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Schweingrippe-Impfung
Wirkstoff verursacht Muskelversagen

Die häufigsten Fragen zur Schweinegrippe-Impfung
Die häufigsten Fragen zur Schweinegrippe-Impfung FOTO: AP
Berlin . Sie nicken mehrmals am Tag ein, bei intensiven Gefühlen versagen ihre Muskeln. Für Narkolepsie-Patienten gibt es bisher keine Heilung. Einige Fälle gehen offenbar auf eine Impfung gegen Schweinegrippe zurück. Entschädigungsforderungen laufen - auch in Deutschland.

Lucy ist 13 Jahre alt, als sie plötzlich dauernd vor dem Fernseher einschläft. Wenn sie lachen muss, kommt es vor, dass sie unvermittelt nach vorn sackt. Einige Monate vor dem Auftreten der merkwürdigen Symptome war das Mädchen gegen Schweinegrippe geimpft worden - wie etwa sechs Millionen andere Briten in den Jahren 2009 und 2010. Heute ist Lucy 18 Jahre alt - und leidet nach wie vor unter Narkolepsie. Etwa 40 Mal am Tag schläft sie ein, ohne sich dagegen wehren zu können, wie sie der britischen Tageszeitung "Guardian" berichtete.

Vorbeugende Impfungen sollen vor Krankheiten schützen. Umso größer war der Schock, als für den Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix ein gegenteiliger Verdacht aufkommt: Im August 2010 informierte die schwedische Arzneimittelbehörde über Narkolepsie-Fälle bei Kindern und Jugendlichen nach der Impfung. Weitere Analysen in Finnland, Irland, Frankreich und England stützten diese Vermutung, dass Pandemrix in seltenen Fällen die unheilbare Schlafkrankheit auslösen kann. Inzwischen fließen Entschädigungszahlungen - von Behörden, nicht vom Hersteller.

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Die Forderungen richteten sich zwar gegen den Pharmariesen GlaxoSmithKline (GSK), sagt Anwalt Peter Todd, der 75 Betroffene in Großbritannien vertritt, der Deutschen Presse-Agentur. "Aber letztlich wird die britische Regierung GSK entschädigen müssen." Denn sie habe den Impfstoff gekauft und die Impfung empfohlen. In Deutschland wurde die Schutzimpfung von der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert Koch-Instituts (RKI) empfohlen.

Eine im Fachjournal "Science Translational Medicine" vorgestellte Studie zeigt nun, dass ein bestimmtes Virus-Protein, das einer Andockstelle im Gehirn ähnelt, Auslöser für die Erkrankung sein könnte. In der Folge richte sich das Immunsystem gegen bestimmte, für das Schlafverhalten wichtige Zellen im Gehirn, berichten Forscher um Lawrence Steinman von der Stanford University in Kalifornien. Weitere Studien seien aber nötig, um den vorgestellten Mechanismus zu bestätigen, kommentiert Hartmut Wekerle, emeritierter Neuroimmunologe des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie in Martinsried.

Die Narkolepsie ist eine seltene Schlaf-Wach-Störung, typische Symptome sind Tagesschläfrigkeit und sogenannte Kataplexie, ein plötzlicher Verlust des Muskeltonus bei starken Gefühlen.

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In Großbritannien steht die Schweinegrippe-Impfung neben Pocken und Mumps auf der Liste jener Impfungen, nach denen eine Entschädigung beantragt werden kann. 120 000 Pfund, umgerechnet rund 166 000 Euro, bekommt, wer nach einer Impfung "schwer behindert" ist - also zu mindestens 60 Prozent. Doch die Regierung hat lange, wie auch in Lucys Fall, alle Anträge abgewiesen mit der Begründung, die Patienten seien nicht ausreichend geschädigt für die Auszahlung.

Das sah ein britisches Gericht im Fall eines 12-jährigen Jungen anders. Er kann, so berichten seine Eltern, nicht unbeaufsichtigt duschen oder mit dem Bus fahren und hat große Probleme in der Schule. Nun soll er die Standard-Entschädigung von 120 000 Pfund für schwere Impfschäden bekommen. Anwalt Peter Todd von der Kanzlei Hodge Jones & Allen ist zuversichtlich, dass auch seine anderen Fälle Erfolg haben werden. Dabei gehe es ihm nicht nur um die 120 000 Pfund: "Ich hoffe, dass wir vollen Schadenersatz bekommen, was sehr viel mehr sein wird." Derzeit sei man mit GSK im Gespräch.

"Wir nehmen die Sicherheit der Patienten, die ihre Gesundheit unseren Impfstoffen und Medikamenten anvertrauen, sehr ernst", heißt es dazu bei dem britischen Pharmakonzern. Ein Sprecher sagt, das Unternehmen erforsche den beobachteten Zusammenhang zwischen Pandemrix und Narkolepsie sowie Wechselwirkungen, die der Impfstoff mit anderen Risikofaktoren im Körper der Betroffenen gehabt haben könnte. Zudem unterstütze GSK die Forschung externer Experten dazu.

Pandemrix war im September 2009 in der Europäischen Union (EU) zum Schutz gegen den Virusstamm H1N1A/v zugelassen worden. Während der Influenza-Welle 2009/2010 wurden fast 31 Millionen Menschen damit geimpft. Daneben gab es noch Impfstoffe anderer Konzerne. Zurzeit wird Pandemrix in der EU nicht mehr eingesetzt.

Entschädigungsforderungen gibt es auch in Finnland, Norwegen, Schweden, Frankreich und Dänemark. Für Deutschland hat das zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen 51 Verdachtsfälle erfasst, in denen ein Zusammenhang zwischen Impfung und Narkolepsie bestehen könnte. 27 davon sind Kinder und Jugendliche. Hinzu kommen je zwölf Frauen und Männer.

Mehr als 20 Narkolepsie-Patienten haben einen Antrag auf Entschädigung bei den zuständigen Landesämtern gestellt. Wird ihm stattgegeben, erhalten Betroffene ab einem bestimmten Schädigungsgrad eine lebenslange Grundrente, deren Höhe sich bundesweit einheitlich nach Schweregrad und Einkommensverhältnissen richte, erklärt Bernd Stöber vom Niedersächsischen Landessozialamt.

(dpa)
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