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Ticketskandal um Hickey
Behörden wollen Bach als Zeuge vorladen

Pressestimmen: "Fatale Entscheidung"
Pressestimmen: "Fatale Entscheidung" FOTO: dpa, gh Dok5 nic
Rio de Janeiro. Der peinliche Ticket-Skandal der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro hat endgültig auch IOC-Präsident Thomas Bach erreicht. Die brasilianische Polizei will Bach wegen seines regen E-Mail- und SMS-Austauschs mit dem angeklagten hochrangigen IOC-Funktionär Patrick Hickey als Zeugen hören. Dies berichten übereinstimmend mehrere brasilianische Medien unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Es geht um insgesamt 65 Nachrichten, die die Behörden auf dem beschlagnahmten Computer und dem Handy Hickeys gefunden haben. Bach, so hieß es, soll bei einer möglichen nächsten Brasilienreise Stellung nehmen.

Dazu wird es vorläufig nicht kommen. Das IOC teilte auf SID-Anfrage am Mittwoch mit, dass Bach derzeit keine Reise nach Brasilien geplant habe. Mit Verweis auf das laufende Verfahren könne man sich nicht näher äußern. Für das IOC sei es aber "selbstverständlich, dass es in dieser Frage kooperieren wird", hieß es. Das IOC betonte erneut, dass für Hickey die Unschuldsvermutung gelte.

Seine ursprünglich geplante Reise zur Paralympics-Eröffnungsfeier im Maracana-Stadion am Mittwoch hatte Bach kurzfristig abgesagt. Er war stattdessen Gast beim Staatsakt für den verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel in Berlin. Die FDP-Parteigenossen Scheel und Bach standen einst in engem Kontakt. Auch beim Begräbnis Hans-Dietrich Genschers im April war Bach zugegen.

Das, was aus der Korrespondenz zwischen Hickey und Bach bislang bekannt geworden ist, offenbart vor allem ein fragwürdiges Selbstverständnis Hickeys – nicht mehr. Unverholen forderte der Chef des Nationalen Olympischen Komitees Irlands beim obersten Olympier mehr Rio-Tickets für sein NOK - beziehungsweise für sich und seine "kriminelle Organisation", wie die brasilianischen Ermittler annehmen. Hickey und neun weitere Personen wurden wegen Betrugs, Steuerhinterziehung und Geldwäsche angeklagt. Ihnen drohen bis zu acht Jahre Haft.

Es waren nicht irgendwelche Tickets, die das IOC-Exekutivmitglied gut ein Jahr vor den Spielen persönlich bei Bach anforderte. Für die Eröffnungsfeier wollte Hickey 188 statt der zugeteilten 38 Tickets, für die Schlussfeier 128 statt 28, für das 100-m-Finale mit Usain Bolt 242 statt 42. Und statt null Tickets für das Basketball- und das Fußball-Finale fragte er 30 beziehungsweise 500 (!) an. Ob Bach seinem Intimus Hickey entgegengekommen ist, ist unklar, ebenso, ob und wenn ja wie viele der möglicherweise nachträglich an den Iren ausgehändigten Tickets auf dem Schwarzmarkt gelandet sind.

Der "Süddeutschen Zeitung", die in Deutschland zuerst über den Schriftverkehr berichtet hatte, teilte das IOC schon Ende August mit, dass der Präsident weder in die Auswahl der offiziellen Kartenverkäufer (ATR) noch in die Gestaltung der Verträge eingebunden sei. Das sei Sache des Organisationskomitees und der NOKs. Der IOC-Präsident werde nur "gegebenenfalls über prinzipielle Fragen informiert".

Ein Geschmäckle bleibt

Dass Bach am Mittwoch in Berlin weilte und nicht in Rio, ist vor dem Hintergrund seines Verhältnisses zu Scheel zumindest nachvollziehbar. Ein Geschmäckle bleibt trotzdem. Der Branchendienst insidethegames.biz stellte fest, dass Bach der erste IOC-Präsident seit 32 Jahren sei, der nicht die Paralympics-Eröffnungsfeier besucht habe. Verwiesen wurde auch auf die Tatsache, dass es zwischen IOC und Internationalem Paralympischem Komitee (IPC) zuletzt durchaus Spannungen gegeben hat: Das IPC ging gegen die russischen Staatsdoper wesentlich entschlossener vor und sperrte im Gegensatz zum IOC alle russischen Sportler aus.

Hickey, der bei einer Befragung durch die brasilianischen Behörden am Dienstag die Aussage verweigerte, lässt seine zahlreichen sportpolitischen Ämter, unter anderem als IOC-Mitglied, NOK-Präsident Irlands und Chef des Europäischen Olympischen Komitees (EOC), derzeit ruhen. Über die Einleitung des Verfahrens entscheiden nun die Richter.

Die Festnahme Kevin James Mallons, Repräsentant der Hospitality-Firma THG, am Tag der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele hatte den Fall ins Rollen gebracht. Bei Hickeys Landsmann stellte die Polizei 1050 Tickets, darunter viele für VIP-Bereiche, sicher. Diese waren zu überhöhten Preisen auf dem Schwarzmarkt aufgetaucht. Hickey, der die Eintrittskarten der nicht vom IOC autorisierten THG zugespielt haben soll, war am 17. August in einer spektakulären Aktion in Haft genommen worden.

Die Staatsanwaltschaft hat nun offenbar noch ein paar Pfeile im Köcher. Luys Falco, einer der leitenden Ermittler, verwies auf eine Pressekonferenz am Donnerstag, auf der weitere Namen von Personen genannt werden sollen, die in den Fall verstrickt seien. Weitere Deatils nannte er nicht - außer, dass es sich um Europäer handele.

(seeg/sid)
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