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Analyse
Die Päpste und der Zölibat

Mexiko. Papst Franziskus ist offen für Veränderungen, was die Ehelosigkeit der Priester betrifft. Neuen Gesprächsstoff zum Thema produziert eine Dokumentation über die langjährige Freundschaft Johannes Pauls II. zu einer Frau. Von Julius Müller-Meiningen und Jochen Wittmann

Seit vier Tagen ist Papst Franziskus nun schon auf seiner Pastoralreise in Mexiko unterwegs. Gestern besuchte er die Region Chiapas, eine der ärmsten Gegenden des Landes, und feierte mit den indigenen Gemeinschaften in San Cristóbal de Las Casas. Das Treffen war aus kirchenpolitischer Perspektive brisant, denn Chiapas galt lange als Experimentierfeld für neue Formen des Priestertums und die Umgehung des Zölibats. Will Franziskus mit seinem Besuch ein neues Kapitel in dieser Frage aufschlagen?

Die Pflicht zur Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit für katholische Priester ist eine der ältesten, aber auch umstrittensten Regeln in der katholischen Kirche. Nur Priester dürfen die Sakramente erteilen. In vielen Teilen der Welt gibt es aber zu wenige von ihnen. Dabei ist der regelmäßige Empfang der Eucharistie nach katholischem Lehramt unerlässlich. Wirft Franziskus, der Seelsorger-Papst, nun eine Jahrhunderte alte Regel um?

Die Sache ist kompliziert und fängt in Chiapas an. 2014 erlaubte der Papst aus Argentinien erneut die Weihe ständiger Diakone, die der Vatikan seit dem Jahr 2000 verboten hatte. Rom fürchtete, dass die indigenen, verheirateten Diakone als Vorstufe eines verheirateten Klerus verstanden werden könnten. Zeitweise standen in der Diözese von San Cristóbal 400 ständige, verheiratete Diakone gerade einmal 70 Priestern gegenüber. Franziskus forderte die Bischöfe in der Vergangenheit zu "mutigen Lösungen" auf und ist offen für eine Diskussion. Das ist angesichts der jahrhundertealten Disziplin des Zölibats ein katholisches Politikum.

Zu den Spekulationen über den Zölibat trägt in diesen Tagen auch eine BBC-Dokumentation über die Beziehung zwischen Johannes Paul II. (1978 - 2005) und der polnisch-stämmigen US-Philosophin Anna-Teresa Tymieniecka bei. Karol Wojtyla, der spätere Papst, soll über mehr als drei Jahrzehnte hinweg ein enges Verhältnis zu dieser Frau gepflegt haben. Allerdings, beeilte sich der Sender zu versichern, gebe es keinerlei Hinweise, dass der katholische Würdenträger seine Verpflichtung des Zölibats gebrochen habe. Heute wird die Sendung auch im deutsch-franzöischen Fernsehkanal Arte ausgestrahlt. Als Johannes Paul II. noch Erzbischof von Krakau war, lernte er Anna-Teresa Tymieniecka 1973 kennen. Sie arbeiteten zusammen an einer Neuausgabe von Wojtylas Schrift "Person und Tat" und trafen sich mehrmals, in gegenwart seines Sekretärs, wie die BBC meldet, "manchmal allein". Eine ausführliche Korrespondenz begann, das Verhältnis dauerte bis zum Tod Johannes Pauls II. im Jahre 2005. Mehrmals besuchte ihn Anna-Teresa Tymieniecka im Vatikan, zuletzt einen Tag vor seinem Tod.

Nach dem Ableben des Papstes verkaufte sie seine Briefe an sie für eine siebenstellige Summe der polnischen Nationalbibliothek. Die BBC konnte auch eine Reihe von Fotos aus dem Nachlass von Anna-Teresa Tymieniecka aufspüren, die 2014 starb. In der Dokumentation sind Bilder zu sehen, die den Papst nicht in seinen formellen Roben zeigen, sondern in ganz normalen Situationen, zum Beispiel auf einem Camping-Trip 1978 mit blauen Shorts und T-Shirt, als er Anna-Teresa Tymieniecka im amerikanischen Neuengland besuchte. So ungezwungen und familiär hat man den späteren Pontifex selten gesehen.

Über die Aufweichung des Zölibats wird auch im Klerus diskutiert. Beim Ad-Limina-Besuch der deutschen Bischöfe im Vatikan vergangenen November fragten die Bischöfe Papst Franziskus, ob neue Formen des Priestertums in Gebieten, in denen selten die Messe gefeiert wird, künftig denkbar seien. "Da hat er nicht abgewunken", berichtete der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke. "Ich wünsche mir als Ergänzung zu den zölibatären Priestern verheiratete Seelsorger", fügte Jaschke hinzu. Noch vor wenigen Jahren wären Bischöfe für solche Äußerungen gemaßregelt worden. Das bedeutet nicht, dass Franziskus den Pflichtzölibat abschaffen wird. Vieles deutet auf regional unterschiedliche Lösungen hin, wie sie dem Programm der "heilsamen Dezentralisierung" des Papstes entsprechen. Noch als Erzbischof von Buenos Aires sagte Jorge Bergoglio über den Zölibat: "Wenn die Kirche eines Tages diese Norm revidieren sollte, dann würde sie es wegen eines kulturellen Problems an einem bestimmten Ort in Angriff nehmen, aber nicht für alle gültig und nicht als persönliche Option."

Als Papst ermuntert Franziskus nun Bischöfe zu mutigen Vorschlägen. Das berichtet etwa der Österreicher Erwin Kräutler, der bis vor Kurzem verantwortlicher Bischof in der Diözese Xingu im brasilianischen Amazonasgebiet war und im April 2014 in einer Privataudienz bei Franziskus war. 800 kleinere und größere Gemeinden sind am Amazonas über ein Gebiet verstreut, das so groß ist wie die Bundesrepublik. Wegen des Priestermangels können 70 Prozent der Gemeinden nur drei- bis viermal im Jahr an der Eucharistiefeier teilnehmen. "Ganz sicher wird der Papst nicht im Alleingang Entscheidungen fällen", sagt Kräutler. Demnach wartet Franziskus auf Vorstöße der Bischöfe und könnte diese je nach Lage vor Ort gutheißen. Von koordinierten Initiativen der deutschen Bischöfe, für die der Priestermangel eine der größten Herausforderungen darstellt, ist bislang nichts bekannt.

Quelle: RP
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