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Terrormiliz
Der IS liefert Öl an alle

In diesen Ländern gibt es gefährliche IS-Ableger
In diesen Ländern gibt es gefährliche IS-Ableger
Istanbul. Die Kriegsmaschine der Terrormiliz Islamischer Staat läuft wie geschmiert. Grund sind die hohen Einnahmen aus dem Verkauf von Treibstoff. Den Islamisten den Hahn abzudrehen, ist allerdings nicht einfach. Von Thomas Seibert

Im Streit zwischen der Türkei und Russland nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die türkische Luftwaffe werfen sich beide Seiten gegenseitig vor, den illegalen Ölhandel des Islamischen Staates (IS) in Syrien zu unterstützen. Tatsächlich bildet der Verkauf von Öl und Diesel eine der Haupteinnahmequellen für die Kriegsmaschinerie der islamistischen Terror-Miliz. Deshalb wird vielfach gefordert, der Westen solle gezielt die Öl-Infrastruktur der selbst ernannten Gotteskrieger zerstören. Doch wie so vieles im Syrien-Konflikt ist die Angelegenheit erheblich komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Experten und westliche Geheimdienste sind sich einig: Der Verkauf von Öl und Diesel bildet die wichtigste Einnahmequelle des IS. Alle bedeutenden Ölquellen in Syrien und einige Felder im Irak fördern unter der Kontrolle der Dschihadisten. Insgesamt verfüge der IS damit über Vorräte von mehr als 1,1 Milliarden Barrel (je 159 Liter), so die Schätzung der Bundesregierung in der Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag vom März dieses Jahres.

Schätzungen über die Größenordnung der Einnahmen für den IS aus dem Ölgeschäft schwanken beträchtlich. Während die Bundesregierung im Frühjahr von Tageseinnahmen von rund 200.000 Dollar für die Miliz ausging, taxiert die US-Regierung den Profit auf etwa eine Million Dollar pro Tag. Laut Medienberichten können die Dschihadisten ihre Kriegskasse jeden Monat sogar mit 50 Millionen Dollar aus dem Ölhandel füllen.

Teilweise betreibt der IS die Ölfelder und Raffinerien in seinem Machtbereich mithilfe des Fachpersonals aus der Zeit vor der Übernahme durch die Islamisten. Mancherorts werden die Gewinne zwischen dem IS und der jeweiligen Firma geteilt. Tanklastwagen holen das Öl direkt an den Ölfeldern ab und bringen es zu den Raffinerien, wo es weiterverarbeitet wird. Von dort aus gelangt es schließlich zu den eigentlichen Abnehmern.

Der IS verdient sein Geld hauptsächlich mit dem Großhandel mit Rohöl und Diesel; als Transporteur oder direkter Exporteur tritt die Islamisten-Gruppe dagegen kaum in Erscheinung. Diese Rolle übernehmen Händler, die das Öl und den Diesel mit Lastwagen durch das Gebiet des IS-"Kalifats" im Nordosten Syriens zu den Märkten bringen lassen. Ein beträchtlicher Teil des Treibstoffs wird innerhalb von Syrien verkauft: im IS-Gebiet selbst, in Landesteilen, die von der Regierung kontrolliert werden, aber auch in Regionen, in denen die gegen den IS eingestellten Rebellen das Sagen haben.

Der IS-Diesel wird nicht nur für Fahrzeuge benutzt, sondern auch für Generatoren, die wegen der gigantischen Zerstörungen im Land vielerorts für die Zivilbevölkerung die einzige Möglichkeit darstellen, sich mit Energie zu versorgen.

Den illegalen Export in die Türkei übernimmt ein seit Jahrzehnten erprobtes Netzwerk von Schmugglern. Teilweise wird der Diesel in 20-Liter-Kanistern auf den Rücken von Maultieren über die Grenze gebracht. An einigen Stellen wurden Pipelines von syrischem Gebiet über die Grenze in die Türkei gelegt, wo der Schmuggel-Diesel wesentlich billiger ist als der mit hohen Steuern belegte offizielle Treibstoff.

Der Schmuggel findet nicht nur in Grenzgebieten unter IS-Kontrolle statt, sondern auch in Sektoren, die von konkurrierenden Rebellengruppen beherrscht werden. Schärfere Kontrollen der türkischen Sicherheitskräfte sowie der gefallene Ölpreis auf dem Weltmarkt haben den Ölschmuggel in jüngster Zeit zurückgehen lassen. Nach türkischen Regierungsangaben wurden seit Jahresbeginn an der syrischen Grenze allerdings bereits rund 600 Tonnen an illegalem Treibstoff beschlagnahmt.

Militärisch wäre es für westliche Kampfflugzeuge kein Problem, die Ölförderanlagen des IS sowie Raffinerien, Lastwagen und Handelswege zu bombardieren. Erste Angriffe sind bereits erfolgt (siehe Info-Box). Dennoch zögern die Militärplaner. So hätten großflächige Zerstörungen direkte Auswirkungen auf syrische Zivilisten im Norden des Landes, für die der Diesel aus dem Gebiet des Islamischen Staats lebenswichtig geworden ist. Kappt der Westen diesen Nachschub, könnte er die Not unschuldiger Menschen verschlimmern, anti-westliche Ressentiments verstärken und eine neue Fluchtwelle in die Türkei auslösen.

Auch über internationale Verbindungen des IS-Ölhandels wird spekuliert. Die russische Regierung beschuldigt den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen Familie, am Export von IS-Öl mitzuverdienen. Russische Medien veröffentlichten Fotos von Erdogans Sohn Bilal bei einem angeblichen Treffen mit führenden IS-Mitgliedern. Erdogan weist die Vorwürfe zurück. Im Gegenzug hält er Russland vor, selbst in den Ölhandel des IS verwickelt zu sein.

Im Zentrum von Erdogans Vorwürfen steht George Haswani, ein Geschäftsmann mit syrischem und russischem Doppel-Pass und engen Verbindungen nach Moskau. Haswani, ein Christ aus der Stadt Yabroud im syrisch-libanesischen Grenzgebiet, und seine Firma Hesco stehen seit März auf der Sanktionsliste der Europäischen Union, weil der Manager als Mittelsmann im Ölgeschäft zwischen dem IS und der syrischen Regierung tätig sein soll. Kürzlich setzte die Regierung der Vereinigten Staaten den Geschäftsmann mit einer ähnlichen Begründung ebenfalls auf eine Schwarze Liste.

Demnach fungiert Haswani als Vermittler, der Energielieferungen des IS an die syrische Regierung organisiert. Das libanesische Nachrichtenportal "Now" schrieb 2014, es ergebe sich das Bild "zynischer Machenschaften zwischen zwei Monstern mit einem christlichen Mittelsmann". Haswani weist die Anschuldigungen zurück.

Quelle: RP
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