1. Bundesliga 17/18
| 16.27 Uhr

Revierderby war Werbung für den Fußball
Football, bloody hell!

Irres Revierderby zeigt uns, warum wir Fußball trotzdem lieben
Schalkes Amine Harit nach dem 4:4 in Dortmund. FOTO: afp
Meinung "Es klingt total kitschig", sagte Ralf Fährmann am Abend im Aktuellen Sportstudio im ZDF. Etwa 23 Mal. Was sich zuvor auf Sky und vor allem im Dortmunder Stadion zugetragen hat, ist der Grund, warum wir Fußball noch immer lieben.  Von Aaron Knopp

Wir sind verrückt geworden. Es bedurfte nicht erst eines Scheichs, der 222 Millionen Ablöse für einen zweifellos herausragend befähigten Brasilianer auf den Tisch legt, um einen Nennwert für die Durchgeknalltheit dieser Show zu bekommen, in der es mal um Fußball ging. Die richtige Ausfahrt haben wir Zuschauer schon vor einigen Kilometern verpasst. Längst hat uns dieser Sport mit seinen Begleiterscheinungen in eine Realität mit immer gröberen Absurditäten verfrachtet. Die sind mit einer leberwurstigen chinesischen U20-Auswahl, die ihre Teilnahme am (Freundschafts-)Spielbetrieb der Regionalliga Südwest wegen störender Tibet-Fähnchen überdenken wird, gewiss noch nicht auserzählt.

Wem mag man es verdenken, dass der Abgesang auf diese Sportart inzwischen zu einem vielstimmigen Chor angewachsen ist. Dass nicht nur Puristen immer wieder ausdrücklich damit drohen, den aufgeblasenen Zirkus mit Liebesentzug zu strafen. Dann doch lieber Kreisliga als dieses hochgezüchete Kunstprodukt, heißt es da. Man wisse ja ohnehin nur noch als Diplom-Ingenieur für Fernsehtechnik, welchen Empfänger man mit welcher Fernbedienung zu welcher unchristlichen Zeit bedienen muss, um am Ende zu sehen, dass einem das passende Abo fehlt. Den Konsum zu verweigern, das wäre tatsächlich konsequent.

Stattdessen lassen sich Millionen Fußballfans das alles immer noch gefallen, weil das Produkt im Kern unkopierbar und unübertroffen ist. Sobald uns König Fußball mit einem solchen Augenaufschlag bezirzt, wie bei diesem 4:4 zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 sind wir augenblicklich willenlos. Vergessen und vergeben sind all die Zwischentöne und Nebengeräusche, weil an diesem schon tags darauf historisch zu nennenden 25. November zwei Teams ganz ohne allen Zinnober allein mit Fußball und allen seinen unergründlichen Wendungen zu berauschen wussten. 

Für Peter Bosz und Domenico Tedesco war dieses Fußballfest gleichwohl ein Betriebsunfall. Schalkes Trainer drohte bereits auf der Pressekonferenz nach dem Spiel, dass man aus den Fehlern beider Mannschaften mehrere abendfüllende Spielfilme schneiden könnte. Die Schalker Spieler ahnten, dass er genau das im Anschluss tun würde. Wo immer mehr Geld auf dem Spiel steht, probieren sich gewiefte Fußballtaktiker zuletzt immer vordringlicher im Ausmerzen jener Fehler, die dieses Spektakel erst möglich machten. Der Versuch, dem Fußball das Unberechenbare auszutreiben und so Erfolg planbar zu machen, ist am Samstag krachend gescheitert. Dass sich die Anarchie immer wieder einwechselte und dabei wechselweise schwarz-gelb und königsblau trug, ermöglichte die vermutlich wahnwitzigste Comeback-Geschichte dieser Saison. Und erinnerte wohl viele, warum sie einmal begonnen haben, sich für Fußball zu interessieren. Ein Spiel wie die perfekte Einstiegsdroge.

"Dat erzähl ich meine Enkel", twitterte ein Schalke-Anhänger nach Naldos furiosem Schlussakkord in der Nachspielzeit. Vielleicht sollte er ihnen auch noch sagen, was im Fußball bis dahin noch alles schiefgelaufen sein wird – und dass es sich manchmal trotzdem lohnt. "Football, bloody hell!" ("Fußball, verdammte Hölle!") formulierte Alex Ferguson, jener ewige Manchester-United-Trainer, einst erschöpfend, nachdem seine Mannschaft gerade ein verloren geglaubtes Champions-League-Finale gegen Bayern München gewonnen hatte. In seinen besten Momenten ist dieser Sport eben genau das: einfach nur Fußball. 

 
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