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Kommentar zu Pyrotechnik beim Skispringen
Bemerkenswerte Doppelmoral
Vierschanzentournee 12/13: Das 3. Springen
Vierschanzentournee 12/13: Das 3. Springen FOTO: dpa, Daniel Karmann
Düsseldorf. Schanze oder Stadion – offenbar ist Pyrotechnik nicht immer gleich gefährlich. Bei der Vierschanzentournee legen die Berichterstatter eine merkwürdige Doppelmoral an den Tag. Sie erwecken den Eindruck, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Von Jannik Sorgatz

"Bengalische Feuer unten", sagte ARD-Reporter Tom Bartels und holte begeistert Luft, "da wird schon Schlierenzauers Sieg gefeiert." Zur Erinnerung: Gregor Schlierenzauer ist kein Torjäger in der Fußball-Bundesliga, der Österreicher wird aller Voraussicht nach am Sonntag zum zweiten Mal als Skispringer die Vierschanzentournee gewinnen.

Und als er dann geschafft war, der Heimerfolg beim dritten Springen in Innsbruck, stand Schlierenzauer auf dem Bergisel, die rot-weiße, fahnenschwenkende Masse vor Augen. Ein halbes Dutzend Bengalos freute sich mit ihm. Ein Ausdruck der Emotionen – sagen Verfechter der Pyrotechnik. Schwachsinn, großer Unfug – sagen die Gegner. Gar nichts davon – sagte Reporter Bartels.

Keine Worte der Empörung

Es war der Punkt, an dem sich wieder einmal eine bemerkenswerte Doppelmoral der Öffentlich-Rechtlichen offenbarte. Da steht ein Skisprung-Fan mit Sturmhaube unter Zehntausenden und hält eine brennende Fackel in die Luft und die Worte der Empörung, so oft gehört bei vergleichbaren Vorfällen im Fußball, verstummen einfach.

Bartels neigt in seiner Art bisweilen zur Übertreibung. Wer nicht hinsieht und ihm nur zuhört, könnte anhand seiner sich überschlagenden Stimme schnell vermuten, dass ein Allerweltssprung in Wirklichkeit Schanzenrekord war. Ähnlich hörte es sich im Mai 2012 an, als der ARD-Mann das Relegationsrückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC kommentierte. Seine Reportage der – zweifellos zu verurteilenden Zwischenfälle – klang nach dem Untergang des deutschen Fußballs. "Ist das ein Drama!", rief Bartels, um bald darauf anzufügen: "Tut mir leid, aber das regt einen auch am Mikrofon auf."

Derselbe Kommentator setzte nun in Innsbruck also das Zünden von Pyrotechnik mit Freude gleich. Es erinnerte an vergessen geglaubte Tage in den 90er-Jahren, als Reporter in einem vernebelten, optisch in Flammen stehenden Stadion unreflektiert von "südländischer Atmosphäre" schwärmten.

Vager Versuch, das Thema aufzugreifen

Nach dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen wagten sich wenigstens die Social-Media-Beauftragten der Sportschau an das Thema. "Wie kommt es, dass Bengalos im Wintersport so bejubelt werden und beim Fußball gleichzeitig so verpönt sind?", wurde eine Zuschauerfrage an die 400.000 Follower weitergeleitet. Die diskutierten fleißig. Was die Sportschau-Redaktion selbst davon hält, wird nicht thematisiert.

Man muss wohl lange suchen nach Kritikern, die nun ernsthaft eine Sicherheitsdebatte beim Skispringen fordern. Es ist dumm, gefährlich und vor allen Dingen verboten, inmitten einer Zuschauermenge Bengalos zu zünden. Das gilt für die Schanze am Bergisel genauso wie für das Stadion auf dem Betzenberg. Das gilt für das Skispringen, das sich in der Zuschauergunst gerade wieder berappelt, genauso wie für den Fußball, wo die Quotenrekorde von alleine kommen.

Alle, die darüber berichten, täten gut dran, nicht den Eindruck zu erwecken, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird – nur um die schön verpackten Bilder nicht zu trüben. Zwischen übertriebener Empörung und unreflektierter Feierei macht's einmal mehr der Mittelweg.

Quelle: can/csr
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