness. Das ist ein wichtiger Teil des Spiels. Warum sollten wir also den Schiedsrichtern ein Hilfsmittel vorenthalten, auf das alle, das Fernsehen und alle Zuschauer, zugreifen können? Wir müssen offen sein für sinnvolle technische Weiterentwicklungen, zum Beispiel für virtuelle Banden, die es möglich machen, im Ausland im Fernsehen andere Werbung auf den Banden laufen zu lassen als hier in Deutschland. Wir müssen uns als Klubs bewegen, auch um dranzubleiben an den großen ausländischen Ligen, die in Sachen Auslandsvermarktung zum Teil weit voraus sind. Aber noch mal: Man darf nicht vergessen, woher man kommt. Es gibt Werte im deutschen Fußball und für die muss man einstehen.

Da geht es ja auch um Verständnis. Gilt das auch für die aktuelle Baumaßnahme im Borussia-Park, die anfangs bei den Fans doch recht kritisch gesehen wurde?

Schippers Ich denke nicht, dass die Fans das so kritisch gesehen haben. Ich denke eher, dass wir damit viele Antworten geben, auf Fragen, die uns von den Fans gestellt wurden. Wo kann ich nach dem Spiel übernachten? Wo kann ich meinem Sohn Borussias Geschichte zeigen? Warum ist der Fanshop an Spieltagen so voll, dass ich dort nicht reinkomme? Die Zeit verändert sich, darauf muss man reagieren. Wir sind der Meinung, dass dadurch der Fußball bei uns sogar noch mehr in den Mittelpunkt rückt. Wenn sie möchten, können unsere Fans in Zukunft das ganze Wochenende im Borussia-Park verbringen.

Es wird auch ein neues Jugendzentrum mit 25 Plätzen geben. Andere Klubs, wie der FC Bayern oder RB Leipzig, haben mehr als doppelt so viele Plätze. Warum so klein?

Schippers Erst mal ist es für uns ja eine Vergrößerung von zwölf auf 25 Plätze. Und diese Größenordnung ist ein Teil unserer Philosophie. Wenn wir einen jungen Spieler zu uns ins Internat holen, sind wir total überzeugt von ihm. Dann tun wir alles dafür, dass er auch oben ankommt. Wenn man mal rechnet, dass man elf Plätze in einer Mannschaft hat, dann ist jeder Platz schon doppelt besetzt. Wenn man 40, 50 oder 60 Plätze hat, wird es doch viel schwieriger, den Jungs regelmäßig Spielpraxis zu geben und sie nach oben durchzubringen.

Es wird für den eigenen Nachwuchs aber immer schwieriger, sich nach oben durchzusetzen, das zeigt die Tendenz der vergangenen Jahre.

Schippers Wenn man sich als Klub nachhaltig in der oberen Tabellenhälfte bewegt und auch immer wieder international spielt, ist das sicherlich eine andere Aufgabenstellung an die Jugendabteilung. Der Anspruch ist höher geworden. Deswegen schaut man sicherlich auch mehr als vorher auf 17- oder 18-Jährige von außen, die uns weiterhelfen und die wir entwickeln können.

Entwickeln heißt auch Marktwertentwicklung. Das heißt: Borussia baut auch Spieler auf, die dann später weiterverkauft werden.

Schippers Das ist aber nicht unser erstes Ziel. Wir wollen die sportliche Qualität hier haben. Wenn sich ein Spieler, der sich im ersten Schritt in seinem Heimatklub entwickelt hat, dann im zweiten Schritt bei uns weiterentwickelt, dann vielleicht nochmal verlängert und dann im vierten Schritt zu einem Topklub geht, dann ist das doch der Weg, der in Ordnung ist. Aber wir holen doch keinen Denis Zakaria und schielen darauf, welchen Preis wir mit ihm erzielen können. Wir brauchen seine sportliche Qualität, um uns sportlich weiterzuentwickeln.

Borussia hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt. In einschlägigen Listen steht der Klub meist unter den Top 40 in Europa. Macht Sie das stolz?

Schippers Natürlich. Mit dem neuen Stadion konnte Borussia den Schritt auf ein höheres Niveau machen. Wir waren in den letzten fünf Jahren sportlich sehr erfolgreich, und der sportliche Erfolg ist die Triebfeder für alles andere. Wir haben uns sehr gut entwickelt, sind aber noch lange nicht fertig.

