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Podemos
Spaniens verlorene Generation hofft wieder

Podemos: Spaniens verlorene Generation hofft wieder
"Podemos"-Anhänger posieren mit einem Bilderrahmen, auf dem dem steht: "Ich war dabei im Jahr des Wechsels 2015". Der Aufstieg der jungen Protestpartei hat der konservativen Volkspartei und den Sozialisten mächtig Druck gemacht - Spaniens politisches Gefüge ist in Bewegung geraten. FOTO: afp
Salamanca. Die Protestpartei Podemos bekommt vor allem von jungen Menschen Zulauf. Der Aufstieg der Protestpartei hat der konservativen Volkspartei und den Sozialisten mächtig Druck gemacht – Spaniens politisches Gefüge ist in Bewegung geraten. Von Ben Schröder

Seinen Entschluss fasste Alejandro im Mai vergangenen Jahres. Wochenlang hatte ein Gefühl vorher seine Gedanken beherrscht: das Gefühl, etwas ändern zu müssen. Etwas ändern zu können. So entschied er sich letztlich, sein Kreuz für Podemos zu setzen. Für neue, unverbrauchte Gesichter. Für die Idee einer politischen Revolution in Spanien: Podemos - "Wir können." Ein Jahr ist der Erfolg von Podemos bei den Europawahlen in Spanien jetzt her. Etwa acht Prozent aller Stimmen holte die bis dato in Europa noch recht unbekannte Linkspartei damals. Und bei den Regional- und Kommunalwahlen Ende Mai räumten die PodemosKandidaten etwa in Barcelona und Madrid erneut kräftig ab.

Der wichtigste Kopf der Partei mit dem leuchtend violetten Logo war und ist der Politikwissenschaftler Pablo Iglesias Turrión. Der 37-Jährige steht wie kein anderer für das Profil der Partei: jung, provokant und emotional. Gegen Korruption und Ungerechtigkeit im Land und gegen das Spardiktat aus Brüssel.

Doch vielleicht wichtiger als politische Inhalte: Podemos vermittelt vielen Spaniern ein Gefühl, das sie lange vermisst haben. "Für mich steht Podemos vor allem für die Hoffnung auf Veränderung", sagt Alejandro Recio Sastre. Der junge Mann mit den pechschwarzen Haaren und dem genauso dunklen Vollbart nippt kurz an seinem Kaffee, schüttelt dann den Kopf: "Wie bisher kann es in Spanien auf jeden Fall nicht weitergehen."

So geht es den Euro-Ländern im Vergleich FOTO: RP

Alejandro ist 24 Jahre alt und damit Teil einer Generation, die wie keine andere in Europa unter den Folgen der Wirtschaftskrise leidet: Jeder zweite Spanier zwischen 15 und 24 Jahren hat keine Arbeit. Zum Vergleich: in Deutschland sind es etwa sieben Prozent in dieser Altersgruppe. Spanische und europäische Medien sprechen deshalb oft von einer "verlorene Generation" in Spanien - gut ausgebildet und doch ohne Zukunftsperspektive. Alejandro hat einen Bachelor- und Masterabschluss in Philosophie. Derzeit promoviert er. Die Berufsaussichten sind mehr als schlecht, sagt er selbst. "Ich würde aber nicht sagen, dass wir eine verlorene Generation sind. In Spanien gibt es viele junge Menschen mit wertvollen Ideen, die studiert oder eine Ausbildung abgeschlossen haben. Das Problem ist eher, dass wir den Politikern egal sind."

Viele junge Spanier fühlen sich von der Regierung regelrecht um ihre Zukunft betrogen. Auch in Alejandros Heimatstadt Salamanca ist das spürbar. Die Stadt liegt etwa zwei Autostunden nordwestlich von Madrid und ist nicht nur für guten Schinken, sondern auch für ihre Universität bekannt - der ältesten in Spanien. Fast wöchentlich demonstrieren hier Studenten gegen die Reformen ihrer Regierung. So auch heute. Mit dabei ist auch Alejandro. Wenn es sie denn gibt, die "verlorene Generation", dann ist sie heute hier. Die Masse brüllt, singt, tanzt - rhythmisch begleitet von Klatschen und Tröten. Aus der Menge ragen immer wieder Hände, die Smartphones hochhalten. Wären da nicht die Botschaften auf den Plakaten, man könnte meinen, man sei auf einem Popkonzert. "Bildung für und mit uns gemacht" steht da. Oder: "Nein zum 3+2":

