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Nachruf auf Kardinal Meisner
"Jeder hat den Segen verdient"

Überblick: Reaktionen auf den Tod von Kardinal Meisner
Überblick: Reaktionen auf den Tod von Kardinal Meisner
Köln. Der frühere Kölner Erzbischof Joachim Meisner war einer der profiliertesten Köpfe des Katholizismus in Deutschland. Nun ist der Kardinal im Alter von 83 Jahren gestorben. Ein Nachruf. Von Lothar Schröder

Sein letzter Weihnachtsgottesdienst im Dom zu Köln hätte sein schlimmster werden können. Als die 20-jährige Femen-Aktivistin Josephine Witt plötzlich barbusig auf den Altar springt und der Gemeinde ihren Oberkörper zur Ansicht stellt – auf diesem ist gepinselt: "I am God" (Ich bin Gott).

Doch Joachim Kardinal Meisner, der an diesem Tag seinen 80. Geburtstag feiert, reagiert so, wie es seine Art sein konnte – souverän. Er segnet den Altar erneut, setzt den Gottesdienst fort und schließt am Ende auch Josephine Witt in seinen Segensgruß ein: "Jeder hat den Segen verdient. Sogar die verwirrte Frau vorhin. Sie schließe ich mit ein, sie hat es wohl am Nötigsten."

Am Mittwochmorgen ist der geschätzte wie auch umstrittene Kardinal, der 25 Jahre lang das Kölner Erzbistum leitete, während seines Urlaubs in Bad Füssing im Alter von 83 Jahren gestorben.

Den Menschen innig zugewandt

"Jeder hat den Segen verdient. Sogar die verwirrte Frau vorhin…", so konnte Meisner eben auch sein; den Menschen innig zugewandt, verzeihend, nachsichtig, manchmal humorvoll und in der persönlichen Begegnung oft auch charmant.

Kardinal Meisner ist tot

"Ah, da ist ja mein größter Feind", sagte er manchmal gleich zur Begrüßung. Und dann buffte er einen beherzt in den Oberarm und lachte. Auf diese Weise pflegte er bisweilen Journalisten zu begrüßen. Viele Male bin ich Kardinal Meisner begegnet. In der Weihnachtszeit kurz vor seinem 75. Geburtstag begleitete ich ihn einen Tag unter anderem zu einem Obdachlosen-Treff. Berührungsängste hatte er keine. Im Gegenteil: Überall und immer müsse er reden, klagte damals der Erzbischof. "Bei euch darf ich nur zuhören." Und das tat Meisner dann auch.

Die beiden eindrücklichsten Treffen waren jeweils kurz nach Mitternacht auf dem Campo Santo Teutonico im Vatikan. Der Anlass war stets der derselbe: die Wahl eines neuen Papstes wenige Stunden zuvor.

Bei Franziskus zeigt er sich überrascht und neugierig. "An Bergoglio habe ich nicht gedacht", sagte er mir damals. Und: "Es ist erstaunlich, wie ein Mensch in eine andere Rolle kommt und dann auch wirklich ganz anders ist. Es ist eben der Papst; und ich bin froh, dass wir im Bischofskollegium wieder ein Gesicht haben." Das klang freundlich und nett und zuversichtlich. Was fehlte, war die Herzlichkeit über die Wahl eines Jesuiten auf dem Stuhle Petri.

Sie blieb bis zuletzt aus. Kardinal Meisner gehörte gar zu den schärfsten Kritikern des aktuellen Papstes. Gemeinsam mit anderen Kardinälen schrieb er zwei Briefe mit der Bitte, der Heilige Vater möge doch bitte klären, wie es um die Zulassung zur Kommunion von wiederverheirateten Geschiedenen bestellt sei. 

