1. Bundesliga 16/17
| 08.55 Uhr

"Wollen frech Fußball spielen"
Weinzierl erfindet Schalke neu – wieder einmal

Weinzierl leitet erstes Training auf Schalke
Weinzierl leitet erstes Training auf Schalke FOTO: dpa, gki hpl
Gelsenkirchen. Der neue Trainer von Schalke 04 will "frechen Fußball", und er hat sich wahrscheinlich die richtige Mannschaft ausgesucht. Von Robert Peters

Vorsichtshalber werden auf Schalke mal wieder frühzeitig die Jubelchöre dirigiert. Wie in fast jedem Jahr dürfen die wegweisenden Methoden eines neuen Trainers gepriesen werden, der Abschied von der Misswirtschaft, ein endlich mal überzeugendes Konzept und die konsequent betriebene Durchmischung eines bestimmt bald überzeugend auftretenden Kaders. Das hat Tradition.

Tradition hat auch die Hoffnung, dass es passen möge im Zusammenspiel zwischen Trainer, Mannschaft, Manager. Und Tradition hat der leicht vergiftete Rückblick auf die stets so schrecklichen Zeiten der jüngeren Vergangenheit, in denen all das eben nicht gelang.

So bleibt sich Schalke in der Sommerpause 2016 treu. Auf dem Boulevard staunen die Blätter mit den großen Buchstaben, wie wahlweise der neue Manager Christian Heidel (53) "alles neu macht auf Schalke, da bleibt kein Stein auf dem anderen" ("Bild") oder der neue Trainer Markus Weinzierl (41) "alles auf links zieht" ("Sportbild"). Nur der große Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies hat sich noch nicht kraftvoll zu Wort gemeldet. Das immerhin ist anders als sonst.

Fast alles falsch gemacht

Tatsächlich muss in den vergangenen Jahren wohl fast alles falsch gemacht worden sein in Gelsenkirchen. Deshalb haben Weinzierl und Heidel die Trainingsbedingungen modernen Zeiten angepasst. Weinzierls Assistenten zeichnen die Spielerdaten auf, das Training wird gefilmt, Zweikämpfe, Laufverhalten, Gruppentaktik werden anschließend anhand der Videoaufnahmen analysiert. Für eine Million Euro wird ein neues Funktionsgebäude für die Profis errichtet, die Räume für Trainer, Physiotherapeuten und Besprechungen werden umgebaut. "Das waren Garagen", sagte Heidel der "Bild", "mit Bedingungen für Profimannschaften hatte das nichts zu tun." Noch hat er keine Buddha-Figuren für das Spielerzentrum bestellt, mit denen einst der große Reformator Jürgen Klinsmann bei den Bayern-Profis mächtig die Neuzeit einläutete.

Die Neuerungen erstrecken sich nicht allein auf (Gebäude-)Technik. Es wird, so versichern die langjährigen Beobachter, auch anders trainiert. Und es soll anders gespielt werden. Heidel hat bereits festgestellt, dass Weinzierl viel vom direkten Eingreifen in einzelne Übungen hält. Der Trainer korrigiert, verschiebt seine Spieler höchstselbst an den richtigen Platz für das gemeinsame Attackieren des Gegners, er zeigt ihnen, wo es im Zweikampf hingehen soll. Er erinnert Heidel an die beiden Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Die hat er bei Mainz 05 schließlich erlebt.

Weinzierl soll Schalkes Fußball erfrischen - was im Übrigen auch von seinem am Ende schmählich gescheiterten Vorgänger André Breitenreiter erwartet worden war. Der neue Coach hat eine klare Vorstellung. "Wir wollen frech Fußball spielen", erklärte er zum Amtsantritt. Die richtigen Spieler scheint er dafür im Aufgebot zu haben. Denn Schalke ist auf jeden Fall jung. Und Schalke ist flüssig. Der Transfer von Julian Draxler zu Wolfsburg brachte schon 36 Millionen Euro, nun könnte Leroy Sané mit einem Wechsel zu Manchester City seinem Klub noch mal stolze 50 Millionen Euro in die Kassen spülen. Damit lässt sich wirtschaften - trotz der 185 Millionen Verbindlichkeiten, die der Konzern Schalke noch vor sich herschiebt. Es waren mal 250 Millionen Euro. Das zeigt, dass Schalke wirtschaftlich auf dem richtigen Weg ist. Das wird zu Recht jedes Jahr aufs Neue bejubelt.

Schalke ist nicht nur jung. Heidel hat bewusst den Wolfsburger Routinier Naldo verpflichtet. Der bald 34-jährige Brasilianer wird mit Weltemeister Benedikt Höwedes (28) ein Abwehrzentrum bilden, das der Abteilung Jugend Halt geben wird. Naldo war Heidels erster Transfer als Schalker Manager. Das hat ihm sogar bei seinem alten Kumpel Klopp großen Respekt eingetragen. Der Trainer des FC Liverpool glaubt, dass in der Verpflichtung von Naldo der Schlüssel zu einer guten Saison liegen kann. Er jubelt also auch ausdrücklich mit. Mit der notwendigen Einschränkung des einstigen Dortmunders allerdings. "Ich fürchte, Schalke könnte echt erfolgreich sein", sagte er der "Welt". Die Schalker hoffen es. Sonst müssen sie nächstes Jahr wieder mal die unmittelbar bevorstehenden guten Zeiten feiern.

Quelle: RP
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