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Warum Erdogan zwischen den Stühlen sitzt
Türkei liefert Lebensmittel und Waffen nach Katar

Katar - Land zwischen Tradition und Moderne
Katar - Land zwischen Tradition und Moderne FOTO: dpa, Andreas Sträter
Es brodelt im Mittleren Osten: In der Katar-Krise gibt es trotz diplomatischer Hoffnungen Sorge vor einer Verschärfung der Lage. Die Türkei spielt dabei eine gewichtige Rolle. Von Frank Nordhausen, Ankara

Das kleine Golfemirat Katar hat in der Welt keinen besseren Freund als die Türkei, aus ideologischen, strategischen und wirtschaftlichen Gründen. Deshalb war es für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan Ehrensache, dem jungen katarischen Emir Tamim bin Hamad al-Thani in der Stunde der Not Beistand zu leisten.

Als ein Dutzend arabisch-sunnitische Staaten unter der Führung Saudi-Arabiens die diplomatischen Beziehungen zu Katar letzte Woche abbrachen und den ultrareichen Ölstaat weitgehend isolierten, weil er die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) fördere und mit dem schiitischen Iran kungele, versicherte Erdogan umgehend, dass die Türkei Lebensmittel schicken und fest an der Seite ihres Verbündeten stehen werde.

Am Freitag unterzeichnete Erdogan flugs zwei Abkommen, wonach die Türkei Kampfjets und 3000 zusätzliche Truppen in Katar stationieren werde, die dort offiziell die lokalen Sicherheitskräfte trainieren sollen. Die Türkei, die sich als Schutzmacht der Sunniten versteht, sendet damit ein klares Signal an die konkurrierende sunnitische Regionalmacht Saudi-Arabien: Wir überlassen euch nicht einfach das Feld. Erdogan hatte die Sanktionen Saudi-Arabiens und anderer arabischer Staaten gegen Katar zuvor deutlich und zu Recht kritisiert. Doch wie diese den Bogen überspannen, so tut Erdogan es auch.

Die Beistandsgeste war unerlässlich

Zweifellos war eine Beistandsgeste angesichts der engen Beziehungen beider Länder unerlässlich. Für Erdogan ist Al-Thani der wichtigste Partner in der Region, denn Doha engagiert sich mit einem milliardenschweren Investitionsprogramm in der Türkei und hat Ankara mit massiven Geldflüssen geholfen, die schwächelnde Wirtschaft zu stabilisieren. Die türkische Baubranche, eine wichtige Stütze der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, ist auf die Millionenaufträge Katars im Straßenbau und bei den Projekten der Fußballweltmeisterschaft 2022 angewiesen. Einen Ausfall Katars als wirtschaftlichen Partner kann sich die Erdogan-Regierung schlicht nicht leisten.

Zugleich ist Al-Thani wegen der gemeinsamen Bindung an die moderat-islamistischen Muslimbrüder der wichtigste ideologische Verbündete Erdogans. Während die ideologisch radikaleren Saudis die Muslimbrüder und die ihnen nahe stehende palästinensische Hamas als Terroristen ansehen, weil sie ihr autokratisches Regime attackieren, sind Al-Thani und Erdogan die Schutzherren der aus Ägypten stammenden Bewegung.

Nachdem Al-Thani 2013 in einem unblutigen Putsch mitten im "arabischen Frühling" die Macht übernahm, formte der Emir mit Erdogan eine Achse des politischen Islam zur Unterstützung der Muslimbrüder, derweil Riad die Konterrevolution der arabischen Autokraten finanzierte. Als der ägyptische General Al-Sissi die Muslimbrüder-Regierung in Kairo wenig später blutig wegputschte, hielten Doha und Ankara diesen die Treue. Seither hat die Exilführung der ägyptischen Islamisten in Doha Zuflucht gefunden, Hamas unterhält Büros in Doha und Ankara. Als Erdogan sich kürzlich wieder zum Chef der AKP wählen ließ, machte er das "Rabia-Zeichen" der ägyptischen Muslimbrüder zu einem neuen Parteisymbol.

Erdogan sitzt zwischen den Stühlen

Man muss die Einstufung der Muslimbrüder als Terroristen nicht teilen, doch die vom US-Präsidenten Donald Trump geförderte Isolierung Katars als führendem Terrorfinancier stürzt Erdogan nun in eine prekäre Lage, bei der er nur verlieren kann. Steht er fest an der Seite der katarischen Brüder", läuft er Gefahr, die wirtschaftliche Hilfe der Saudis und anderen Golfstaaten einzubüßen und selbst wieder als Terrorpate zu gelten. Wendet er sich von Katar ab, verliert er seinen wichtigsten Geldesel. Ein Mittelweg ist ebenso schwer vorstellbar wie eine militärische Allianz mit dem schiitischen Iran.

Zunächst schien Erdogan diesen Tatsachen Rechnung zu tragen, zeigte sich pragmatisch und bot sich als Schlichter an. Doch der Truppenentsendungsbeschluss, mit der Mehrheit der AKP im Parlament beschlossen, gießt unnötig Öl ins schwelende Feuer eines Konfliktes, der zum großen Brandherd werden kann. Statt zu versuchen, Katars Freundschaft zu bewahren, ohne sich die Feindschaft des Saudi-Blocks zuzuziehen, hat die Türkei damit in dem Konflikt Partei ergriffen. Das kann Riad nur als unfreundlichen Akt verstehen.

Saudis reagieren mit Warnschüssen

Schon geben die Saudis Warnschüsse ab. Auf ihrer am Freitag publizierten Terrorliste mit 59 Namen steht auch der libysche Islamist und Erdogan-Freund Al Mahdi al-Harati. In sozialen Medien der Anti-Katar-Front kursieren Boykottaufrufe gegen türkische Waren, Restaurants und Urlaubsorte. Sollten auch noch die arabischen Feriengäste ausfallen, stünde die wackelnde Tourismusbranche der Türkei vor dem Kollaps. Aber nicht nur deswegen kann es sich Ankara überhaupt nicht leisten, in einen weiteren, möglicherweise militärischen Weltkonflikt verwickelt zu werden. Schon die finanziellen und politischen Folgekosten des syrischen Desasters sind für das Land untragbar und eine Bürde für seine Nato-Partner. Wenn die Europäer noch einen Rest Einfluss auf Erdogan haben, sollten sie alles unternehmen, um ihn zu mäßigen.

 
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