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Die Tournee-Halbzeitbilanz
Österreicher haben das Skispringen verlernt

Vierschanzentournee 2017/18: Österreicher haben das Skispringen verlernt
Stefan Kraft erlebte im Neujahrsspringen ein Debakel. FOTO: dpa
Garmisch-Partenkirchen. Die Vierschanzentournee ist bereits wieder zur Hälfte Geschichte. Für Richard Freitag lief es bislang gut, für den Polen Kamil Stoch noch besser. Die einst so starken Österreicher erleben dagegen ein Debakel. Eine Halbzeitbilanz.
  • Früher Schwund: Irgendwie hat die Tournee traditionell ein Problem mit Deutschen. Und die Deutschen ein Problem mit der Tournee. Alljährlich sind die Hoffnungen groß, alljährlich platzen große Hoffnungen früh. Eigentlich erfüllte nur Richard Freitag die Erwartungen - zwar kein Sieg, angesichts des Riesendrucks bedeuten zwei zweite Plätze aber die Note eins mit Sternchen für den Sachsen. Dahinter lief es für Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler, den Rest also der vermeintlichen deutschen Dreierspitze, unrund. Karl Geiger, Vierter in der Oberstdorf-Qualifikation und dann im Wettkampf weit abgeschlagen, war mit seinen Sprüngen "eigentlich ganz zufrieden". Es ist vielleicht auch eine Mentalitätssache.
  • Infelix Austria: Zwischen 2009 und 2015 holten sechs Österreicher sieben Tourneesiege. In Garmisch scheiterte Doppel-Weltmeister Stefan Kraft, derzeit einziger Springer in der österreichischen Auswahl von Weltklasse-Format, im ersten Durchgang - der Gesamtsieg wird damit nicht ins erfolgsverwöhnte Alpenland gehen, selbst ein Top-10-Platz scheint kaum machbar. Die Krise des Teams Austria, die sich auch an den ersten Tourneetagen dramatisch zuspitzte, bringt Trainer Heinz Kuttin in die Bredouille - der Boulevard zwischen Wien und Innsbruck hat sich bereits auf den Ex-Weltmeister eingeschossen
  • Favoriten a.D.: Daniel Andre Tande, Peter Prevc und Kraft - drei Topstars mit einer mehr oder minder hundsmiserablen ersten Tourneehälfte. Kraft und Prevc verpassten jeweils einmal den zweiten Durchgang - mit einem Sprung weniger gewinnt man den Goldadler schlichtweg nicht.
  • König Kamil: Wie man's besser macht zeigte eindrucksvoll Kamil Stoch. Nahezu ohne Schwäche - der Titelverteidiger ist der haushohe Favorit auf den erneuten Gesamtsieg. Ein Viererpack wie dereinst Sven Hannawald? Durchaus drin.
  • Schnäuzer wieder in Mode: Der optische Mehrwert eines Schnurrbartes ist durchaus diskutabel, von sportlichen Großtaten hält er nicht ab. Richard Freitag springt so gut wie nie, seit er unterhalb der Nase bewaldet ist, der noch schönere "Schnörres" eines Robert Johansson hinderte den Norweger nicht daran, in Oberstdorf auf Platz elf zu fliegen. Die Renaissance des Schnäuzers erinnert an gute, alte Zeiten: Derart ausgestattet wurden dereinst Jens Weißflog und Adam Malysz zu Tournee-Ikonen.
  • Wetter, Wetter, Wetter: Es fehlte ein Sandsturm, und die Tournee hätte an den ersten Tagen schon alles aufgefahren, was der Wetter-Gott im Repertoire hat. Von wundervollst-sonnigem Wintergefühl über heftiges Schneetreiben bis hin zu sintflutartigem Regen - alles da. Oft genug wird heute über die mitunter für Zuschauer undurchsichtigen Wind-Bonifikationen geschimpft, Fakt ist: Noch vor 15 Jahren wäre unter diesen Bedingungen kein einziger regulärer Durchgang über die Bühne gegangen. "Die besten Springer waren vorne", sagte Jury-Chef Walter Hofer. Allein das zählt.
  • Zuschauer-Resonanz: Auch wenn die Guinness-Gladiatoren der Darts-WM als mächtige Konkurrenz herbeikonstruiert werden - die Tournee ist das Sportereignis Nummer eins zwischen den Jahren. Mehr als 10.000 Zuschauer an den Schanzen schon jeweils in der Qualifikation, für das Springen war die Oberstdorfer Arena mit 25.500 Zuschauern seit Wochen ausverkauft, auch Garmisch vermeldete mit 21.000 Besuchern volles Haus. Den Auftakt in Oberstdorf verfolgten bei ARD und Eurosport insgesamt rund sieben Millionen: Das ist zwar nur die Hälfte des einstigen Hannawald-Spitzenwertes, aber immer noch mächtig.
  • Verblasster Glanz: Man sollte ja alles positiv sehen, und wenn man Noriaki Kasai ist, sieht man ohnehin alles positiv. Also: Der Nori hatte zum ersten Mal seit 23 Jahren an Neujahr frei. Die Qualifikation in Garmisch, das wiederum ist nicht positiv zu sehen, hatte der 45-Jährige gnadenlos verpatzt, nachdem er schon im ersten Durchgang von Oberstdorf abgestürzt war. Der Anfang vom Ende für den ewigen Japaner, der - pardon - ganz alt aussah? Apropos Ende: Auch Simon Ammann, Schweizer, 36 Jahre alt, blieb in der Garmisch-Quali hängen. Die Sieger aus drei Jahrzehnten, nämlich 1993, 2001 (beides Kasai) und 2011, fehlten damit an Neujahr.
  • Finnland in Not: Andreas Mitter schmiss wutentbrannt sein Fähnchen zu Boden, Richard Schallert schüttelte mitunter minutenlang den Kopf. Sie beide sind Österreicher, der eine trainiert die Finnen, der andere die Tschechen, beide verwalten somit quasi die Konkursmasse zweier großer Skisprung-Nationen. Selbst das Prädikat "Zweitklassig" wäre für beide Teams geschönt. Symptomatisch: Finnlands Tournee-Rekordsieger Janne Ahonen trainiert lieber in Lahti für Olympia. Doch auch der 40-Jährige ist ein eher hoffnungsloser Fall.
(areh/sid)
 
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