Hintergrund: Der spanische Bildungsministers José Ignacio Wert plant eine Reform der Regelstudienzeit für Bachelor- und Masterabschlüsse an spanischen Universitäten, die oft als "3+2-Reform" bezeichnet wird. Der Bachelor soll künftig nicht mehr vier, sondern nur noch drei Jahre dauern. Wert möchte so die Familien der Studierenden entlasten. Die finanzieren jedes Studienjahr ihrer Kinder meist aus eigener Tasche, oft durch Kredite. Eigentlich also eine plausible Reform. Der Minister möchte aber gleichzeitig die Regelstudienzeit für Masterabschlüsse um ein Jahr auf zwei Jahre verlängern. In der Summe also drei Jahre Bachelor plus zwei Jahre Master. Das Problem: Ein Master ist teuer in Spanien. Im Durchschnitt kosten die Studiengebühren für ein Jahr etwa 4000 Euro. Für ein Jahr Bachelor fällt nur etwa halb so viel an. Familien, deren Kinder beide Abschlüsse anstreben, müssen durch die Reform also tiefer in die Tasche greifen. "Ein Master ist in Spanien Pflicht, sonst hat man auf dem Arbeitsmarkt gar keine Chance. Statt uns und unseren Familien zu helfen macht unsere Regierung so alles nur schlimmer", sagt Alejandro.

Immer mehr Wähler verlieren das Vertrauen in die beiden großen Volksparteien des Landes. Die konservative Partido Popular (PP) um Ministerpräsident Rajoy und die sozialistische Partido Socialista Obrero Español (PSOE) regieren das Land seit Anfang der 1980er mehr oder weniger im Wechsel. Bei den vergangenen Parlamentswahlen im Jahr 2011 hatte die PP noch etwa 45 Prozent aller Stimmen bekommen. Einige Prognosen sehen die konservative Partei bei den Parlamentswahlen Ende des Jahres mittlerweile sogar hinter Podemos. "Viele junge Spanier geben den traditionellen Parteien PP und PSOE die Schuld für ihre Misere", sagt Pilar González Montero, die in Salamanca Gesellschaftskunde unterrichtet. "Podemos wiederum hat genau verstanden, was vor allem junge Menschen bewegt und sich politisch für sie positioniert. Und die jungen Menschen glauben an Podemos, glauben dass die Partei ihre Probleme lösen kann."

Der aktuellen Regierung trauen viele Spanier das offenbar nicht mehr zu. Dabei erholt sich das Land wirtschaftlich: Ministerpräsident Rajoy hatte Ende Februar im Parlament verkündet, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde in diesem Jahr um 2,4 Prozentpunkte wachsen. Das sind 0,4 Prozentpunkte mehr als von den Analysten bisher angenommen. Schon im vergangenen Jahr hatte das spanische BIP die Wachstumsprognosen übertroffen. Auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel gab es deshalb immer wieder Lob für die Reformbemühungen der Spanier. "Wir haben die schlimmsten Momente der Krise überwunden", verkündete Rajoy stolz. Im Jahr 2015 werde es eine halbe Million neue Jobs geben.

Rajoy versäumt momentan keine Gelegenheit auf die Fortschritte im Land aufmerksam zu machen. Der Wahlkampf läuft in Spanien längst auf Hochtouren. Pablo Iglesias hat die Parlamentswahlen zum Kampf des Volkes gegen das alte Machtduopol von PP und PSOE erklärt, gegen "la casta", die Kaste, wie Iglesias die beiden großen Parteien nur nennt. Podemos erinnert in politische Ausrichtung und Stil stark an die griechische Linkspartei Syriza. Deren Chef Alexis Tsipras, seit Januar auch griechischer Premier, gibt sich wie Iglesias gezielt als David gegen die Großen und Mächtigen. Auf europäischem Paket ist er damit schon öfter angeeckt. Ministerpräsident Rajoy warnte deshalb kürzlich in einem TV-Interview: "Das einzige, was Podemos bringt, ist Instabilität, fehlender Fortschritt und Verlust von Wohlstand."

Auch Pilar González Montero bezweifelt, dass Podemos bereit ist das Land künftig zu führen: "Ich kann mir Pablo Iglesias nicht als Ministerpräsident vorstellen. Er ist noch sehr jung, hat keinerlei Regierungserfahrung. Er kann noch gar nicht wissen, was es heißt, ein Land zu regieren." Vielleicht bekommt Podemos ohnehin keine Chance es zu versuchen. Beobachter vermuten, dass PP und PSOE eine Regierungsbeteiligung von Podemos mit aller Macht verhindern werden. Etwa durch eine "coalición á la aleman", wie man in Spanien sagt, also einer Großen Koalition nach deutschem Vorbild. "Das ist auf jeden Fall ein großes Verdienst von Podemos", sagt González Montero. "Die großen Parteien reden endlich miteinander und suchen Kompromisse."

Quelle: RP
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