| 12.56 Uhr

TV-Talk mit Maischberger
AfD-Vorstand macht Merkel verantwortlich für Freiburger Mordfall

Die Gäste der Talkshow Maischberger vom 7.12.2016
Die Gäste der Talkshow Maischberger vom 7.12.2016 FOTO: Melanie Grande
Düsseldorf. Ein Flüchtling wird verdächtigt, eine Studentin in Freiburg getötet zu haben. Der Fall hat eine deutschlandweite Debatte ausgelöst: Sind Flüchtlinge gefährlich? Bei Maischberger bekam Kanzlerin Merkel die Schuld in die Schuhe geschoben.  Von Jessica Kuschnik

Darum ging's:
Wie soll der Staat die Ausreise krimineller Flüchtlinge, vor allem abgewiesener Asylbewerber, durchsetzen? Die CDU will eine Verschärfung der Abschiebepraxis beschließen. Wird aus der Willkommens- jetzt eine Abschiedskultur?

Darum ging's wirklich:
Sind Flüchtlinge krimineller als Deutsche – und müssen sie deshalb an der Grenze abgelehnt oder nachträglich ausgewiesen werden? Sind Flüchtlinge ein Segen oder eine Bürde? Darüber diskutierten die Gäste an diesem Abend bei Maischberger. Dabei artete die Diskussion schnell in eine Statistikschlacht aus, bei der sich die Protagonisten immer wieder gegenseitig der Lüge und Fehlinterpretation bezichtigten. 

Die Gäste:

  • Gesine Schwan,SPD, Politikwissenschaftlerin
  • Paul Ziemiak, CDU, Junge-Union-Vorsitzender
  • Ranga Yogeshwar, ARD-Moderator und Wissenschaftsexperte,
  • Hans Lehmann, Freiburger Flüchtlingshelfer, pensionierter Schuldirektor
  • Alice Weidel, AfD-Bundesvorstand
  • Boris Palmer, Tübinger Oberbürgermeister, B'90/Grüne

Frontverlauf:
Der Mord an der Freiburger Studentin hat viele erschüttert: Als Tatverdächtiger wurde ein 17-jähriger Flüchtling verhaftet. Die meisten Politiker warnen nun davor, geflohene Menschen unter Generalverdacht zu stellen. Trotzdem scheint diese Tat sich auf tragische Weise in eine politisch verhärtete Debatte zu fügen. 

In die Vollen griff gleich zu Beginn der Sendung AfD-Frau Alice Weidel, die Bundeskanzlerin Angela Merkel indirekt eine Mitschuld am Tod der Studentin gab: "Die Regierung lässt unsere Grenzen unkontrolliert. Jeder Tod, der durch einen Flüchtling begangen wird, ist ein Tod zu viel – und die Bundeskanzlerin trägt selbstverständlich indirekt die Verantwortung." 

Paul Ziemak von der CDU lässt das nicht unkommentiert stehen. "Ich bin fassungslos. Das ist absurd. So ein dummes Zeug", sagt er. Es sei richtig, dass man wissen müsse, wer ins Land kommt, "aber diesen Tod zu missbrauchen, um daraus ganz billig politisches Kapital zu schlagen, ist einfach schlimm." Unkontrollierte Grenzen hätten nichts mit Mord zu tun. Weidel kontert: "Sie bleiben nicht bei den Fakten." Schließlich sei bekannt, dass der IS vorsätzlich Terroristen nach Deutschland schicke, die sich als Asylbewerber ausgeben sollen. War der Fall in Freiburg ein Terroranschlag, fragt Maischberger. Nein, gibt Weidel kleinlaut zur Antwort.

"Ich bin bestürzt, wie schnell das jetzt ging vom Tod der Studentin bis zur angeblichen Verantwortung von Merkel", sagt auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. 

