| 14.38 Uhr

TV-Talk mit Anne Will
"Trump ist die Quittung für Europas primitiven Anti-Amerikanismus"

Anne Will: "Donald Trump ist die Quittung für primitiven Anti-Amerikanismus"
Anne Wills Gäste diskutieren über Donald Trumps Außenpolitik. FOTO: Screenshot ARD
Düsseldorf. Nach der neuntägigen Auslandsreise des amerikanischen Präsidenten will Anne Will wissen: Kann Donald Trump Außenpolitik? Ihre Talkshow-Gäste sind sich in ihrer ablehnenden Bewertung weitgehend einig. Von Julica Jungehülsing

Darum ging's

Nach der ersten längeren Auslandreise von Donald Trump möchte Anne Will von ihren Gästen wissen, wie sie die Außenpolitik des US-Präsidenten einschätzen. Gesprochen werden soll über seine Forderungen zum Kampf gegen islamistischen Terrorismus, nach mehr Geld von den Nato-Partnern und zum Bündnis gegen den Iran. Konnte Trump trotz seines rüpelhaft wirkenden Auftretens während des Nato-Gipfels vor der Welt überzeugen? Auch Innenpolitik soll thematisiert werden, denn in den USA steht Trump eine stürmische Woche bevor, in der Ex-FBI-Chef James Comey vor dem Sonderermittler aussagen soll.

Darum ging's wirklich

Die Runde kritisiert Donald Trumps Auslandsreise, sein Auftreten, seine politischen Kommentare und Signale im Großen und Ganzen ebenso wie im Detail. Zwei Politiker, ein Historiker, eine amerikanische Philosophin und ein Journalist sind sich weitgehend einig: Trump kann keine Außenpolitik und – er muss weg. Publizist Wolffsohn hofft auf ein Amtsenthebungsverfahren, weiß aber, das kann lange dauern.

Die Gäste

  • Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestag, CDU
  • Klaus von Dohnanyi, Ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg, SPD
  • Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist
  • Susan Neiman, Amerikanische Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein Forums
  • Christoph von Marschall, langjähriger USA-Korrespondent des Tagesspiegels

Frontverlauf

Zunächst besprechen Anne Wills Gäste, was davon zu halten ist, wenn ein Präsident einen anderen rüpelhaft beiseite schiebt, wie es Trump in Brüssel getan hat. Journalist von Marschall erklärt, der Präsident halte sich bewusst nicht an Umgangsformen. Dass der einstige Geschäftsmann als Politiker nun 24 Stunden unter Beobachtung stehe, sei für ihn neu und könne ihm durchaus gefährlich werden. Klaus von Dohnanyi nennt ihn "schlecht erzogen", CDU-Politiker Röttgen hält sein Verhalten, "sich nach vorne zu rempeln", für intuitiv. Das sei auch allen anderen Republikanern peinlich.

Susan Neiman allerdings klärt die Runde später darüber auf, es gebe seit langen Jahren "keine vernünftige republikanische Partei mehr", da die von Fundamentalisten und Tea Party gekapert worden sei. Frisch zurück in Deutschland nach einigen Monaten in den USA sagt Nieman: "Es gibt mehr Widerstand in den USA gegen ihn, als irgend jemand dort je erlebt hat."

Schlimmer als Trumps Auftreten findet Klaus von Dohnanyi die Inhalte, die der Präsident beim Nato-Treffen in Brüssel präsentiert habe. Der US-Präsident hatte den Verbündeten auf dem Treffen die Leviten gelesen und erneut höhere Militärausgaben der Nato-Mitglieder gefordert. "Militärisch haben die Amerikaner einfach eine ganze Interessenlage", sagt der 89-Jährige. Er fordert Europa dazu auf, mit den Amerikanern grundsätzlich in Freundschaft und offen über politische Ziele zu reden. Abwarten sei keine Option.