Tränen nach der Wahl Ratzingers

Bei der ersten Papstwahl 2005 weinte Meisner hingegen, ergriffen von der Wahl des Deutschen Joseph Ratzingers ("Das ist für mich ein Wunder") und wohl noch erschüttert vom Tode seines Weggefährten und Freundes Johannes Paul II. Bis zuletzt hatte Meisner den Papst aus Polen begleitet, saß öfters am Sterbebett des von ihm so Verehrten. Sogar einen Blutstropfen von Johannes Paul II. brachte Meisner mit nach Köln. Dieser stammt von einem notwendig gewordenen Luftröhrenschnitt.

Kardinal Joachim Meisner mit 83 Jahren gestorben FOTO: dpa, obe fpt tba

Der heutige Erzbischof von Krakau, Stanislaw Dziwisz, schenkte Meisner den Blutstropfen. In einem Schaugefäß ließ Meisner das päpstliche Überbleibsel (so die wörtliche Übersetzung von Reliquie) verwahren, das später aus dem Dom gestohlen wurde.

Das Leben und Wirken des Kölner Erzbischofs hat viele Besonderheiten und etliche markante Weggabelungen. Eine der Konstanten aber war seine Verbundenheit mit seinem Duzfreund, mit Johannes Paul II. Ihre Freundschaft begann früh, schon in den 1970er Jahren.

Profil wahren, Flagge zeigen, unerschrocken sein

Meisner und der damalige Kardinal Wojtyla von Krakau verfügten über ganz ähnliche Kirchenerfahrungen: der Bischof im kommunistischen Polen sowie der 1933 im schlesischen Lissa geborene und im kommunistischen Deutschland lebende Weihbischof. Er habe Kirche, so hat es Meisner einmal gesagt, nie anders erlebt, "als dass ihr der Wind ins Gesicht geblasen hat".

Unvergessen bleibt der Satz von Joachim Kardinal Meisner, der auf dem Katholikentreffen in Dresden 1987 – also noch zu DDR-Zeiten – bekannte: "Wir wollen keinem anderen Stern folgen als dem von Bethlehem." Drei Jahre später wurden diese Worte zur Inschrift der neuen Glocke der Dresdner Herz-Jesu-Kirche. Eine solche geistige Wetterlage stärkte sein Rückgrat und ließ Ziele setzen wie diese: Profil wahren, Flagge zeigen, unerschrocken sein – alles  Eigenschaften, die zur Grundhaltung Meisners gehörten.

Feierstunde: Meisner im Kölner Dom verabschiedet FOTO: dpa, mg

Bei der Suche nach einem neuen Erzbischof von Köln 1989 gab es für Johannes Paul II. auch darum keinen Besseren und vor allem Verlässlicheren als den Ostberliner Bischof. Schon Meisners Berufung auf den Berliner Bischofsstuhl 1980 geschah gegen den Willen des Domkapitels. Noch heikler wurde es neun Jahre später in Köln.

Die Wahl des Nachfolgers von Kardinal Höffner geriet zu einem Machtkampf zwischen Rom und der rheinischen Erzdiözese, den am Ende – nach fünfzehnmonatigem Tauziehen – der Papst für sich entschied. Dafür musste sogar der Wahlmodus geändert werden: Statt absoluter Mehrheit war nun lediglich die einfache Mehrheit im 16-köpfigen Domkapitel erforderlich.

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt machte der neue Erzbischof klar, dass er nicht zu den Verzagten gehört, die immer bloß diplomatisch zu sein versuchen. So machte er die Rheinländer auf ihre Gemeinsamkeit aufmerksam: "Sie haben mich nicht gewollt, und ich habe Köln nicht gewollt." 

Die Kanzel war der Ort seines Wirkens

"Is hä dat?" fragten damals Tünnes und Schäl auf einem Karnevalswagen zur Bischofswahl. Er war es, und im Nachhinein sahen nicht wenige in der Einführung des Ost-Berliner Bischofs sogar eine Vorwegnahme der Wiedervereinigung.

