| 12.10 Uhr

Von Insigne bis Hector
656 Sekunden Elfmeterkrimi gegen Italien

Pressestimmen: "Es war einmal ein Angstgegner"
Pressestimmen: "Es war einmal ein Angstgegner" FOTO: dpa, sam
Düsseldorf/Bordeaux. Je nachdem, welcher Generation man angehört, ist so ein Elfmeterschießen der deutschen Nationalmannschaft alle sieben bis zehn Jahre durchzustehen. Jedesmal gibt es eine kostenlose Vorsorgeuntersuchung sämtlicher Organe, insbesondere des Herzens. Von Jannik Sorgatz

Bis auf die Premiere im EM-Finale 1976 ging es immer gut. Seit Uli Stielike im WM-Halbfinale 1982 hatte das DFB-Team sogar 21-mal in Folge getroffen – bis Thomas Müller vergab. So duellierten sich Deutschland und Italien in 18 Versuchen über 10 Minuten und 56 Sekunden.

Der Krimi zum Nachlesen:

0:1 Lorenzo Insigne: Der kleine Mann aus Neapel geht voran, schaut Neuer kurz in die Augen und nimmt von der Strafraumgrenze Anlauf. Insigne schießt nach rechts, Neuer fliegt in die andere Ecke. Noch ahnt niemand, dass kaum souveränere Elfmeter folgen werden.

1:1 Toni Kroos: 2012 hat er im Champions-League-Finale gekniffen, diesmal übernimmt Kroos Verantwortung. Langsam geht er zum Punkt, hustet einmal in die rechte Faust, spuckt auf den Rasen. Das Übliche. Blick zum Schiedsrichter, kurzer Hüpfer zu Beginn, entschlossener Anlauf – sicher in die linke Ecke gesetzt, obwohl Buffon fast dran ist.

Simone Zaza schießt drüber: Sekunden vor dem Abpfiff ist er erst eingewechselt worden. Zum ersten Mal berührt Zaza den Ball, als er ihn zum Elfmerterpunkt trägt. Zweimaliger Blick zum Schiedsrichter, zweimaliges Nicken. Dieser Anlauf wird in die EM-Geschichte eingehen. Wie ein Dressurpferd nähert sich Zaza dem Ball, mit 17 Trippelschritten – und setzt ihn weit über das Tor. 

Thomas Müller scheitert an Buffon: An mangelnder Übung kann es nicht liegen. Zum 13. Mal in dieser langen Saison tritt er an, viermal hat Müller verschossen, zuletzt am 3. Mai im Halbfinale der Champions League gegen Atletico Madrid. Diesmal wählt er die rechte Ecke, schaut wie immer nicht auf den Ball, Buffon ist rechtzeitig unten.

1:2 Andrea Barzagli: Der alte Mann aus der Abwehr. Was soll man da groß sagen? Entschlossener Anlauf, wuchtig in die Mitte. Der Nächste, bitte.

Mesut Özil trifft den Pfosten: 2012 im EM-Halbfinale und dieses Frühjahr im Testspiel in München hat er Buffon bezwungen. Im weitesten Sinne gelingt ihm das auch diesmal, streng genommen setzt Özil den Ball aber an den rechten Pfosten, während der Torwart in die andere Ecke fliegt.

Graziano Pellè schießt links vorbei: "Hey, du!", scheint der Stürmer zu rufen. "Hey du, Neuer! In die Mitte, gelupft!" Dazu benutzt er das internationale Zeichen für Lupfer in die Mitte, das dem für eine Schwalbe ähnelt. Veräppelt! Pellè verfehlt den Pfosten um 30 Zentimeter. Neuer war aber auch in der richtigen Ecke, hätte den schwachen Schuss ohnehin pariert.

2:2 Julian Draxler: Der "Man of the Match" aus dem Achtelfinale ist diesmal nur von der Bank gekommen. Ist Draxler, dem nachgesagt wird, in wichtigen Momenten oft unsichtbar zu werden, dem Druck gewachsen? Ja, ist er. Sein Flachschuss in die rechte Ecke zählt am Ende zu den besten der 18 Elfmeter.

Neuer hält gegen Leonardo Bonucci: Die beiden kennen sich aus der 78. Minute. Bonucci wechselt die Ecke und schießt nach links. Neuer wechselt ebenfalls, was sich gut trifft, da er schon im Spiel die richtige Ecke hatte. Mit dem Unterarm wehrt er den Ball ab. Weltklasse!

