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Konkurrenz für klassische Automessen
Pebble Beach, Goodwood & Co - die neuen Bühnen für PS-Premieren

Pebble Beach, Wörthersee, Goodwood & Co - die neuen Bühnen für PS-Premieren
Pebble Beach, Wörthersee, Goodwood & Co - die neuen Bühnen für PS-Premieren FOTO: dpa, loe
Pebble Beach. Premieren von neuen Automodellen finden in Detroit, Genf, Frankfurt oder Paris statt. Das war zumindest bisher in Stein gemeißelt. Doch die Modellvielfalt auf der einen und das nachlassende Interesse auf der anderen Seite zwingen den PS-Zirkus an neue Spielstätten wie Pebble Beach, Goodwood oder den Wörthersee.

Schmächtige Schnauferl aus den Vorkriegsjahren, sportliche Coupés im Art Deco-Design und Rennwagen mit legendären Siegen - auf den Rasen des berühmten Golfclubs in Pebble Beach in Kalifornien schaffen es zum Concours d'Elegance jedes Jahr im August nur verdiente Oldtimer. Doch noch bevor drinnen das Schaulaufen der Klassiker beginnt, rücken die Autohersteller draußen ihre schönsten Neuheiten ins Rampenlicht.

So hat zum Beispiel Mercedes nicht irgend eine Automesse, sondern Pebble Beach für die Weltpremiere einer spektakulären Maybach-Studie auserwählt. Die soll der Luxusmarke als ebenso feudales wie forsches Coupé von sechs Metern Länge einen sportlichen Anstrich geben.

Das liegt im Trend: Weil die Hersteller mit ihren weit verästelten Modellpaletten immer mehr Neuheiten präsentieren müssen und zugleich das Besucherinteresse an den klassischen Automessen nachlässt, bespielen sie zunehmend exotische Premieren-Bühnen.

Die außergewöhnlichsten Kühlerfiguren von Pebble Beach FOTO: Bugatti

Goodwood das Festival of Speed

Davon kann auch Lord March ein Lied singen. Der Graf aus Südengland veranstaltet jedes Jahr im Frühsommer auf seinem Landsitz in Goodwood das Festival of Speed und zelebriert dort auch eine "Moving Motorshow".

Neben verdienten Rennwagen treten deshalb bei ihm zahlreiche neue Autos zum legendären Hillclimb an - in diesem Jahr etwa der Supersportwagen Mercedes AMG GT R oder der neue Bugatti Chiron. Diese Jungfernfahrten vor über 200.000 Zuschauern sind bei den Herstellern so beliebt, dass sie mittlerweile sogar noch getarnte Prototypen auf die Piste schicken, um Aufmerksamkeit zu wecken.

Goodwood Festival of Speed - für alle Sinne FOTO: Hanne Lübbehüsen/SP-X

Das kommt bei den Gästen offenbar bestens an. Während die klassischen Automessen zumindest in den gesättigten Märkten Europa und den USA mit Besucherschwund zu kämpfen haben, meldet Lord March jedes Jahr steigende Zahlen.

"Wir haben mit 1993 mit 25.000 Gästen angefangen und sind jetzt bei rund 250.000 ", sagt er und hat für sein Erfolgsrezept eine ganz einfache Erklärung: "Man muss Autos im Fahren sehen, muss sie hören und riechen und nicht einfach nur anschauen." Dazu kämen auch noch die vielen Rennfahrer und der Umstand, dass hier alle Autos und alle Prominenten nahbar sind und nicht in VIP-Zonen versteckt werden, "das ergibt eine Atmosphäre, die keine Messehalle der Welt bieten kann."

Bei den Klassikern sieht man nur "vier Räder am Stück"

Vision Mercedes-Maybach 6 - diesen Traumwagen gibt es nie zu kaufen FOTO: Daimler

Dass Klassiker wie der Pariser Salon im Oktober an Interesse einbüßen, ist für Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer teils auch ein hausgemachtes Problem. "Die Spannung dort ist überschaubar", sagt der Professor an der Universität Duisburg-Essen.

