| 10.28 Uhr

Analyse
Mein Alltag mit der Angst in Tel Aviv

Tel Aviv. Gastbeitrag In Europa ist Terror bis jetzt die Ausnahme. Wie lebt es sich als Deutsche in einem Land, wo Anschläge jederzeit drohen? Von Anna Rau

Ich bin länger in Tel Aviv geblieben als ursprünglich geplant. Ein Grund ist, dass wir hier in Flipflops umher laufen können, während man in Deutschland immer noch oder schon wieder Winterstiefel trägt. Aber wer ständig Fuß zeigt, muss auch in die Füße investieren. An fast jeder Ecke Tel Avivs findet man daher einen Schönheitssalon. Als ich mich das erste Mal zu einer Pediküre hinreißen ließ, kamen 15 Minuten später zwei Polizisten von der Bombenentschärfung in den Salon und bugsierten uns in den Hinterraum. Im Bus vor der Tür wurde eine Bombe vermutet. Nach der Entwarnung kamen die Menschen in ihren Einwegsandalen zurück zu ihren Stühlen als sei nichts passiert. War es ja auch nicht.

So ist das hier. Die Geschichte ist bezeichnend für den Alltag mit dem Terror. Man ist nicht überrascht, wenn irgendwo eine Straße abgesperrt ist oder ein Hubschrauber in der Luft kreist. Ich bin so daran gewöhnt, dass man mich am Eingang zu Geschäften fragt, ob ich eine Waffe trage, dass ich mich wundere, warum sich in Deutschland niemand dafür interessiert.

Man mag sich darüber streiten, ob Israel täglich wirklich Terror ausgesetzt ist. Seit den Attentaten von Paris führe ich diese Gespräche hier mit Freunden öfter. Viele Israelis sagten nach den Attacken in Paris: "Seht ihr, so etwas würde hier auch passieren, wenn wir weniger in Sicherheit und Militär investierten." Manche stellten beim Internet-Nachrichtendienst Twitter das Stichwort #prayforparis noch ein #prayforisrael hinterher. Und in den sozialen Netzwerken machte ein Bild die Runde auf dem zu lesen ist: "Paris 13/11 - New York 9/11 - Israel 24/7". Ich dachte erst, es sei von einem Datum die Rede. 24. Juli. Hatte ich einen Anschlag in Israel verpasst? Mein Freund erklärte mir, was gemeint sei: Es gebe in Israel 24 Stunden, sieben Tage die Woche Terrorangst.

Viele Israelis betonen, dass sie eine größere Angst vor Terror haben, als man es ihnen ansehen würde. Dabei führen die Bürger hier auch in Zeiten erhöhter Anschlagsgefahr ein recht sorgloses Leben. Cafés und Kneipen sind gut besucht, aber ich kenne auch zwei Israelis, die sich wegen ihrer Erfahrungen während der zweiten Intifada heute immer noch nicht trauen, Bus zu fahren. Ich habe das Gefühl, dass ich weniger Angst habe als meine israelischen Freunde. Sie werfen mir dann vor, dass ich es eben nicht verstehen könne, weil ich die Intifada nicht erlebt habe. Ich werfe ihnen vor, dass sie Premierminister Benjamin Netanjahu zwar ablehnen, aber auf seine Masche, Angst zu schüren, reinfallen. Rational wissen sie zwar, dass es albern ist, wenn Netanjahu einer Klasse von Erstklässlern vom Terror der Hamas erzählt und ihnen verspricht, sie zu beschützen. Oder wenn er vor der UN mit einer schlecht gezeichneten Bombe vor dem Iran warnt. Emotional aber glauben viele doch an "Israel 24/7".

Für mich als Europäerin fühlt Terror sich glücklicherweise immer noch wie die Ausnahme an, für Israelis fühlt sich Terror im Ausland an wie die Ausnahme von ihrer Regel. Während ein Attentat in Europa Ausnahmezustand bedeutet, sind Anschläge und Attentatsversuche hier Teil der Normalität. Wer mit diesem Eindruck aufwächst, kann natürlich "Israel 24/7" fühlen.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Analyse: Mein Alltag mit der Angst in Tel Aviv


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.