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Gamescom
Die Türkei hat noch einen langen Weg vor sich

Fotos: Ein Rundgang über die Computerspielmesse
Fotos: Ein Rundgang über die Computerspielmesse FOTO: Ludwig Jovanovic
Köln. In den Wirren der gesellschaftlichen und politischen Lage fungiert die Türkei aktuell als Partner der Gamescom 2016 in Köln. Doch ein Blick hinter die Kulissen macht deutlich: Der Gaming-Industrie im Land steht noch ein langer Weg bevor. Von André Sarin

Das Land reiht sich dabei in die Liste renommierter Vorgänger wie Großbritannien, Südkorea oder Frankreich ein und nimmt für sich in Anspruch das Mekka der Videospiele-Industrie im Mittleren Osten zu sein. "Der türkische Markt bietet ein enormes Entwicklungs- und Wachstumspotenzial. Allein 2015 hat die türkische Entwickler-Industrie ihre Größe verdoppelt", erklärt Ali Erkin, Vorsitzender der Turkish Game Developers Association (TOGED) und Managing Director von Taleworlds Entertainment, einem der größten Entwicklerstudios der Türkei. "Die TODEG dient der Branche dabei als Mittelsmann um Studios, Investoren und Technologieträger aber auch staatliche Organe, wie zum Beispiel das türkische Wirtschaftsministerium, ins Spiel zu bringen", berichtet er weiter.

Soweit die Theorie, doch wirft man einen Blick hinter die Kulisse, fällt schnell auf, dass TODEG sich lediglich aus 16 großen, auch internationalen Studios zusammensetzt. Mit dabei ist auch ein Ableger des Frankfurter Unternehmen Crytek, das in der Branche vor allem für ihre CryEngine bekannt sind. 2013 gründete man eine Niederlassung in Istanbul. Istanbul bildet zusammen mit Ankara den Kern der türkischen Entwicklerszene. Doch anders als zum Beispiel in Südkorea oder Frankreich ist diese Szene gerade am Anfang und keineswegs etabliert. Das zeigt sich auch im Messeauftritt der Türken.

In Köln kooperiert die TOGED sowohl mit der Turkish Electro Technology als auch mit dem Technologiepark ODTU Teknokent. Dies klingt imposanter als es wirklich ist. Auch wenn TOGED den Technologiepark immer wieder als Keimzelle der Spieleindustrie in den Vordergrund stellt, so ist die TOGED doch vor allem darauf bedacht, ihren eigenen Mitgliedern zu helfen und eine gute Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium sowie der der Agentur für Wirtschafts- und Investitionsförderung der Türkei zu fördern. Externe Studios werden zwar unterstützt, doch nur nach eingehender Prüfung mit eher schwammigen Kriterien. Da hilft es auch nichts, wenn man den kleinen Istanbuler Indie-Studios zur Gamescom kostenlose Messestände in Aussicht stellt, die Studios dann vor Ort aber im Stich lässt, so dass diese zum Beispiel Inventar oder Strom in Eigenregie organisieren müssen.

Und so zeigt sich im Gespräch mit Entwicklern schnell, dass die Türkei noch kein Shooting-Star der Branche ist. "Wir sind Teil einer jungen Industrie und dazu gehört nun mal auch, dass sich die Suche nach Investoren, Plattformen oder Mitarbeitern schwierig gestaltet", beschreibt es Volkan Demir, Mitbegründer von Oldmustache Gameworks. Das Istanbuler Studio präsentiert auf der Messe sein hochgelobtes düsteres Mystery-Abenteuer No. 70. Dieses hat das Studio mit einem Investor verwirklichen können und wird es noch in diesem Jahr über die Internet-Vertriebsplattform Steam veröffentlichen. Demir setzt dabei nicht auf die Fachkräfte des ODTU Teknokent, sondern beschäftigt in seinem achtköpfigen Team aus Freunden auch einen 15-jährigen Programmierer.

Noch kritischer sieht man die Situation auch bei bei Reality Arts Studio, einem kleinen Indie-Studio aus dem Istanbuler Finanzviertel Levent. Weil türkische Fachkräfte fehlen, arbeitet das Studio mit amerikanischen und europäischen Fachkräften zusammen. "Unser Lead Programmierer ist aus Polen. Wir waren gezwungen diesen Weg zu gehen, da wir in der Türkei keinen Fachmann gefunden haben, der im Umgang mit der von uns benutzen Unreal Engine vertraut war", erläutert Caner Atas, 3D-Artist des Studios. Atas ist selbst noch Student und schätzt die Ausbildung der Fachkräfte als schwierig ein. "Es gibt nur drei Universitäten die sich mit dem Thema Videospiele beschäftigen. Und als ob das nicht schon schwierig genug wäre, gibt es einfach keine guten Ausbilder", so Atas.

Zu diesen Schwierigkeiten kommt dann noch eine türkische Besonderheit, die nicht erst seit dem Putschversuch zu beobachten ist. "Das Schicksal der beliebten Sängerin Sila Gençoğlu führt uns vor Augen, dass wir Einschränkungen in unserer Meinungs- und Redefreiheit unterworfen sind", mahnt Kemal Ciftcioglu. Gençoğlu sagte ihre Teilnahme an einer regierungsnahen Großkundgebung ab und wurde dafür heftig von Medien und im Social Web angegangen. Auch wurden Auftritte der Sängerin abgesagt und die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen "Herabsetzung der türkischen Nation" ein.

"Doch so weit wird es in der Videospieleindustrie nicht kommen", da ist sich Ciftcioglu sicher. "Zum einem produzieren wir in der Türkei keine Spiele mit politischem Inhalt, zum anderen sind unsere Probleme zurzeit noch eher technischer Natur. Wo finden wir Mitarbeiter, Investoren oder Publisher?" Und so präsentiert sein Studio auf der Gamescom den gänzlich unpolitischen Sciencefiction-Shooter Voidrunner, der auch mit einer Virtual Reality spielbar ist.

Deutlich wird aber immer wieder: Die Türkei steht in Sachen Gaming erst am Anfang einer Entwicklung.

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