| 09.37 Uhr

Düsseldorf
Film zwischen Rhein und Weser

Düsseldorf. Seit mehr als 120 Jahren werden in Städten und Regionen des heutigen NRW Filme gedreht. Das Land hat Produzenten, Filmhochschulen und berühmte Filmschaffende hervorgebracht. Doch die Arbeit an einer umfassenden Filmgeschichte hat gerade erst begonnen. Von Dorothee Krings

Die gut gekleideten Herren, die an diesem Sonntagmorgen aus dem Kölner Dom spazieren, greifen zum Gruß höflich an die Hutkrempe. Sie wirken froh gelaunt. Die Kamera irritiert sie nicht. Dabei werden sie gerade Hauptfiguren in einem der ersten Filme, die in NRW gedreht wurden. "Am Kölner Dom nach dem Hauptgottesdienst", sollte er später heißen. Es ist das Jahr 1896.

Gedreht hat diese frühe Doku einer der Angestellten der französischen Erfinder-Dynastie Lumière. Die Filmpioniere hatten einen Holzkasten entwickelt, der Filmkamera und Projektor in einem enthielt, und sandten damals Vorführer durch Europa, um ihre Erfindung gegen Bezahlung in Gang zu setzen. In Köln kamen sie mit dem Schokoladenfabrikanten Ludwig Stollwerck ins Geschäft, der den "Operateur" aus Frankreich nicht nur Filme vorführen, sondern auch neue drehen ließ: Eine Einfahrt in den Kölner Hauptbahnhof wurde so auf 35-mm-Film gebannt oder der "Feierabend einer Kölner Fabrik" - 50-Sekunden-Werke, die Menschen das Staunen lehrten.

120 Jahre später kann Nordrhein-Westfalen auf eine reiche Filmgeschichte zurückblicken: Das Land hat sich nicht nur zu einem Standort für Produzenten und Filmhochschulen entwickelt, wenn auch oft im Schatten der Filmmetropolen Berlin und München. NRW hat auch viele berühmte Filmschaffende hervorgebracht. Da sind frühe Stars wie Luise Rainer, die jüdischer Herkunft war, ihre Karriere am Schauspielhaus in Düsseldorf begann, von Hollywood entdeckt wurde und in den 1930er Jahren zwei Oscars gewann.

Da sind die Leinwandstars vergangener Jahrzehnte wie Heinz Rühmann, Ruth Leuwerik, die unvergleichliche Trude Herr. Da sind Charakterköpfe wie Mario Adorf oder Udo Kier und Jürgen Prochnow, die auch in Hollywood Karriere machten. Und natürlich haben viele Schauspieler der jüngeren Riege ihre biografischen Wurzeln ebenfalls in NRW wie Daniel Brühl, der in Köln aufgewachsen ist, Heike Makatsch, die in Düsseldorf geboren wurde, Veronika Ferres, die aus Solingen stammt.

Auch im Regiefach hat das Land im Laufe der Filmgeschichte bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht. Da sind Wegbereiter wie Friedrich Wilhelm Murnau und Helmut Käutner, prägende Gestalten wie Wim Wenders und Tom Tykwer, Margarethe von Trotta und Sönke Wortmann. Und natürlich ist das Land selbst immer wieder Gegenstand von Filmen gewesen, hat Kulissen und Atmosphären geliefert, hat Drehbuchautoren und Regisseure inspiriert.

Im Rückblick zeigt sich, dass NRW von Anfang an beides bebildern konnte: Metropolen und Provinz. Es lieferte Drehorte für die Machtzentralen der Bonner Republik, wie sie etwa in der Wolfgang-Koeppen-Verfilmung von "Das Treibhaus" von Peter Goedel zu erleben ist. Es hält mit der düsteren Eifel, dem bürgerlich-schmucken Münster, dem ruppigen Köln abwechslungsreiche Kulissen für Krimis bereit. Es schenkt Autorenfilmern wie Wim Wenders jene versehrten Stadtansichten, die von der Haltlosigkeit im Innern von Figuren erzählen können. Man muss nur noch mal "Alice in den Städten" schauen und sehen, wie verletzlich Wuppertal dort gezeigt wird.

