| 18.33 Uhr

Bewerbungschance Brasilien
Nur noch zwei Unbekannte in Löws WM-Elf

DFB-Team: Nur zwei Unbekannte in der Elf von Joachim Löw für die WM 2018
Leroy Sané bekam für das Spiel gegen Brasilien eine Einsatzgarantie von Joachim Löw. FOTO: dpa, a jai
Berlin. Das intensive 1:1 gegen Spanien liefert vor allem eine Erkenntnis: Neun WM-Positionen sind aktuell vergeben. Gegen Brasilien will Löw mehr experimentieren. Ein Weltmeister-Duo darf freimachen. Boateng tritt als Kritiker auf. Torwart ter Stegen fehlt beim Training.

Joachim Löw schaltete beim Fußball-Weltmeister ganz schnell wieder vom kurzzeitigen Müßiggang in den Arbeitsmodus. Der Bundestrainer startete am Sonntag die Express-Vorbereitung auf das erste Wiedersehen mit den wiedererstarkten Brasilianern seit dem deutschen Jahrhunderttriumph beim 7:1 im WM-Halbfinale vor vier Jahren - allerdings ohne Torwart Marc-André ter Stegen. Die aktuelle Nummer 1 fehlte in Absprache mit Torwartcoach beim Training, laut DFB ist ter Stegen nicht verletzt. Vielleicht möchte Löw am Dienstag (20.45 Uhr/ZDF) noch einmal Bernd Leno oder Kevin Trapp testen.

Nach den "vielen wichtigen Erkenntnissen" beim intensiven 1:1 gegen Spanien hatte der Bundestrainer den Spielern am Wochenende in Berlin erstmals einen halben Tag Freizeit gegönnt. Löw weiß ja schon: Er muss in seiner WM-Elf im Grunde nur noch zwei Baustellen schließen.

Keiner glaubt an ein erneutes Schützenfest gegen Brasilien

"Jeder von uns ist heiß, gegen Brasilien zu spielen", berichtete Leroy Sané am Sonntag. Verständlich. Der Jungstar hat bereits eine Einsatzgarantie bekommen. Weltmeister Toni Kroos glaubt an einen weiteren großen Fußballabend: "Ich finde Brasilien heute zwei Klassen besser als 2014." An ein neues Schützenfest gegen die Brasilianer glaubt im DFB-Tross keiner. "Wir saßen damals ungläubig vorm Fernseher", berichtete Ilkay Gündogan, der bei der WM 2014 gefehlt hatte. "Sie sind ähnlich stark wie die Spanier. Brasilien hat eine Entwicklung genommen, die ihresgleichen sucht", sagte Gündogan.

Ein Erfolg gegen eine große Fußball-Nation wäre noch einmal ein wichtiges Signal, auch wenn Löws Rekordjäger schon mit einem weiteren Remis die 38 Jahre alte DFB-Bestmarke von 23 Länderspielen ohne Niederlage unter Jupp Derwall egalisieren könnten. 0:0 gegen England, 2:2 gegen Frankreich, 1:1 gegen Spanien - da käme im vierten großen WM-Probelauf nacheinander ein Sieg gelegen. "Wir haben jetzt gegen die Topfavoriten gespielt. Es war schön zu sehen, dass wir mithalten können. Wir haben zwar kein Spiel mehr gewonnen, aber auch keins verloren", sagte Timo Werner, der hinzufügte. "Wir haben genug Qualität, um beim Turnier solche Mannschaften auch zu schlagen."

Löw war nach dem WM-Lustmacher gegen Spanien "sehr zufrieden". Er hatte zum Jahresauftakt das bekommen, was er sich gewünscht hatte. "Es war ein hochklassiges Spiel, aber beide Mannschaften können bei der WM noch mehr zeigen", sagte Löw. Eine Erkenntnis war für ihn jedoch nicht neu: "Wer glaubt, dass es eine einfache Geschichte wird bei der WM, der täuscht sich gewaltig."

Jérôme Boateng als Chefkritiker

Spaniens Edeltechniker wie Real-Star Isco oder Barcelona-Legende Andres Iniesta legten einige Defizite im deutschen System offen, an denen Löw in der WM-Vorbereitung arbeiten muss. Löws Versuch, die Spanier ganz hoch zu pressen, verfehlte das Ziel. Im Gegensatz zum entspannten Bundestrainer trat Jérôme Boateng als Chef-Kritiker auf. Auf die Frage, was noch besser werden müsse, antwortete der Münchner Verteidiger schon überkritisch: "Alles! In jeder Hinsicht."

Dann zählte Boateng die diversen Mängel auf: "Chancenverwertung. Passspiel. Wir müssen zielstrebiger zum Tor spielen und auch besser zusammenarbeiten. Das Umschalten muss auch besser werden. Wir kriegen drei oder vier Konter, das geht nicht." Erst recht nicht gegen die Brasilianer, auch wenn die Seleção ohne ihren verletzten Topstar Neymar antreten muss. "Das ist das gleiche Kaliber wie Spanien, wenn nicht noch mit etwas mehr Offensivkraft", sagte Weltmeister Boateng über die Südamerikaner, am Freitag 3:0-Sieger in Russland.

Löw konnte auch dank der von Torschütze Thomas Müller verhinderten ersten Niederlage seit dem EM-Halbfinale 2016 gelassen auftreten, weil er eine zentrale Erkenntnis gewonnen hat. Seine WM-Elf steht schon auf neun Positionen. Marc-André ter Stegen bewies im Tor erneut, dass er mehr als ein Ersatz für den noch spielunfähigen Manuel Neuer ist. Davor steht die Viererkette mit dem Bayern-Trio Kimmich, Boateng, Hummels sowie Jonas Hector. An dem lange verletzten Kölner will Löw nicht rütteln: "Jonas vertraue ich absolut."

Der Platz neben Kroos und die Position vorne links sind noch umkämpft

Das gilt noch mehr für Kroos, Müller und Özil. Das Weltmeister-Duo Müller/Özil darf gegen Brasilien sogar frei machen. Auf der Mittelstürmerposition hat sich der 22 Jahre alte Confed-Cup-Sieger Werner mit seiner Geschwindigkeit, seinem Pressing-Vermögen und einer guten Trefferquote unverzichtbar gemacht. Der Konkurrenzkampf mag in der Dichte auf extrem hohen Niveau verlaufen, aber die Hierarchien sind auf den meisten Position geklärt. Richtig umkämpft sind vor dem Auftaktspiel am 17. Juni in Moskau gegen Mexiko derzeit zwei Posten: Der neben Taktgeber Kroos im Mittelfeld und der vorne links.

Die individuellen Bewerbungen will Löw gegen Brasilien forcieren. Neben Gündogan und Sané wird auch Lokalmatador Marvin Plattenhardt von Hertha BSC neu in die Startelf rücken. Emre Can reiste dagegen wegen anhaltender Rückenprobleme ab. Und Sami Khedira ist weiter angeschlagen. Er trainierte am Sonntag nur individuell. "Wir werden personell ein bisschen anders auftreten", bemerkte Mats Hummels.

(dpa)
 
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