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Serie Was Macht Eigentlich?
Flucht gescheitert, aus DDR-Knast freigekauft

Mönchengladbach. Peter Kloimstein hat Generationen von Schülern an Gladbacher Gymnasien unterrichtet. Bekannt wurde der gebürtige Leipziger aber in erster Linie durch Hockey - unter anderem 22 Jahre als Spieler und später Trainer des GHTC. Und bis vor kurzem noch in den Niederlanden. Von O. E. Schütz

Als er am 14. November 1972 im Auffanglager Gießen ankam, hatte Peter Kloimstein "nicht mehr dabei als Hemd, Hose und meinen Haftentlassungsschein", erzählt er. An diesem Tag entlassen aus dem DDR-Strafvollzug, freigekauft für 130 000 D-Mark von der Bundesregierung in Bonn. 26 war er, der einstmals privilegierte Profisportler der Deutschen Demokratischen Republik, dessen schwimmender Fluchtversuch eineinhalb Jahre zuvor durch die Mündung der Drau in die Donau bei Bratislava vom Sperrfeuer der tschechoslowakischen Grenzsoldaten gestoppt worden war. "Ich wollte nicht mehr in der DDR leben, sondern die Freiheit im Westen", nennt der heute 69-Jährige den Grund für seinen Fluchtversuch.

Drei Jahre und sechs Monate Haft wegen versuchter Republikflucht lautete das Urteil der DDR-Justiz, abzusitzen in Cottbus und Berlin-Rummelburg. Doch Peter Kloimstein kam aus einer Familie, die in Leipzig bis zur Wende ihre Chemiefabrik betreiben durfte, weil sie international gültige Patente besaß. Und sie kannte einen Weg, wie dem Sohn zu helfen war: Da gab es den "Freikauf" politischer Häftlinge oder "Ausreisewilliger" durch die Bundesrepublik. Kloimsteins Mutter stellte die Verbindung her zum DDR-Anwalt Wolfgang Vogel und seinem bundesrepublikanischen Kollegen Jürgen Stange, die diese inoffiziellen, von der DDR tolerierten, weil devisenbringenden "Deals" aushandelten und Peter Kloimsteins Entlassung mit Abschiebung erreichten.

Zwischen 30 000 und 130 000 D-Mark lagen die "Tarife" für diese Freikäufe. Für Peter Kloimstein wurden 130 000 fällig - weil er studiert hatte und als Hockeyspieler "Sportprofi" gewesen war. Schon im Kindergarten war er beim republikweiten Auswahlsystem für Sporttalente anhand biomechanischer Messungen aufgefallen: einer, der die DDR im Bestreben weiterbringen könnte, auch im Hockey den Anschluss ans internationale Spitzenniveau zu schaffen.

So kam er mit auf die Kinder- und Jugendsportschule Leipzig in eine Klasse, die bereits Sechsjährige in Handball, Fußball und Hockey ausbildete, zuerst einmal täglich, dann zweimal - bis zum Abitur. Danach ging es nahtlos an die berühmte Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) Leipzig, die Spitzensportler für die DDR formte. Peter Kloimstein studierte Sport mit Schwerpunkt Hockey, dazu Erdkunde. Examensnote am Ende: Zwei.

Er spielte für den ATV Leipzig, dann als Vollprofi für den SC Leipzig. Und 39 Mal in der Junioren-Nationalmannschaft. "Wir waren alle stromlinienförmig, wie es der DDR gefiel - und hatten als Spitzensportler eine Superposition." Doch sein Traum, es in die A-Nationalmannschaft zu schaffen und gar bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio oder vier Jahre später in Mexiko dabei zu sein, erfüllte sich nicht.

Und dann lernte er bei Ferienlagern in Prerow auf der Halbinsel Darß junge Tschechen kennen, darunter Milena, die seine Freundin wurde. Und staunte: "Das waren ganz andere Menschen als wir, fröhlich, freier. Sie hörten und machten eine Musik, die bei uns in der DDR nicht gerne gehört wurde. Es war ein ganz anderes Lebensgefühl, sensationell für uns. Da begann ich zu reflektieren, welches Leben ich in der DDR zu erwarten hatte. Mein großes Ziel, die Olympischen Spiele, hatte ich ja auch 1968 nicht erreicht."