Macht es Sie wehmütig, zu sehen, wie der 1. FC Köln oder Hoffenheim in der Europa League spielen?

Schippers Es macht mich wehmütig, dass wir nicht dabei sind. Ansonsten drücke ich jedem Klub, der die Bundesliga in Europa vertritt, die Daumen. Wir selbst müssen daran arbeiten, da zu sein, wenn andere schwächeln um möglichst wieder in den Kreis der Europapokalteilnehmer reinzurutschen.

Hätten Sie 1999, als Sie den Job übernommen haben, gedacht, über solche Probleme wie verpasste Europa-Teilnahmen zu sprechen? Wie ist der Blick zurück mit nun 50 Jahren?

Schippers Wir hatten uns auf die Fahne geschrieben, den Klub in die richtige Richtung zu führen. Aber wenn damals jemand gesagt hätte, es gibt Europapokalspiele in einem neuen Stadion, den hätten wir vor 18 Jahren sicherlich etwas belächelt. Selbst als wir in den Borussia-Park gewechselt sind, hatten wir ja noch schwere Zeiten. Dass wir dann zweimal in Folge Champions League gespielt haben, ist Wahnsinn. Für uns ist der Europapokal alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Sportdirektor Max Eberl hat zuletzt eine Vision skizziert von einer eigenen Schule im Borussia-Parkt. Steht bald der nächste Neubau an?

Schippers Wir sind ja schon Eliteschule des Fußballs, wir haben unsere Partnerschulen in der Stadt. Wir sind sehr gut aufgestellt. Natürlich ist es reizvoll, die gesamte Jugendarbeit, die sportliche und die schulische, hier am Ort zu haben, um die Abläufe noch mehr optimieren zu können. Aber im Moment haben wir viele Projekte, die wir zunächst abschließen wollen. Visionen werden wir aber immer haben, das ist auch wichtig.

Zugleich ist da aber die Tradition. Es soll im Bereich des alten Bökelbergs ein Borussia-Denkmal geben.

Schippers Eicken ist unsere Geburtszelle in der Stadt, der Bökelberg war 85 Jahre lang unsere Heimat. Dass es uns die Stadt ermöglicht, dort auf rund 500 Quadratmetern eine Erinnerungsstätte zu errichten, ist eine super Idee. Über die Gestaltung wird noch nachgedacht. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten. Wir haben seit dem Umzug in den Borussia-Park viel aufgebaut, aber wir werden uns immer an unsere Wurzeln erinnern.

Apropos Bökelberg: Die Nordkurve war dort anders als heute im Borussia-Park. Was hat sich geändert?

Schippers Auch die Nordkurve hat sich entwickelt, wie wir alle. Dem muss man sich stellen.

Inwieweit muss man als Verein Verständnis aufbringen für Fans, auch wenn man die Dinge anders sieht?

Schippers Man muss authentisch bleiben. Ein Fußballverein ist ja auch ein Teil der Gesellschaft - und ein wichtiger Katalysator. Wir ärgern uns alle über Bilder von Ausschreitungen, die wir nicht haben wollen - aber man sollte sich auch klar darüber sein, dass solche Sachen auch passieren würden, wenn es den Fußball nicht geben würde, dann halt an anderer Stelle.

Führt der Dialog, der am Sonntag geführt wird, zu etwas, oder ist es ein Scheindialog?

Schippers Was am Sonntag passiert, kann ich nicht sagen. Aber hier vor Ort haben wir einen guten Dialog. Auf diesen Austausch können wir stolz sein. Wir arbeiten alle am gleichen Ziel: mit Borussia Erfolge zu erleben und friedliche Fußballspiele über die Bühne zu bringen. Man muss sich doch vor Augen führen, was es bedeutet, wenn die Politik einschreitet. Dann gibt es vielleicht Verhältnisse wie in den Niederlanden oder Italien, wo es praktisch keine Möglichkeit mehr gibt, zu Auswärtsspielen zu fahren. Das will keiner. Der Fußball muss sein eigener Herr bleiben, daran müssen wir alle gemeinsam arbeiten. Auf Klubebene, aber auch auf der großen Ebene bei den großen Themen wie den Kollektivstrafen. Die dürfen, wenn überhaupt, nur das Ende der Fahnenstange sein. Aber niemand will das.

Quelle: RP
 
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