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Löws Baustellen vor dem Auftaktspiel
Elf Fragen vor dem EM-Start

Fotos: Gewinner und Verlierer der EM-Vorbereitung
Fotos: Gewinner und Verlierer der EM-Vorbereitung FOTO: dpa, mb wst
Evian-Les-Bains. In fünf Tagen startet die deutsche Mannschaft gegen die Ukraine in das Turnier. Bundestrainer Joachim Löw hat noch ein paar offene Baustellen. Wichtigste Erkenntnis der Vorbereitung: Das Team darf nicht zu überheblich sein. Von Robert Peters

Es gehört zu den schönen Zügen der sogenannten Vorbereitung, dass Fußballmannschaften vor dem ebenfalls sogenannten Ernstfall sehr selten wissen, woran sie sind. Da macht die deutsche Nationalmannschaft fünf Tage vor ihrem EM-Auftaktspiel gegen die Ukraine keine Ausnahme. Seit gestern hat Bundestrainer Joachim Löw seine 23 Auserwählten in der Nobelherberge Ermitage im französischen Evian-les-Bains beisammen. Und die nächsten Tage sollten Antworten auf einige Fragen liefern. Hier elf wichtige:

1. Die wesentliche Erkenntnis der EM-Vorbereitung?

Wenn Löws Sammlung von Hochbegabten zu sehr davon überzeugt ist, eine Sammlung von Hochbegabten zu sein, wird's selbst gegen die vermeintlich Kleinen schwer. Die Schotten brachten den Weltmeister in Verlegenheit, in Polen und Irland verlor Löws Mannschaft, gegen quirlige Engländer ging ein Testspiel vor ein paar Monaten daneben, selbst gegen Georgien gab's nur ein 2:1. Wenn die DFB-Auswahl allerdings so etwas wie Harmonie zwischen schöngeistigen Fußball-Ansätzen und disziplinierter Spielauffassung hinbekommt, dann wird es unterhaltsam und gleichzeitig erfolgreich.

2. Wer ersetzt Philipp Lahm? Geht das überhaupt?

Es geht nicht. Lahm hat zehn Jahre lang mögliche Probleme auf den Abwehrflügeln überspielt. Er spielte lange links, später rechts, und immer prägte er das Spiel über seine Seite. Wie so oft im Leben wurde sein wahrer Wert erst ersichtlich, als er nicht mehr dabei war. Auf der linken Abwehrseite gibt es in Jonas Hector (Köln) einen brauchbaren Sachbearbeiter. Hector hat auch im letzten Test gegen Ungarn gezeigt, dass er nicht nur Verteidiger sein muss, sondern auch Torvorbereiter sein kann. Doch rechts hat Löw noch keine Antwort gefunden. In einem Test durfte Bayern Münchens Nachwuchsmann Joshua Kimmich dort vorspielen. Der Chef soll es ganz gut gefunden haben, weil Kimmich die Mittellinie nicht als natürliche Grenze seines beruflichen Umfelds sieht - im Gegensatz zu Benedikt Höwedes, der als Verteidiger aufwuchs.

3. Braucht Löw ein neues System?

Er hat es schon. In der Qualifikation hat er mit dem neuen Lieblingssystem der beiden besten Bundesligisten gespielt. Er stellte eine defensive Dreierkette und schickte zwei offensivere Kräfte auf den Flügel. Im Abwehrfall ist das eine Fünferkette, im Angriffsfall bleiben drei Sicherungen hinten, während die Außenspieler mitstürmen.

4. Wird Schweinsteiger fit?

Daran sind große Zweifel erlaubt. Gegen Ungarn trabte er ein bisschen mit, die fehlende Wettkampfpraxis war dem deutschen Kapitän bei jeder Bewegung anzusehen. Löws Assistent Marcus Sorg hat alle Bedenken in einen beiläufig gesagten Satz gegossen. Schweinsteiger könne im Verlauf der Veranstaltung noch "eine wichtige Ergänzung werden", heißt dieser Satz. Löw braucht seinen Kapitän wohl vor allem als Führungskraft, die auch von der Bank oder aus dem Training wirkt.

5. Falsche Neun oder echte Neun?

Es war lange schwer vorstellbar, dass das noch einmal ein Thema werden könnte. Aber parallel zum tristen Ersatzspieler-Dasein der falschen Neun (Mario Götze) erlebte die echte Neun (Mario Gomez) einen zumindest nicht von jedermann erwarteten Leistungsschub. Seit Gomez in der Türkei wieder trifft, darf er auch in der Nationalmannschaft wieder treffen. Er kann gerade gegen sehr defensive Gegner die Entschlossenheit in den Strafraum bringen, die im Doppelpass-Wesen der falschen Neuner nicht so vorkommt. Löws Lieblingsantwort lautet aber: falsche Neun.

6. Wo darf Mesut Özil spielen?

Özil hat ein sehr gutes Jahr bei Arsenal London hinter sich. Er offenbarte seine Fähigkeiten als Spielgestalter, der seine Nebenleute besser macht. Seine besten Szenen in der jüngeren Nationalmannschafts-Vergangenheit hatte er in der Begegnung mit Italien, als er mit Toni Kroos aus dem defensiven Mittelfeld das Spiel aufzog. Seine Lieblingsposition ist jedoch die "Zehn", gleich hinter der Spitze. Dort kann man sich auch Mario Götze vorstellen. Und Özil hat selbst mal auf der linken Seite ganz gute Spiele gemacht, obwohl er diese Rolle gar nicht mag.

7. Wie wichtig sind die Standardsituationen?

Ganz klare Antwort: Sie werden immer wichtiger. Defensive Gegner sind schwer auszuspielen, die großen Mannschaften gewähren nicht viele Chancen. Der Standard gibt die Möglichkeit, auf einstudierten Wegen zu Torgelegenheiten zu gelangen. Löw hat das erst in Brasilien so richtig begriffen, und er hat in Kroos einen Spieler, der gute Freistöße und Eckbälle schießen kann. Auf der anderen Seite muss das Abwehrverhalten gegen Standardsituationen des Gegners viel besser trainiert werden. Sogar die überaus harmlosen Ungarn brachten die Deutschen mit diesem Mittel in Gefahr.

8. Fehlt dem Weltmeister die Einstellung zum Turnier?

Danach sah es immer wieder mal aus. So mancher hatte erkennbar Probleme, in den Alltag zurückzufinden. Und auch der letzte Test offenbarte nicht höchste Einsatzbereitschaft. Das ist aber ganz normal. Löw beunruhigt es nicht sehr.

9. Nimmt Löw die EM zu leicht?

Auch danach sah es schon aus. Vor allem seine Feststellung, die EM sei eine Durchgangsstation auf dem Weg zur WM-Titelverteidigung, war ungeschickt. Inzwischen bemüht er sich durch kämpferische Reden um mehr Spannung. Ob das reicht, wird schon der Start am Sonntag zeigen.

10. Welche Rolle spielt Lukas Podolski?

Löw und Podolski reagieren allergisch auf jede Bemerkung, in der das Wort Maskottchen oder etwas Sinnverwandtes vorkommt. Dennoch ist der Rekordnationalspieler im DFB-Aufgebot vor allen Dingen für das Mannschaftsklima wichtig.

11. Braucht das Team mehr defensives Denken?

Ganz sicher. Seit der WM gab es viel zu viele Gegentore. Bei aller Wertschätzung des Trainers für den "schönen, den offensiven Fußball" bleibt die Defensive die Basis für Titel. Und den Titel wollen die Deutschen doch.

Quelle: RP
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