So wuchs Stück für Stück der Traum vom freien Leben in der Bundesrepublik. Und er wurde bereit, dafür seine Privilegien in der DDR aufzugeben: Nur sechs Wochen Kurzausbildung in der Nationalen Volksarmee statt eineinhalb Jahre, die schöne Wohnung in Leipzig, den "Trabbi", auf den normale DDR-Bürger zehn Jahre warten mussten, die Reisen zu Spielen ins Ausland. "Ich hatte schon darüber nachgedacht, mich dabei abzusetzen. Doch das Risiko war mir angesichts all der Aufpasser, die uns immer begleiteten, zu groß. Dabei wäre es im Nachhinein wohl besser gewesen", sagt er. "Jörg Berger, der spätere Trainer in der Fußball-Bundesliga, mit dem ich in Leipzig zusammen die Trainerausbildung im Fußball gemacht habe, hat es 1979 in Jugoslawien gewagt - und es hat geklappt."

Peter Kloimstein versuchte es neun Jahre zuvor schwimmend - mit ganz bösem Ende. Ein Bruder seiner Freundin Milena, Soldat an der österreichisch-tschechischen Grenze bei Bratislava, hatte einen Tipp gegeben, wo und wann man hinüberschwimmen könne. Gemeinsam mit zwei Freunden wagte Peter in der Nacht die Flucht. "Doch einer von uns schwamm längst nicht so gut wie er glaubte. Wie kamen nicht schnell genug voran, und plötzlich waren wir im Licht der Suchscheinwerfer, schossen die Tschechen Sperrfeuer. Wir mussten aufgeben und wurden gefangen genommen." So landete er für eineinhalb Jahre im DDR-Strafvollzug: "Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens." Er war unglaublich froh, als er freigekauft wurde.

Über ein vierwöchiges Intermezzo in Hannover landete er im Dezember 1972 in Rheydt, wo sein Onkel und seine Tante mit ihren Kindern lebten. Er besuchte ein Hockeyspiel des GHTC, traf dabei Ex-Nationalspieler Günter Krauss. Der brachte ihn mit dem Vereinsvorsitzenden Egon Gerats zusammen. Und dann ging alles ganz schnell: Peter Kloimstein spielte für den GHTC, bekam ein Auto (einen NSU Prinz) und eine Stelle als Studienrat für Sport und Erdkunde am Math.-Nat.-Gymnasium. Zwölf Jahre, von 1972 bis 84, blieb er dort, dann wechselte er an das Gymnasium Neuwerk (1984 bis 2006) und kurz vor seiner Frühpensionierung noch für ein halbes Jahr nach Willich.

33 Jahre war er Studienrat. Dem Hockey ist Kloimstein viel länger treu geblieben: zuerst in Leipzig, dann im Westen. Elf Jahre spielte er für den GHTC, wurde mit ihm 1981 Deutscher Meister. Einmal sechs und einmal fünf Jahre war er danach Trainer des Clubs, bis auf eines immer in der Bundesliga, wurde 1996 mit ihm deutscher Pokalsieger. "In der guten Ära Mitte der 70er bis Anfang der der 80er Jahre hatten wir mit Uli Vos und Wolfgang Strödter, später Micki Hilgers, den Mayer-Brüdern, Jörn Hillekamp oder Karsten Krauß eine Mannschaft mit vielen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs", sagt Kloimstein. Hinzu kamen Uli Köppen aus Braunschweig, später Florian Kunz, Welthockeyspieler 2002 und heute Präsident des GHTC. Ihn brachte Peter Kloimstein mit, als er von Bayer Leverkusen zu seiner zweiten Trainerzeit nach Gladbach zurückkam.

Da war er zu einem Trainer-Wanderer geworden: Rheydter Spielverein ("Da lief es nicht gut für mich"), Schwarz-Weiß Neuss, Leverkusen und vor allem die Niederlande (immer wieder Venlo, wo er auch mal gespielt hatte, dazu Nijmegen, Roermond, Arnheim) waren seine Stationen. Zwei Jahre trainierte der die holländische Frauen-Hallen-Nationalmannschaft, wurde 2003 mit ihr Vizeweltmeister (in seiner Heimatstadt Leipzig), trainierte 2006 die Schweizer Herren. Zuletzt war nicht mehr Trainer, sondern Berater der Mannschaften.

Im Mai hat Peter Kloimstein nun Schluss gemacht mit Hockey, als Berater des Venlose HC. Aber man wird ihn gewiss noch als Zuschauer erleben, beim GHTC, in Venlo. Längst ist er ein waschechter Mönchengladbacher. Doch sein sächsischer Tonfall erinnert noch immer an seine ursprüngliche Heimat.

Quelle: RP
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