Und dann ist da natürlich noch die gewaltige, erhaben-rußende Industriekulisse des Ruhrgebiets wie sie Adolf Winkelmann immer wieder beschworen hat, zuletzt in "Junges Licht". Im Ruhrgebiet konnte Sönke Wortmann mit dem "Wunder von Bern" einen Fußballfilm drehen, der zugleich die Milieus des Nachkriegsdeutschlands studiert. Immer gab es in dieser Region die Barone und die Malocher - und alles dazwischen, so hat sich dort deutsche Geschichte und Sozialgeschichte abgelagert und lockt Filmemacher bis heute, sie in Form von Geschichten wieder ans Tageslicht zu befördern.

Doch steht die Region nicht nur für Nostalgie: Schließlich wurde bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen 1962 mit dem Oberhausener Manifest "Papas Kino" für tot erklärt und das Startsignal für den Neuen Deutschen Film gegeben. Und Avantgardisten wie Werner Nekes, Christoph Schlingensief, und ja, auch Helge Schneider kommen aus Mülheim an der Ruhr. So bleibt das Gebiet auch ohne rauchende Schlote eine Schürfstätte für den deutschen Film und trägt mit dazu bei, dass in NRW weiter Filmgeschichte geschrieben und Geschichten gedreht werden.

Natürlich nicht nur fiktive. Auch der Dokumentarfilm hat in NRW eine reiche Geschichte dank früher Förderung durch das Land und des WDR als Auftraggeber. Den Dokumentarfilmern hatte es ebenfalls das Ruhrgebiet als Ort industrieller Arbeit und als soziales Feld angetan und mit dem Strukturwandel finden sich dort Themen bis heute. Aber eine Helma Sanders-Brahms drehte in NRW auch ihren dokumentarischen Debütfilm "Angelika Urban, Verkäuferin, verlobt", Dietrich Schubert zeigte mit seinen Beobachtungen des Landlebens in der Eifel schon ab den 1980er Jahren, wie fesselnd Dokumentationen ohne Off-Kommentar sein können. Und die Vielfalt an Themen ist weiter gewachsen, reicht heute vom wundersam-spröden Porträt eines Kartäuserklosters in "Die große Stille" vom Düsseldorfer Philip Gröning bis zu Sozialstudien wie in "Sofia's Last Ambulance", die es bis zum Filmfest in Cannes schaffte.

Nun hat die Film- und Medienstiftung NRW begonnen, die bewegte Filmgeschichte des Landes zusammenzutragen. Schon länger waren Aufsätze zum Thema online, jetzt gibt es sie auch in kleiner Auflage vereint in einem Buch, das erste Linien zeichnet, Einzelaspekte wie Bonner Republik, Videokunst oder Dokumentarfilme in den Blick nimmt. Natürlich kann darin vieles nur angerissen werden, tauchen Namen und Titel auf, ohne im Detail gewürdigt werden zu können. Aber so ist das mit Büchern über den Film ja immer: Sie verhandeln etwas, das man erleben muss, wecken Sehnsucht: Sogleich möchte man diesen Film von Dietrich Schubert sehen "Nieder mit den Deutschen", der 1984 aus dem Deutschland unter Helmut Kohl erzählt. Oder noch einmal Mario Adorf und Angela Winkler erleben in der Böll-Verfilmung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" oder Kommissar Schimanski in Duisburg versacken sehen.

Filme erzählen einzigartige Geschichten, aber sie ergeben unbeabsichtigt immer auch ein Ganzes, bewahren in der Zusammenschau ein Lebensgefühl, ein Sittengemälde, eine Zeit. So hat es mit Förderstrukturen und vielen Zufällen zu tun, welche Filme in NRW erdacht und gedreht werden. Doch hinterlässt jedes einzelne Werk Bilder im Bewusstsein der Zuschauer, die Teil werden von der Collage eines Landes. Das Filmland NRW ist so vielgesichtig wie seine Filmgeschichte. Eine Freude, durch sie hindurchzuspulen.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Film zwischen Rhein und Weser


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.