Während auf Elektronikmessen wie der CES im Januar in Las Vegas die großen Themen der Zeit wie das automatisierte Fahren und die Digitalisierung gespielt würden, finde man auf den konventionellen Messen nur "vier Räder am Stück". "Das konnte man vor 20 Jahren machen. Aber heute braucht es zündenden Ideen, um Spannung zu erzeugen."

Viele Autohersteller weichen mit ihren Premieren nicht nur auf andere Events aus, sondern bleiben den Motorshows zum Teil sogar ganz fern. So hat Volvo viele Messen aus dem Kalender gestrichen: "Messen sind eine traditionelle Präsentationsfläche, wo Marken um die besten Premierenzeiten und größte Aufmerksamkeit in den Medien buhlen", sagt Volvo-Vertriebsvorstand Alain Visser und findet viele Nachahmer.

Pebble Beach: Klassiker-Luxus in Kalifornien FOTO: Günter Weigel, SP-X

Mini zum Beispiel wählt die Messen nach Angaben von Pressesprecher Andreas Lampka in München sehr viel zurückhaltender. Nach Insider-Informationen zufolge soll mit Ford diesmal auf dem Pariser Salon sogar einer der Volumenhersteller wackeln.

"Statische Premieren" an coolen Event-Locations

Bei der Suche nach Alternativen ist die Autobranche überaus kreativ. Selbst Veranstaltungen wie die Fashion Week in Berlin haben die Hersteller bereits für sich entdeckt und in Mailand vergeht keine Möbelmesse, auf der nicht mindestens eine Designstudie mit vier Rädern gezeigt wird - in diesem Jahr zum Beispiel der Toyota Setsuna. 2013 war dort der Renault Twin'z der Vorbote des Twingo.

Die Oldtimer-Schau in Pebble Beach FOTO: dpa, Thomas Geiger

Und wer seine Neuheiten weder auf einer klassischen Messe verheizen oder auf einem branchenfremden Event präsentieren will, der inszeniert einfach seinen eigenen Zirkus: Immer öfter bitten die Hersteller deshalb zu so genannten "statischen Premieren" an vermeintliche coole Event-Locations.

Der neue Porsche Panamera im Motoren-Werk Berlin, die Mercedes S-Klasse in den Airbus-Hallen in Hamburg oder die jüngsten Mini- oder Rolls-Royce-Studien im Roundhouse zu London: Wenn man keinen passenden Event findet, so scheint es, macht man sich einen. Und wer dabei nicht nur ausgewählte Gäste, Journalisten oder Analysten erreichen will, engagiert sich bei Fan-Festen vor großem Publikum.

Nicht umsonst hat VW viele sportliche Neuheiten bei den GTI-Treffen am Wörthersee enthüllt oder Smart zum Beispiel das neue Cabriolet im letzten August zum ersten Mal beim Kundentreffen "Smart Times" in Budapest gezeigt. Diese Methode hat schon eine lange Tradition.

Sie geht zurück auf die sogenannten Motorama-Shows aus den 50er Jahren. Damals ist der GM-Konzern nach Angaben des Unternehmensarchivs in Detroit mit einem eigenen Autozirkus durchs Land gezogen und hat damit bei Gastspielen etwa im New Yorker Walldorf Astoria Hotel alleine über 600.000 Menschen angezogen.

Auch das Spektakel am Wochenende auf der Monterey Halbinsel in Kalifornien ist nicht neu, erklärt Marcus Herfort, der jedes Jahr die Classic Days auf Schloss Dyck am Niederrhein ausrichtet: Ins Leben gerufen wurden die Concours d'Elegance in der Gründerzeit des Automobils "vor allem, um in einem besonderen Rahmen mit Tänzerinnen und Gourmetküche die Kauflust jener zu wecken, die eigentlich schon genügend Autos hatten".

Wer am Wochenende mit geöffnetem Scheckbuch durch die champagnerschwere Luft von Pebble Beach flaniert, wird womöglich schnell feststellen, dass sich daran bis heute nichts geändert hat.

(dpa)
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