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Von Felix Jaehn bis Rammstein
Deutsche Hits in den USA

Von Felix Jaehn bis Rammstein: Deutsche Musik in den USA
Jürgen Klinsmann, Nena, Felix Jaehn, Dirk Nowitzki, Till Lindemann von Rammstein: Deutsche Kultur ist ein Exportschlager. FOTO: dpa, pixathlon
Düsseldorf. Die Amerikaner tanzen zu Musik von Felix Jaehn, sie besuchen Konzerte von Rammstein und tragen Birkenstock. Deutsche Kultur ist ein Exportschlager.  Von Frank Herrmann

In Chinatown – ob in New York oder San Francisco – muss einem keiner erklären, wo die Wurzeln des Gassengewirrs liegen. Jeder weiß, der Kennedy-Clan stammt aus Irland, Michael Dukakis, 1988 der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, hat griechische Vorfahren und Nancy Pelosi, die erste Frau an der Spitze des amerikanischen Parlaments, italienische.

Am St. Patrick's Day muss man sie fast schon suchen, die Kneipen, die ihre Fenster nicht mit irischen Kleeblättern bemalen. Little Italy im Herzen Manhattans ist zwar längst nicht mehr das, was es mal war, umso größer leuchtet die Reklame mit dem Namen des Viertels über der Mulberry Street. Cinco de Mayo ist zwar ein mexikanischer Feiertag, doch auch in Houston, San Antonio oder Chicago herrscht am 5. Mai Kirmesstimmung. Aber die Deutschen?

Nun, irgendwie scheinen deutsche Kultur-Exporte derzeit en vogue zu sein – wenn man den Begriff des Kulturellen denn weit genug fassen mag. Man findet sie fast überall. Neuerdings scheint sich jedes herbstliche Trinkgelage mit dem Titel Oktoberfest zu schmücken. Gespielt wird dort ganz sicher der derzeit allgegenwärtige Pop-Hit "Cheerleader" des DJs Felix Jaehn aus Mecklenburg-Vorpommern, der Platz eins der Single-Charts erreichte – mehr als 30 Jahre, nachdem Nena und Milli Vanilli ähnliche Erfolge hatten. Und man redet über die Pyrotechnik-Shows der Berliner Band Rammstein in New Yorks Madison Square Garden und weiß nicht so recht, ob sie einen nun faszinieren oder amüsieren sollen.

Rammstein: wie eine Band provoziert FOTO: ddp

Oder man diskutiert über die neue Staffel der Serie "Homeland", die in Berlin spielt. Und über Steven Spielberg, der auch gerade zu Dreharbeiten dort war. In Michigan gibt es einen Ort namens Frankenmuth, der Deutschland zeigt, wie es nie gewesen ist, eine Landschaft aus Lederhosen, Dackeln und Blaskapellen. Folkloristische Inseln, weiter nichts. Beim Zensus vor zwei Jahren gaben 46 Millionen Amerikaner an, deutsche Vorfahren zu haben. Keine andere Gruppe, nicht die Iren, nicht die Engländer, nicht die Italiener, kommt auf solche Zahlen.

Nur gab es lange Zeit gute Gründe, es nicht an die große Glocke zu hängen. Den Ersten Weltkrieg, als sich die Stimmung so eindeutig gegen Deutschland drehte, dass Sauerkraut mancherorts in Liberty Cabbage umbenannt wurde. Den Zweiten Weltkrieg, die Schoah, die Scham, die dem Zivilisationsbruch folgte und die natürlich bis über den Atlantik reichte. Inzwischen mag es, wie der deutschstämmige Autor Erik Kirschbaum 25 Jahre nach der Wiedervereinigung in der "New York Times" schrieb, zarte Triebe einer neu keimenden Identität der German-Americans geben.

2010 gründeten Kongressabgeordnete mit deutschem Bezug einen parteiübergreifenden, wenn auch nicht ganz ernst gemeinten sozialen Kreis, wie er beispielsweise für Italoamerikaner im Kapitol seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit ist. Das Entstehen einer wunderbar vielfältigen, bisweilen schrägen Bierkultur – Stichwort Mikrobrauerei – lässt Biergärten bayerischen Modells in Mode kommen, idealerweise sogar mit Kastanien.

Düster: Ballett tanzt zu Klängen von Rammstein FOTO: dpa, jbu htf

Spielt die amerikanische Fußballmannschaft schlecht, was derzeit ziemlich oft der Fall ist, tun sich die Kommentatoren überaus schwer, die Schuld bei dem Wahlkalifornier Jürgen Klinsmann zu suchen, obwohl eine ähnliche Serie von Misserfolgen auf dem Baseballrasen oder in Footballstadien längst einen Trainerwechsel nach sich gezogen hätte. Es ist vielleicht nicht ganz falsch, von einem Deutschland-Bonus zu sprechen. Und dann ist das ja auch noch der allseits verehrte Basketball-Star Dirk Nowitzki.

Oder Birkenstock. Die bequemen Sandalen seien auf kuriose Weise zum Kultobjekt geworden, in den Trendvierteln Brooklyns geradezu omnipräsent, so fasste neulich eine Reporterin des "New Yorker" ihre Eindrücke zusammen. Was unsereinen sofort an eines der Klischees amerikanischer Wahlkämpfe denken lässt, an den "Birkenstock-wearing bleeding heart liberal".

Frei übersetzt: der Anhänger/die Anhängerin der Demokratischen Partei, der/die mitfühlend alle Probleme der Welt oder doch zumindest des Landes lösen zu können glaubt, worüber hartgesottene Republikaner natürlich nur schmunzeln. Deutsches Schuhwerk, der Inbegriff des Progressiven. Auch die Musik der Elektronik-Ingenieure Kraftwerk wurde jüngst als musikalische Pioniertat gewürdigt. Das Quartett begab sich kürzlich auf US-Tournee.

Andererseits hat es nicht lange gedauert, bis sich im Abgasskandal um VW Stimmen zu Wort meldeten, die daran erinnerten, dass die Firma Volkswagen einst unter den Nazis groß wurde. So dick ist das Eis nicht, auf dem sich das neue Deutschland in der amerikanischen Wahrnehmung bewegt.

In den USA fließt seit jeher vieles zusammen, wobei sich wie so oft nicht mehr sortieren lässt, woher nun genau welches Einfluss-Element stammt. Wozu sollte man auch? Es lebe der Schmelztiegel! Carl Laemmle, ursprünglich Schwabe, schuf das erste große Filmstudio der Stadt Los Angeles. Regisseur Werner Herzog und Komponist Hans Zimmer arbeiten dort sehr erfolgreich, sie gehören längst zum Establishment im US-Entertainment. Pfizer, Boeing, Steinway, Levi Strauss, nicht zu vergessen Heinz, die Ketchupmarke: alles Weltmarken – und Gründungen von German-Americans.

Man soll es nicht übertreiben mit dem Einfluss deutscher Kultur in Amerika. Aber ein bisschen freuen über das Interesse der Amerikaner darf man sich doch.

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(lsa/RP)
 
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