Kardinal Wojtyla hatte damals noch anderes beeindruckt, nämlich Meisners Naturtalent zu predigen. Wer den Erzbischof einmal im Gottesdienst erlebte, spürte schnell, was damit gemeint ist. Wortgewaltig war Meisner, manchmal schneidend scharf, und selbst der mächtige gotische Dom schien ihm dann nicht zu groß zu sein. Die Kanzel war der Ort seines Wirkens, weniger der Schreibtisch. Ein wenig beachtetes, ihm aber wichtiges Amt, war deshalb auch der Vorsitz bei der Liturgischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Von diesen Menschen nahmen wir 2017 Abschied FOTO: rtr, AS/DEG

Und oft kritisierte er Versuche, die Heilige Messe modern zu machen. Alles "muss nur noch Action haben, von vorne bis hinten", wetterte er dann. Eucharistie als Schauspiel und die Zelebration als Rollenspiel – das ging ihn am innersten Sinn der Messe vorbei.

Zu seinen großen Erfolgen zählt daher nicht nur der XX. Weltjugendtag mit über 400.000 Pilgern und knapp 10.000 Priestern, den er 2005 nach Köln holte mit dem neuen deutschen Papst als Gast, sondern auch der Eucharistische Kongress acht Jahre später. Auch das ein wichtiges, wenngleich ernsteres und stilleres Glaubensfest im "hillijen Köln".

"Wo leben die denn?"

Meisner wollte immer Priester sein; er hat sein Amt gelebt und geliebt. Und er ist dabei nie farblos gewesen. Wobei ihn auch seine Erfahrungen im gottverlassenen Osten und seine Auseinandersetzung mit den Kommunisten misstrauisch werden und dann auch kompromisslos sein ließen. Am Ausstieg der katholischen Kirche in Deutschland aus der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung war er maßgeblich beteiligt. Gegen den Willen der meisten seiner Mitbrüder und auch hinter ihrem Rücken agierend.

Er hat die Anwendung der Abtreibungspille RU 486 mit der chemischen Vernichtung von Leben während der Nazi-Zeit bewusst verglichen. Er pflegte ein spannungsreiches Verhältnis zur katholischen Laienbewegung und blieb in aller Regel auch den Katholikentagen lieber fern. Auf einer Veranstaltung der konservativen neokatechumenalen Bewegung lobte er den Kinderreichtum der Mitglieder mit den Worten: "Eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien."

Er hat den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst noch in Schutz genommen, als jede Rückendeckung schon nicht mehr gerechtfertigt schien ("Es steht mir nicht zu, ihn einfach im Regen stehen zu lassen; so schlecht kann er nicht sein.") Und als die katholische Kirche darüber zu diskutieren begann, ob auch Frauen als Priester oder Diakoninnen geweiht werden könnte, meinte er nur: "Wo leben die denn?" Noch eine Kleinigkeit am Rande: Das moderne Kirchenfenster von Gerhard Richter blieb ihm zeitlebens verhasst. "Es ist da, ich nehme es zur Kenntnis", sagte er.  

Kardinal Woelki neuer Erzbischof von Köln FOTO: dpa, pdz kde

An Kardinal Meisner schieden sich die Geister. Aber auch das bleibt sein Vermächtnis: Dass auf sein Betreiben hin im Erzbistum jene Regeln zum Umgang mit Opfern und Tätern beim sexuellem Kindesmissbrauch durch Priester früh erarbeitet und aufgestellt wurden, die dann wegweisend auch für viele andere deutsche Bistümer wurden. 

Meisner blieb auch nach seiner Entpflichtung in Köln wohnen, in der Wohnung des heutigen Berliner Erzbischofs Heiner Koch. "Ich bleibe in Köln, sie werden mich nicht los", sagte er damals. Doch eigentlich folgte er damit einem Ratschlag seiner Großmutter: Wo mein Fleisch geblieben ist, sollen auch meine Knochen bleiben, habe sie stets gesagt. Schon im Ruhestand bekannte er auch: "Käme ich noch einmal zur Welt, würde ich sofort wieder Priester werden – dann aber ohne Mitra." Und der Tod? "Das ist eine Realität, die mich gar nicht schreckt."

 
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