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Fifa gibt erstmals Manipulation zu
Die Spur führt zu Jack Warner

Das ist Jack Warner
Das ist Jack Warner FOTO: dpa
Düsseldorf/Zürich. Die Fifa räumt ein, dass bei der Vergabe der WM-Turniere 1998 und 2010 geschmiert wurde. Was bedeutet das für die WM 2006? Von Robert Peters

Ende Mai 2000 feiert der FC Bayern München seinen 100. Geburtstag. Auf der Gästeliste stehen Jack Warner und seine Frau Maureen. Der Präsident des nordamerikanisch-karibischen Fußballverbandes (Concacaf) ist auf Einladung des DFB in München. Der sechstägige Aufenthalt des Ehepaares Warner in Deutschland kostet 43.170,38 Mark (knapp 22.000 Euro). Davon entfallen auf die Flüge 28.326,78 Mark, den Hotelaufenthalt in München 9403,60 Mark, einen Ausflug nach Berlin und Bewirtungskosten etwa 5000 Mark. Unter dem Titel "diverse Barauslagen Bewerbung WM 2006" werden "Regenschirm für Mrs Warner", "Kniestrümpfe Mrs Warner" und "Medikamente Mrs Warner" verbucht.

So steht es im Bericht der Kanzlei Freshfields, die im Auftrag des DFB die Vorgänge um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland untersucht hat.

Jack Warner gehört zum Kreis der 41 Fußball-Funktionäre, von denen der Weltverband Fifa Schadenersatz haben will, weil sie sich für ihre Stimmen bei der Vergabe der Turniere 1998 (Frankreich) und 2010 (Südafrika) bezahlen ließen. Ihm und seinem Generalsekretär Chuck Blazer wird zur Last gelegt, Bestechung bei der Ausrichterwahl der WM 2010 organisiert zu haben. Blazer hat das vor den US-amerikanischen Strafverfolgungsbehörden gestanden. Die Fifa erklärt in ihrem Schadenersatz-Begehren: "Sie haben die fundamentalen Pflichten gebrochen und zehn Millionen Dollar gestohlen." Die beiden stimmten auch bei der Vergabe der Turniere 2006 an Deutschland, 2018 an Russland und 2022 an Katar mit.

Es ist nicht bekannt, ob Warner einen Monat nach seinem Deutschland-Besuch bei der Sitzung des Exekutivkomitees der Fifa für den DFB votiert hat. Sicher aber ist nach der Freshfields-Untersuchung, dass er schon 1997 in einem Brief an den damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun schreibt: "Bitte seien Sie versichert, dass ich offen für die Kandidaturen von Deutschland und England bin. Wir können diese Angelegenheit bei einem Treffen detaillierter besprechen." Es sei wünschenswert, die Beziehungen zwischen seinem amerikanischen Verband und dem DFB zu verbessern. Und er weist ein Jahr später in einem Fax an das deutsche WM-Bewerbungskomitee darauf hin, "dass der DFB bisher für die Concacaf von allen Nationen, die sich für die WM 2006 bewerben, am wenigsten getan hat". Was getan werden kann, drückt in Warners Auftrag Lord Claus Lippert of Bletchley, der Vizepräsident des Verbands von Anguilla, präziser aus. Den stimmberechtigten Mitgliedern der Concacaf gelte es "klarzumachen, dass sie mit Deutschland die richtige Wahl träfen". Dies sei "nicht mit bunten Prospekten und Krawatten zu bewältigen. Die Einheimischen fallen heute nicht mehr auf Glasperlen herein".

Fünf Wochen nach Warners Besuch in München und Berlin wird ein Vertrag abgefasst, der dem amerikanischen Verband "umfassende Unterstützung durch Sach- und Geldleistungen über einen Zeitraum von vier Jahren in Aussicht stellt", wie es im Freshfields-Bericht steht. Der Vertragsentwurf wird ein paar Tage vor der Wahl des WM-Ausrichters von Franz Beckenbauer, dem Chef des deutschen Bewerbungskomitees, und Warner unterzeichnet. Beckenbauers Berater Fedor Radmann, später Mitglied des WM-Organisationskomitees, bestätigt den Inhalt mit seiner Paraphe.

Vertrag nie umgesetzt

Beckenbauer lässt sich absichern, dass der Vertrag erst nach Genehmigung durch das DFB-Präsidium in Kraft tritt. Das ist sehr klug, denn der Vertrag wird nie umgesetzt. Vor den Freshfields-Ermittlern kann Beckenbauer sich nicht erinnern, dass er den Kontrakt unterschrieben hat. Er habe "immer alles unterschrieben, sogar blanko". Es könne aber sein, dass er gesagt habe: "Wir schauen mal, dass wir deine Konföderation unterstützen." Warner sei sehr einflussreich gewesen, man habe ihn nicht zum Feind haben wollen. Mit dem Vertrag sei er erst "einmal über die Wahl hinaus beruhigt". So weit reicht Beckenbauers Erinnerungsvermögen doch.

Nach Freshfields-Erkenntnissen ist das Medienunternehmen Kirch am Zustandekommen des Vertrags beteiligt. Die Kirch-Gruppe ist zwei Jahre vor der Bewerbung aufgefordert worden, "für den DFB in Richtung Fifa und Exekutivmitglieder" tätig zu werden. Das belegt ein Schreiben von Beckenbauers Berater Radmann. Kirch hält seinerzeit die WM-TV-Rechte. Die Beziehungen zwischen Warner, selbst sehr aktiv im TV-Rechte-Geschäft, und der Kirch-Gruppe lassen sich mit einem Detail beweisen. Kirch spendet auf Warners Bitte 20.000 US-Dollar für die Restaurierung einer Kirchenorgel in Trinidad.

Ob es da um einen netten Gefallen geht oder um einen Teil eines großen Bestechungsfalls werden die weiteren Ermittlungen der US-Behörden zeigen. Die Deutschen sind nach den Enthüllungen um die Turniere 1998 und 2010 nicht aus dem Schneider. Weniger denn je.

Quelle: RP
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