Denn in vielen Fällen, sagt Dohnanyi mit Blick auf Irakkrieg, Flüchtlinge und IS, habe weniger die USA als Europa die Folgen militärischer Eingriffe zu tragen. Ein Generalsekretär allerdings dürfe angesichts von Trumps Kritik an der Nato in Brüssel nicht untätig "wie der Butler von Herrn Trump daneben stehen". Norbert Röttgen sagt: "Wir müssen die transatlantische Gemeinschaft über diese Präsidentschaft retten und unsere Interessen definieren." Wenn Europa sich durch Trump spalten lasse, werde es irrelevant.

"Europa muss eigene Interessen realisieren"

Auch Michael Wolffsohn findet, Europa solle, ähnlich wie es Israel gelinge, die eigenen "Interessen definieren und realisieren". Er erinnert daran, dass gute Politik häufig eine Portion Unberechenbarkeit beinhalte. Trump sei allerdings Umfragen zufolge inzwischen auch bei den eigenen Wählern so unbeliebt, wie nie ein Präsident zuvor. Er hoffe daher, dass es zum Amtsenthebungsverfahren komme, das allerdings könne sich hinziehen. "Trump ist die Quittung, die wir in Europa für den oft primitiven Anti-Amerikanismus bekommen."

Journalist von Marschall hat ebenfalls wenig Lobendes beizutragen. Er findet allerdings, je unverlässlicher Trump werde, um so besser sei das für Europa. "Denn wir wollen ja gar nicht, dass er seine Versprechen durchsetzt", sagt der Journalist mit Blick auf das Klimaabkommen. "Trump ist eine gefährliche Größe, aber je mehr er sich vom Wahlkampf-Trump abwendet, um so mehr Hoffnung besteht." Er hält Trumps erste lange Auslandsmission in fast allen Punkten für eine Katastrophe, nicht nur im Hinblick auf die Annäherung an Saudi Arabien.

"Ein totales Debakel in jeder Hinsicht"

Wolffsohn nennt vor allem Trumps Nahost-Reise ein "totales Debakel in jeder Hinsicht". Er habe nichts zur Annäherung der Länder dort beigetragen. CDU-Mann Röttgen pflichtet ihm bei und kritisiert, dass Trump auch im Ausland vor allem innenpolitische Ziele verfolge: "In dieser Region, wo es knallt und wo der Hass blüht, dort macht er Innenpolitik, verkauft Waffen und 'schafft Jobs'. Er verkauft die Verantwortung und den Einsatz für Frieden für seine innenpolitischen Interessen, und das ist wirklich verheerend und brandgefährlich."

Dass Trump einerseits den Saudis Waffen verkaufe und zugleich den Iran dämonisiere, zeige nur eins: Er sei nicht an einer Lösung interessiert. "Denn entweder gibt es in der Region eine Lösung mit dem Iran", sagt Röttgen. "Oder es gibt keine Lösung, stattdessen aber weiter Krieg und Hass."

"Er wird ein blockierter Präsident sein"

Im Hinblick auf die Sonderermittlungen, die auf den Präsidenten diese Woche im eigenen Land warten, fragt Anne Will, ob es vielleicht statt eines G20 nur noch einen G19 Gipfel geben werde. Christoph von Marschall warnt, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Es könne durchaus zur Absetzung Trumps kommen, aber nicht in den nächsten Wochen oder Monaten.

Er erinnert daran, dass es in der über 200-jährigen USA-Geschichte nicht ein gelungenes Amtenthebungsverfahren gegeben habe. Er vermutet eher, dass Trump den täglichen Machtkampf verliert und seine Handlungsspielraum eingeschränkt werde. "Er wird ein blockierter Präsident sein."

Susan Neiman kommt zum Schluss auf Anne Wills Ausgangsfrage zurück: "Die Frage in Amerika ist derzeit nicht, ob er Außenpolitik machen kann, sondern ob er überhaupt Politik machen kann", sagt die Amerikanerin. Ihre eigene Antwort lautet: "Kann er nicht!"

Hier können Sie die gesamte Sendung online sehen.

 

 
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