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Brüssel
Merkels Mann für Europa

Brüssel. Uwe Corsepius bereitet die Kanzlerin auf die vielleicht wichtigsten Gipfel ihrer Amtszeit vor, und er nutzt seinen Einfluss geschickt aus. Von Christopher Ziedler

An manchen Tagen sieht er sie gar nicht. Es kann aber auch sein, dass er an einem Tag zehnmal hinauf in den siebten Stock des Bundeskanzleramts gerufen wird, wo Angela Merkel ihr Büro hat. Uwe Corsepius nimmt dann gerne die Treppen. So rank und schlank, wie der hoch aufgeschossene Europa-Berater der Kanzlerin daherkommt, darf vermutet werden, dass er in den vergangenen Monaten viele Höhenmeter im Kanzleramt überwunden hat.

Im Büro der Kanzlerin wird dann offen geredet über den Abgrund, in den die Europäische Union zu stürzen droht, wenn sie die Flüchtlingskrise nicht bald in den Griff bekommt. Hektik und Alarmismus sind nicht Sache dieser Regierungschefin, aber alle wissen, dass die Stunde geschlagen hat. Am Donnerstag und Freitag steht der erste von zwei EU-Gipfeln an, die irgendwie eine Lösung bringen müssen, Mitte März dann der zweite. Für Uwe Corsepius, der seiner Familie nach den vielen Griechenland-Rettungsgipfeln im vergangenen Sommer ruhigere Zeiten versprochen hatte, heißt das nun weitere Überstunden.

Angela Merkel will später wissen, was Corsepius von den neuen Vorschlägen der EU-Kommission zur Lösung der Flüchtlingskrise hält. Ein Treffen mit dem britischen Regierungschef David Cameron steht kurz bevor, der parallel bei Laune gehalten werden will, damit er seinem Land nicht den Austritt aus der Gemeinschaft empfiehlt. Gerade erst ist der 55-Jährige mit Angela Merkel aus Ankara zurück, wo in Absprache mit Griechenland mal eben ein Nato-Einsatz in der Ägäis zur EU-Grenzsicherung auf den Weg gebracht wurde - Voraussetzung dafür, dass auch andere EU-Staaten der Türkei vereinbarte Flüchtlingskontingente abnehmen.

All diese Dinge muss der europapolitische Berater der Kanzlerin einfädeln helfen. Er drängt sich dabei nie in den Vordergrund. In einer Zeit, da alle EU-Partner auf Deutschland schauen, kommt es darauf an, dass seine Politikempfehlungen Hand und Fuß haben und er nichts übersehen hat.

Corsepius ist Betriebswirt. Er hatte am Kieler Institut für Weltwirtschaft promoviert und Anfang der 90er für den Internationalen Währungsfonds in Washington gearbeitet. Er diente schon unter Gerhard Schröder an wichtiger Stelle im Kanzleramt. Merkel übernahm ihn vom SPD-Vorgänger, obwohl Corsepius kein CDU-Parteibuch besitzt. 2011 wechselte Corsepius dann nach Brüssel und wurde Generalsekretär des Rates der Europäischen Union mit Personalverantwortung für 3200 EU-Beamte. Er hatte Einfluss auf Tagesordnung und Verlauf der Ministertreffen sowie einen festen Sitz im Europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs - als einziger ungewählter Beamter. Nach vier Jahren als Chef des EU-Organs rief ihn Merkel im Frühsommer wieder zu sich nach Berlin.

Brüssel hat ihn verändert. "Es ist faszinierend", hat er nach dem ersten Jahr dort gesagt, "mit verschiedenen Kulturen zusammenzuarbeiten und als Deutscher zu sehen, dass der deutsche Weg nicht der einzige ist, der zum Ziel führt." Er kennt die Akteure in Brüssel und ihre Eigenheiten, kann sich eher in sie hineinversetzen. Das hat Auswirkungen auf das Bild, das sich die EU-Partner in Brüssel von der Berliner Regierung machen. "Die EU-Institutionen werden nicht mehr so herablassend behandelt", erzählt einer aus dem Kreis der "Sherpas", die die Regierungschefs von Gipfel zu Gipfel führen. Er berichtet von einer "hundertprozentig anderen Tonlage" und davon, dass Corsepius anders als sein Vorgänger in Vorbereitungstreffen nicht immer als Erster sprechen müsse: "Er ist nicht so dumm, arrogant oder belehrend aufzutreten. Er übt seinen Einfluss viel geschickter aus."

"Uwe hat das beste Netzwerk in ganz Europa", sagt ein EU-Diplomat. Das hilft ihm, die politische Gemengelage einzuschätzen. Mit dem Team von Ratschef Donald Tusk, das die Gipfelagenda für die Staats- und Regierungschefs festlegt, hat Corsepius am engsten zusammengearbeitet. Doch er brachte auch beste Kontakte zur EU-Kommission - in der Flüchtlingskrise nun wichtigster Partner - zurück nach Berlin. Ihr Chef Jean-Claude Juncker ruft Corsepius schon mal direkt an, wenn er was mit Deutschland zu bereden hat. Alle Regierungschefs kennen den Deutschen.

Der gebürtige Berliner Uwe Corsepius weiß, dass die Zeit für europäische Lösungen abläuft und die EU, in die er so viele Arbeitsjahre investiert hat, in Gefahr ist. Das zu verhindern treibt ihn täglich an.

Quelle: RP
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