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Tischtennis-WM
Dieser 13-Jährige stiehlt den Stars die Show

Ein 13-Jähriger spielt bei WM groß auf
Ein 13-Jähriger spielt bei WM groß auf FOTO: dpa, jg fpt
Düsseldorf. Bei der Tischtennis-WM in Düsseldorf spielt sich ein Japaner aus dem Schatten von Timo Boll, Dmitrij Ovtcharov und den China-Stars. Tomokazu Harimoto heißt er und steht im Viertelfinale. Das Unfassbare: Er ist erst 13 Jahre alt. Von Antje Rehse und Patrick Scherer

Bis zur WM in Düsseldorf war Jun Mizutani noch etwas berühmter als sein 14 Jahre jüngerer Landsmann. Immerhin hat der Japaner im vergangenen Jahr in Rio de Janeiro Olympia-Bronze gewonnen, Timo Boll hält ihn für den besten Spieler, der nicht aus China kommt. Doch Mizutanis WM ist schon wieder vorbei. Denn in der zweiten Runde scheiterte er sensationell an Harimoto. Beim 1:4 nach Sätzen war er sogar chancenlos gegen das Kind am anderen Ende des Tisches.

Harimoto hatte für seinen Sensationssieg eine einfache Erklärung. "Tischtennis hat nichts mit dem Alter zu tun", sagte der Junge, der Ende Monats 14 Jahre alt wird. "Ich wollte einfach attackieren und das habe ich von Anfang an gemacht. In meinem nächsten Match will ich wieder genauso spielen."

Gesagt, getan: Am Freitag schaltete Harimoto Cheng-Ting Liao (Taiwan) mühelos mit 4:0 aus, am Samstag im Viertelfinale den Slowaken Lubomir Pistej (Nummer 156 der Welt) mit 4:1. Im Halbfinale könnte Harimoto auf den Weltranglistenersten Ma Long oder Timo Boll treffen.

"Das ist schon ein bisschen krank", sagte Boll mit Blick auf das Wunderkind, das da gerade die WM in Düsseldorf aufmischt. "Vor allem köperlich hätte ich gedacht, es wäre nicht möglich, in dem Alter auf absolutem Weltniveau zu spielen", sagte Boll weiter. Aber die Chinesen und Japaner zeigten "eine andere Wahrheit".

Mit zwei Jahren erstmals an der Platte

Harimoto wurde das Talent in die Wiege gelegt. Seine ursprünglich aus China stammenden Eltern spielten schon erfolgreich Tischtennis und der kleine Tomokazu schnappte sich seinen ersten Schläger, bevor er richtig laufen konnte. "Ich habe schon mit zwei Jahren mit Tischtennis angefangen", sagte Harimoto vor zwei Jahren bei den Polish Open. "Als kleiner Junge habe ich auf einem Stuhl gesessen und versucht, Tischtennis zu spielen. Heute trainiere ich jeden Tag neun Stunden."

Harimoto, der für seinen ausschweifenden Jubel nach jedem gewonnenen Ballwechsel bekannt ist, war 2016 jüngster Junioren-Weltmeister in der Geschichte. In diesem Jahr verlor er bei den Indian Open im Februar erst im Finale gegen Deutschlands Top-Spieler Dimitrij Ovtcharov 0:4. "Er ist einfach ein Jahrhunderttalent", sagte Ovtcharov damals.

Kinderstars sind bei der Tischtennis-WM in Düsseldorf eine große Attraktion: Gleich zu Beginn stand der erst neunjährige Iljas Allanazarow aus Turkmenistan als jüngster Spieler des gesamten Turniers im Blickpunkt. Er trat im Herren-Doppel an, scheiterte gemeinsam mit seinem Partner aber schon in der Qualifikation.

Dass ein 9- und ein 13-Jähriger bei der Erwachsenen-WM am Tisch stehen können, ist nach den Regularien völlig okay. Denn während die Akteure bei Olympischen Spielen mindestens 16 Jahre alt sein müssen, gibt es bei der WM keine Altersbeschränkung.

Hintergrund der unterschiedlichen Behandlung: Der Tischtennis-Weltverband ITTF muss sich bei Olympischen Spielen dem Regelwerk des Internationalen Olympischen Komitees beugen, kann aber bei einer Weltmeisterschaft seine eigenen Regeln aufstellen. Und die lauten eben aufs Alter bezogen: Alles ist erlaubt.

Boll spielte mit 14 Bundesliga

Nach Meinung von Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis Bundes (DTTB), ist die Regel durchaus sinnvoll. Die Spieler in der Weltspitze haben nahezu durchgehend im Alter zwischen fünf und sieben Jahren mit intensivem Training begonnen. Die Trainingsumfänge liegen bereits in dieser Entwicklungsstufe bei mehreren Stunden pro Tag. Boll spielte Bundesliga mit 14, wurde Weltranglistenerster mit 20. "Wenn die Jungs den Sport mit Spaß und Ehrgeiz betreiben und schon das Level für Herrensport erreicht haben, ist es völlig okay mitzuspielen", sagt Prause.

Und auch Jörg Roßkopf wäre nicht abgeneigt, solch ein Talent entsprechend zu fördern. "Wenn es einen deutschen Neunjährigen gäbe, und der wäre besser als einer der sechs Erwachsenen, die ich nominieren kann, dann würde ich ihn auch zur WM mitnehmen, klar", sagt der Bundestrainer im Gespräch mit unserer Redaktion.

Für Prause gilt es dabei aber einen entscheidenden Faktor zu berücksichtigen: die Eigenverantwortung der nationalen Verbände. "Jedes Land hat eine Sorgfaltspflicht gegenüber den Spielern", sagt Prause. Gerade bei Minderjährigen müsse die umso größer sein.

Bei der ITTF ist das Thema auf dem Radar. "Bisher hielten sich die minderjährigen Teilnehmer in Grenzen", sagt Weltverbandspräsident Thomas Weikert. "Sollte das aber nun häufiger vorkommen, müssen wir das im Auge behalten und darüber diskutieren."

 
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