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Jubelsturm nach Griezmann-Tor
Frankreich hat jetzt seinen Odonkor-Moment

Joker Griezmann trifft kurz vor Schluss
Joker Griezmann trifft kurz vor Schluss FOTO: dpa, pro
Marseille/Düsseldorf. Nach der ersten Halbzeit zwischen Frankreich und Albanien gab es Pfiffe gegen die Equipe Tricolore, eine Stunde später schallte ein ohrenbetäubender Lärm durch das Stadion in Marseille. Das erlösende 1:0 durch Antoine Griezmann weckt Erinnerungen an eine Szene bei der WM 2006. Von Antje Rehse

Wie schon im ersten Gruppenspiel gegen Rumänien (2:1) tat sich die Equipe Tricolore auch gegen Albanien schwer. Die Leistung der ersten 45 Minuten war ernüchternd und führte bei einigen Fans im Stade Velodrome in Marseille zu lautstarken Unmutsäußerungen. In der zweiten Hälfte lieferten die Albaner dem EM-Gastgeber dann eine wahre Abwehrschlacht, die der Kölner Bundesliga-Profi Mergim Mavraj und seine Kollegen mit viel Herzblut schon für sich entschieden zu haben schienen. Bis zur 90. Minute, als der eingewechselte Griezmann eine Flanke per Kopf zum 1:0 verwertete und der EM damit seinen bislang lautesten Moment bescherte. Frankreichs neuer Liebling Dmitri Payet sorgte in der sechsten Minute der Nachspielzeit für den 2:0-Endstand.

Die hochgehandelten Franzosen haben bislang nicht überzeugt bei ihrer Heim-EM. Doch schon eine besondere Szene kann die Begeisterung entfachen und eine Eigendynamik ankurbeln. Das Sommermärchen begann vor zehn Jahren auch recht verhalten mit einem wackeligen 4:2-Sieg gegen Costa Rica und dem lange Zeit zähen Spiel gegen Polen. Erst mit der Einwechslung David Odonkors, seiner Flanke, dem Treffer des ebenfalls eingewechselten Oliver Neuville und dem Sieg über Polen fing die WM 2006 aus deutscher Sicht so richtig an.

Wird der emotionale Moment von Marseille für Frankreich ähnliches bewirken? "Wir nehmen aus diesem Spiel weiteres Selbstvertrauen für das nächste mit", erklärte Torwart und Kapitän Hugo Lloris mit einem Baguette in der Hand in der Mixed-Zone. "Es war ein schwieriges Spiel für uns, aber wir brauchten dieses erste Tor, um uns ein wenig freizuspielen. Ich habe versucht, genau das zu tun", sagte der bei Atletico Madrid spielende Griezmann, der nach seinem schwachen Auftritt im Eröffnungsspiel gegen Rumänien diesmal genau wie Superstar Paul Pogba zunächst mit einem Platz auf der Bank vorlieb nehmen musste.

Die Last-Minute-Siege kosten aber auch Nerven. "Es wird langsam eine Marotte, dass wir immer am Ende zuschlagen", sagte Trainer Didier Deschamps, "aber ich kann Ihnen sagen, mir wäre es lieber, wenn wir etwas früher zuschlagen könnten". Erschöpft wirkten selbst manche Zuschauer, als sie das Stade Velodrome gegen Mitternacht verließen. Wieder hatten sie lange gezittert, gebangt und gehofft und erst kurz vor Schluss in Jubel ausbrechen dürfen.

Deschamps, der 1998 als Spieler mit Frankreich Weltmeister im eigenen Land wurde, hatte seine Mannschaft in der Halbzeitpause kräftig wachrütteln müssen.  "Leute, das ist ein Vorrundenspiel, wenn wir das gewinnen, dann sind wir durch, und da müsst ihr euch noch ein wenig mehr reinhängen, ein wenig mehr zeigen und aggressiver und schneller spielen, das macht den Unterschied'", sagte Deschamps laut Bayerns Kingsley Coman. Der 20-Jährige stand diesmal in der Startformation und wurde nach einem agilen Auftritt gegen Griezmann ausgewechselt.

Nach zwei Siegen aus zwei Spielen ist den Franzosen das Achtelfinale sicher, erreichen wollen sie es aber als Gruppenerster mit drei Siegen aus drei Spielen. Dann wäre ein Gruppendritter der Gegner. Nächster Kontrahent ist am Sonntag in Lille die Schweiz, mit vier Punkten Gruppenzweiter vor Rumänien (1) und den punktlosen Albanern.

Das Sommermärchen der Deutschen wurde 2006 bekanntlich erst im Halbfinale von Italien gestoppt. Diesmal würde die Mannschaft von Joachim Löw gerne selbst die Rolle des Spielverderbers übernehmen. Und tatsächlich: Falls beide Mannschaften die Vorrunde als Gruppensieger abschließen, ist ein Halbfinale zwischen Frankreich und Deutschland möglich.

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