Bastian Schweinsteiger schießt drüber: Matchball Deutschland! Schweinsteiger ist ganz schön alt geworden, seit seinen Elfmetern in der Champions League 2012: getroffen im Halbfinale gegen Real Madrid, an den Pfosten im Finale gegen Chelsea. Seitdem hat er die Champions League gewonnen, ist Weltmeister geworden. Und jetzt? Drüber! Schweinsteiger schüttelt den Kopf. Deutschland schüttelt sich vor den TV-Geräten mit.

2:3 Emanuele Giaccherini: Damit beginnt das Elfmeterschießen von vorne. Einstand, würde es beim Tennis heißen. Giaccherini offenbart sich als Typ "mittig, wuchtig". Auf der Tribüne haben die ersten Zuschauer Tränen in den Augen. Bordeaux ist auf 180.

3:3 Mats Hummels: Im DFB-Pokalfinale war er nicht mehr dabei, als die Entscheidung fiel. Jetzt tritt er als Spieler des FC Bayern für die deutsche Nationalmannschaft an. Hummels schießt halbhoch nach rechts. Wenn Buffon die Hand etwas höher bekommt, hat er den. Hummels wird das nochmal klar, als er die Wiederholung auf der Videowand sieht. Puh.

3:4 Marco Parolo: Neuer hüpft auf der Linie auf und ab. Parolo verzieht nicht allzu viele Mienen. An der Mitte finden die Italiener Gefallen. Zum ersten Mal verwandeln drei Schützen in Folge.

4:4 Joshua Kimmich: Der Jüngste tritt an. Im Pokalfinale war Kimmichs Elfmeter ein einziger Krampf. Doch der 21-Jährige lernt dazu: Diesmal schießt er nach links unten, wie Andreas Brehme im WM-Finale 1990. Buffon wusste alles, nur halten konnte er ihn nicht.

4:5 Mattia De Sciglio: Eine Locke hängt ihm ins Gesicht. Überhaupt sieht Italiens Youngster aus wie ein Schuljunge, den der Mathelehrer an die Tafel ruft. De Sciglio hat nicht nur die binomischen Formeln drauf, auch Elfmeterschießen kann er. Sein Schuss klatscht an die Unterlatte und geht rein.

5:5 Jerome Boateng: Der Abwehrspieler ist schon eine ganze Weile dabei, trotzdem lernt man ihn bei dieser EM irgendwie neu kennen. Boateng kann spektakulär auf der Linie retten, Mitspieler wachrütteln, Tore schießen. Nur bei der Hymne um die Ecke gucken, das kann er nicht, wie er vor dem Italien-Spiel verriet. Dafür zählen Elfmeter nun auch zum Portfolio des 27-Jährigen. Stark in die linke Ecke!

Matteo Darmian scheitert an Neuer: Es gibt so viele Arten, einen Elfmeter zu schießen. Darmian entscheidet sich bei der Präparation dafür, den Ball wie ein Paketbote zum Punkt zu tragen. Neuer nimmt das Paket für den Nachbarn an – und taucht ab in die richtige Ecke. Nach Özil, Pellè und Schweinsteiger ist Darmian der vierte Premier-League-Spieler, der vergibt. Scheint ansteckend zu sein.

6:5 Jonas Hector: Wieder Matchball. Kurz hat es den Anschein, als fordere Neuer jetzt selbst den Ball. Nur der Keeper, Benedikt Höwedes und eben Hector haben noch nicht geschossen. Es kommt tatsächlich der Mann vom 1. FC Köln, der später zugibt, im Profibereich noch nie zum Elfmeter angetreten zu sein. In dem Moment würde man das als Zuschauer auch eher ungern als Einblendung im TV lesen. Den Elfmeter schießt Hector so spannend wie möglich: Der Ball flutscht Buffon unglücklich unter der Achselhöhle durch.

Egal, Deutschland ist weiter. Auf einem Banner in der Kurve hängt das "Wort zum Sonntag": "Am 8. Tag schuf Gott den 1. FC Köln." So ein Elfmeterschießen bedeutet eben immer Ausnahmezustand.

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EM 2016: Jonas Hector beendet Elfer-Drama gegen Italien mit 18. Schuss


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