Frage des Abends: Einzelfall oder typisch Flüchtling?
Wer ist eigentlich krimineller: Der Deutsche oder der Flüchtling? Daran rieben sich die Gäste die nächsten 30 Minuten auf. "Sie sagen, das gehört zu einem Flüchtling", wirft Ranga Yogeshwar Weidel vor, "und leiten das aus einem Einzelfall ab. Machen wir nicht den Fehler, aus einem Einzelfall etwas zu machen, was faktenmäßig nicht zu belegen ist?" 

Jetzt beginnt die Statistikschlacht, denn laut Weidel ist das sehr wohl zu belegen. Das Bundeskriminalamt habe schließlich für 2015 Zahlen veröffentlicht, laut derer 208.000 Straftaten durch Migranten belegt seien. Welche Verbrechen das seien, fragt Palmer. "Verbrechen. Lesen Sie es doch einfach nach", kontert Weidel schwach. Maischberger entlarvt die AfD-Frau durch einen Einspieler: "Das BKA sagt doch hier, dass Zuwanderer nicht krimineller sind und eine Million Einwanderer nicht zur Erhöhung der Straftaten geführt haben", resümiert die Moderatorin. "Entweder zitieren Sie falsch oder das BKA lügt." Weidels Antwort: "Nein."

Yogeshwar meint, die Einwanderer seien nicht krimineller, sondern nur ärmer, und klauten daher öfter. Statistikfreund Palmer sagt, beides sei falsch. Das Thema sei viel komplexer. Hat am Ende eben niemand Recht.

Interessantester Gast:
Live ins Studio zugeschaltet war Hans Lehmann, Freiburger Flüchtlingshelfer und pensionierter Schuldirektor. Er erhalte seit dem Tod der Studentin "teilweise furchtbare Schmähbriefe und E-Mails. Heute Morgen kam eine E-Mail rein, dass ich verantwortlich sei für die 'Kloake der Kriminalität', die wir jetzt in Freiburg haben", erzählt er.

Mit der Grundstimmung in Freiburg allerdings habe das nichts zu tun – auch wenn die Menschen ängstlicher geworden seien. So forderten einige die Wiedereinführung von Frauen-Taxis und bessere Beleuchtung an einigen Straßen und Wegen. Doch Lehmann glaubt: "Das wird Freiburg nicht umhauen." Er erzählt von einem Fall, der sich ein Jahr zuvor 40 Kilometer südlich von Freiburg ereignet habe. "Ein Deutscher hat fast ähnlich eine Nachbarin umgebracht. Ich habe nicht gehört, dass man in Zukunft Nachbarn abschaffen oder wegschaffen sollte." 

Gibt es denn nun einen Unterschied zwischen Verbrechen von Deutschen und von Flüchtlingen? "Die Giftspritze ist angesetzt. Das wäre nicht so, wenn es ein Deutscher gewesen wäre", sagt Lehmann.

Erkenntnis des Abends:
Ausgerechnet von Lehmann kommt die Einsicht, dass man bei der Willkommenskultur einen Fehler gemacht habe. "Wir haben alles geschenkt, hatten eine riesige Kleiderkammer, hatten für 440 Flüchtlinge 450 Helfer. Wir müssen die Kultur unseres Kulturkreises und die doch sehr männlich dominierte Kultur dieser Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak deckungsgleich kriegen."

Wort des Abends: Bio-Deutscher
Nach dem Bio-Huhn kommt nun der Bio-Deutsche. Irgendwie hatte sich das Wort im Laufe der Sendung eingeschlichen. In den Mund nahmen es fast alle Gäste, meist mit dem Zusatz: "Bitte sagen Sie das nicht." 

Fazit: 
Statistiken lügen – oder die, von denen sie kommen. Zumindest könnte man nach der Sendung diesen Eindruck gewinnen. Fakt bleibt, dass die mutmaßliche Tat des 17-jährigen Flüchtlings für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Die Schuldfrage bleibt ungeklärt und wird weiter für Diskussionen sorgen.

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