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Analyse zur deutschen Frauen-Nationalmannschaft
Und jetzt?

Celia Sasic verschießt Elfmeter im Halbfinale
Celia Sasic verschießt Elfmeter im Halbfinale FOTO: afp, mw
Montreal. Die deutschen Fußballerinnen müssen bis zu den Olympischen Spielen 2016 lernen, taktisch flexibler zu werden. Von Simon Janssen

Stolz ist ein schwieriger Begleiter, gerade im schnelllebigen Fußballgeschäft. Am Mittwoch war er an der Seite von Silvia Neid, die sich wenige Minuten nach der bitteren 0:2-Niederlage im WM-Halbfinale gegen die USA trotzig vor ihre Mannschaft stellte. "Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben", sagte die sichtlich enttäuschte Bundestrainerin mit feuchten Augen. Worauf genau ihre innere Zufriedenheit beruht, verschwieg die 51-Jährige allerdings.

Der Titel-Traum vom "Dritten Stern", mit dem sich die Fußballerinnen in Kanada zurück in die deutschen Fußballherzen spielen wollten, ist geplatzt. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Nationalmannschaft ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Wie geht es nun weiter mit der einstigen Fußball-Weltmacht, die 2013 noch zum sechsten Mal hintereinander Europameister wurde?

Frauen-WM: So trauern die DFB-Frauen nach dem 0:2 FOTO: dpa, crj

Die wohl wichtigste Personalentscheidung ist bereits getroffen: Steffi Jones übernimmt ab Herbst kommenden Jahres den Posten als Bundestrainerin. Die 42-Jährige, die aktuell noch ihrer Tätigkeit als DFB-Direktorin nachgeht, hat die Mammut-Aufgabe, die deutschen Fußballerinnen zurück an die Weltspitze zu führen. "Ich werde mir ein erfahrenes Team an meine Seite holen", kündigt Jones an und lässt mit dieser Aussage unfreiwillig durchschimmern, woran es der früheren Abwehrchefin mangelt. Denn Erfahrungen im Trainerbereich sucht man in ihrer Vita vergebens. Aus diesem Grund wurde offen Kritik an der Entscheidung geäußert, sie zur Neid-Nachfolgerin zu machen. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach verteidigt die Wahl: "Steffi Jones war in den vergangenen Jahren ganz nah am Fußball dran. Wir sind optimal aufgestellt für die Zukunft."

Unabhängig von Jones' Trainerfähigkeiten kommt die Ablösung Neids, die ab September 2016 Leiterin der neuen Scoutingabteilung Frauen- und Mädchenfußball beim DFB wird, wohl zur richtigen Zeit. Schließlich offenbarten ihre Spielerinnen in Kanada Schwächen, für die die zweimalige Fifa-Trainerin des Jahres die Verantwortung zu tragen hat. Neid hielt strikt an ihrer starren 4-2-3-1-Grundordnung fest und verzichtete auf taktische Experimente - was ihre Mannschaft für gegnerische Teams berechenbar machte. Gegen die abgezockten US-Girls nahm Neid kaum Einfluss vom Spielfeldrand. Sie brachte beim Stand von 0:1 lediglich Mittelfeldakteurin Dzsenifer Marozsan (23) für Stürmerin Anja Mittag (30) ins Spiel. Mit dem körperbetonten Vorgehen der USA kam die DFB-Auswahl nicht zurecht, einen Plan B hatte Neid jedoch nicht parat. So richtig einsehen, dass der Olympiasieger im Vergleich mit dem Europameister das effektivere und flexiblere Team stellte, wollte sie nach dem Spiel nicht. "Wir haben ein tolles Halbfinale zweier starker Mannschaften gesehen. Wir waren nur zu unpräzise und nicht gefährlich."

Lloyd verwandelt zweifelhaften Elfmeter gegen DFB-Elf FOTO: afp, mp

Das Erreichen des WM-Halbfinals klingt solide. Dennoch bleibt der Beigeschmack, dass Deutschland taktisch und strategisch nicht alles herausgeholt hat. Die Zukunft des deutschen Frauenfußballs schwarzzumalen, wäre jedoch weit übertrieben, schließlich rücken zahlreiche hochtalentierte Nachwuchs-Spielerinnen nach, die über das Potenzial verfügen, den Traum vom "Dritten Stern" tatsächlich irgendwann realisieren zu können. Offensivtalente wie Lena Petermann (21) sind die große Hoffnung im Frauen-Nationalteam. Zahlreiche Nachwuchs-Spielerinnen vergangener Jahre sind mittlerweile fester Bestandteil des A-Teams. Aus dem U-20-Team, das 2012 in Japan erst im WM-Finale gegen die USA scheiterte, wurden nur ein Jahr später unter anderem Lena Lotzen (21), Leonie Maier (22), Jennifer Cramer (22) und Dzsenifer Marozsan (23) Frauen-Europameister.

Es wird eine der Hauptaufgaben von Jones sein, diese hohe Zahl an Top-Talenten weiterzuentwickeln und das Team insgesamt variabler zu gestalten. Die Olympischen Spiele werden vorerst das letzte Turnier sein, bei dem Neid als Bundestrainerin am Spielfeldrand steht. Dass sie 2016 von ihrer Systemsicherheit abweicht, ist nicht zu erwarten. Die 51-Jährige könnte mit einem guten Turnier aber dafür sorgen, dass sie einen Abschied erhält, der ihr gebührt - einen Abschied, auf den sie stolz sein kann.

Die US-Frauen feiern den Sieg über Deutschland FOTO: afp, FF/dec
Quelle: RP
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