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Kolumne Gegenpressing
Gut, dass die Bayern nicht im Finale stehen

Düsseldorf. Bei den Grill-Partys versammeln sich heute Abend nur die echten Fußballfans vor dem Fernseher und bleiben so verschont von Ahnungslosigkeit gespeisten Kommentaren. Von Robert Peters

Stellen wir uns mal vor, der FC Bayern München hätte seine überragende Herbst- und Winterform in den Frühling gerettet. Hätte nicht unter Verletzungsproblemen und WM-Nachwehen gelitten. Hätte sich im Halbfinale der Champions League gegen den FC Barcelona durchgesetzt. Ja, ich weiß schon: Hätte, hätte, Fahrradkette. Doch der Konjunktiv ist nun einmal die interessanteste und deshalb meist gebrauchte Form für Fußballdiskussionen. Fantasie wird nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz gebraucht.

Wenn heute Abend nun statt der Katalanen die Münchner im Finale gegen Juventus Turin hätten antreten können, wie wäre dann der Tag abgelaufen?

Man hätte sich zum Grillen verabredet, frühzeitig Kühlschrank und -truhe mit einer ausreichenden Menge Getränke bestückt, Kartoffel- und/oder Nudelsalat bereitet und sich mal wieder ein bisschen Sommermärchen verordnet. Die Temperaturen dafür haben wir ja zweifellos. Punkt 20.45 Uhr hätte sich die Feiergemeinde vor dem XXL-HD-Fernseher, der mittlerweile zur Grundausstattung moderner Haushalte gehört, versammelt und drauflos geschwätzt. Es hätte nicht lange gedauert, bis einer gesagt hätte: "Guck mal, der Schweini hat jetzt eine Frisur wie Helmut Schmidt." Es hätte etwas länger gedauert, bis einer gefragt hätte, warum denn der Robben nicht dabei ist (beim Rudelgucken kommen viele Menschen etwas später und interessieren sich nicht beizeiten für die Aufstellung). Es wären mal wieder 90 ätzende Minuten mit ergreifend schlichten und von Ahnungslosigkeit gespeisten Kommentaren geworden. Mindestens 90 Minuten, muss man sagen. Denn Champions-League-Finalspiele gönnen sich gern ja mal reichlich Nachspielzeit (1999, Bayern und Manchester, Sheringham und Solskjaer) und Verlängerungen. Das Berliner Olympiastadion mag auch Elfmeterschießen (siehe: WM-Finale 2006 zwischen Italien und Frankreich).

Nun sind die Münchner heute Abend nicht dabei. Das mag man bedauern, weil sich üblicherweise im späten Frühjahr ganz Fußballdeutschland hinter den Europacup-Bayern versammelt und sie so etwas wie eine zweite Nationalmannschaft werden. Für den weniger patriotischen Sportsfreund ergibt die Finalkonstellation aber ein viel angenehmeres TV-Erlebnis. Die Grillparty gibt es im Zweifel heute auch ohne die Münchner. Um 20.45 Uhr versammeln sich aber nur die Leute vor dem Fernseher, die das Fußballspiel lieben. Alle anderen bleiben im Garten, unterhalten sich über weit wichtigere Dinge wie Kita-Streik und Homo-Ehe - und darüber, dass im Fernsehen ja viel zu viel Fußball läuft.

Quelle: RP
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