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Brüssel/Berlin
Der gute Populist

Brüssel/Berlin. Frank-Walter Steinmeier ist der Liebling des Volkes. Und der Eliten. Kein Wunder also, dass CDU-Chefin Angela Merkel keinen ebenbürtigen Kandidaten fand. Der Jurist aus Lippe ist so beliebt, weil er zwei Eigenschaften hat, die in Berlin eher selten sind: Bescheidenheit und Integrität. Von Michael Bröcker und Eva Quadbeck

Mit mehr als zwei Stunden Verspätung war Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Sonntagabend aus Berlin nach Brüssel aufgebrochen. Offenbar hatten einige Führungskräfte aus der großen Koalition noch Redebedarf. Denn nachdem das Treffen der drei Parteichefs im Kanzleramt offiziell ohne Einigung über die Präsidenten-Frage zu Ende gegangen war, liefen die Drähte erst richtig heiß. Dabei hatte Steinmeier CSU-Chef Horst Seehofer schon am Samstag beim Kaffee in München überzeugen können, dass er ein überparteilicher Präsident sein werde. Damit waren Seehofer und Gabriel auf seiner Seite - der Durchbruch. Als der Außenminister am Sonntagabend die Stufen zur Regierungsmaschine in Berlin hochging, wusste er, dass er der zwölfte Bundespräsident wird.

Frank-Walter Steinmeier ist so etwas wie ein guter Populist. Das Volk liebt ihn. Er ist der Mann, der in der "Tagesschau" mit sonorer Stimme und optimistischem Ton die unruhige Welt ein bisschen übersichtlicher macht. Er wird aber auch von den Eliten geschätzt. Der 60-jährige Außenminister und SPD-Politiker ist parteiübergreifend respektiert, hat Unterstützer in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft.

Wie kann einer in einem Umfeld, in dem beinharte Machtkämpfe, Intrigen und Eitelkeiten dominieren, so beliebt sein? Es gibt mehrere Gründe. Der wichtigste ist wohl: Steinmeier nimmt sich selbst nicht so wichtig. Seine Eitelkeit ist überschaubar. Das hat er mit der Kanzlerin gemein, wohl auch deshalb verstehen sich die beiden so gut. Verbale Ausfälle und Beschimpfungen, wie sie dem Instinktpolitiker Sigmar Gabriel passieren, kennt man von Steinmeier nicht. Im Gegenteil: Steinmeier agiert stets bedächtig.

Steinmeiers Aufstieg war nicht vorherzusehen. Er wächst als Sohn eines Tischlers und einer Forstarbeiterin in bescheidenem Wohlstand im lippischen Brakelsiek auf. Hier geht alles etwas gemächlicher, unaufgeregter zu. Steinmeiers Jugendfreund und langjähriger WG-Partner Dietrich Härtel begründet die stoische Ruhe, die Steinmeier als Außenminister inmitten der größten Krisen ausstrahlt, mit dessen behütetem Aufwachsen in dem 1000-Einwohner-Dorf: Er trage ein "inneres Brakelsiek" mit sich durch die Welt.

Später, im Gymnasium, ist Steinmeier Musterschüler, nie Rebell. "An Zäunen hat er nie gerüttelt. Er klingelte an der Tür und stellte sich höflich vor", schreibt Steinmeiers Biograf Torben Lütjen.

Nach dem Abitur studiert er Jura in Gießen, lebt dort in einer WG. Brigitte Zypries, eine damalige Studienfreundin, empfiehlt Steinmeier 1991 einen Job in der niedersächsischen Staatskanzlei. Dort fängt er dann tatsächlich als Medienreferent für einen gewissen Gerhard Schröder an. Der Beginn einer Karriere.

Der inzwischen promovierte Jurist wird zum wichtigsten Mitarbeiter Schröders - fleißig, loyal, blitzgescheit. Drei Jahre später ist Steinmeier Chef der Staatskanzlei. "Alle, an denen Frank vorbeigeschossen ist, gaben mir das Gefühl: Klar, er ist der Beste", schrieb Schröder später in seinen Memoiren. Steinmeier folgt Schröder 1998 ins Kanzleramt, wird Staatssekretär, später Chef des Kanzleramts.

Inhaltlich zeigt sich in dieser Zeit, warum Steinmeier mit den Ideologien der SPD-Linken nie etwas anfangen konnte. Er schreibt scharfe Reformpapiere zum Renten- und Gesundheitssystem und skizziert die wesentlichen Elemente der Agenda 2010.

Nach der Bundestagswahl 2005, die Schröder nur knapp verliert, gibt der scheidende Kanzler Parteichef Franz Müntefering nur einen Wunsch mit: "Nimm Frank ins Kabinett. Der kann das." Steinmeier wird Außenminister. Das Amt ist ihm auf den Leib geschnitten. Als sanfter Botschafter eines selbstbewusster auftretenden Deutschlands wird er populär. Steinmeier, der mit 24 Jahren nach einer Hornhaut-Transplantation über Nacht weißes Haar bekam, ist der Ruhepol der großen Koalition in Krisenzeiten. Und wird immer beliebter.

Die SPD bekniet ihn nach den Chaos-Jahren mit Parteichef Kurt Beck schließlich, 2009 Kanzlerkandidat zu werden. Es ist Steinmeiers großer Fehler. Der Wahlkampf ist nicht sein Ding, die Partei folgt ihm nur missmutig. Er verliert die Wahl krachend. 22 Prozent.

Im August 2010 ist seine Frau Elke Büdenbender, die er 1988 während des Jura-Studiums kennengelernt und 1995 geheiratet hatte, so schwer an der Niere erkrankt, dass nur eine Transplantation hilft. Steinmeier ist selbst der Spender und nimmt sich eine mehrmonatige Auszeit. Die Familie, so betont er es oft in kleinem Kreis, ist das Wichtigste in seinem Leben. Die Transplantation gelingt.

Steinmeier darf schon 2013 wieder in sein Lieblingsamt, das Außenministerium. Große Koalition, Teil II. Seitdem fliegt der Sozialdemokrat wieder durch die Welt, fast 200 Reisen hat er in drei Jahren absolviert. Akribisch kämpft er für diplomatische Fortschritte. Für Steinmeier ist Außenpolitik Realpolitik. Ein ständiges Werben um Dialog und Kooperation, auch in unwegsamen Gelände. Das könnte nun auch die Herausforderung im künftigen Job sein.

Der neue Bundespräsident kommt in politisch aufgeheizten Zeiten ins Amt. Rechtspopulismus, Nationalismus, ein zerbröselndes Europa, Sechs-Parteien-Parlamente. Vielleicht ist es dann ganz gut, wenn einer im Schloss Bellevue sitzt, der eigentlich nicht aus der Ruhe zu kriegen ist.

Quelle: RP
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