| 17.08 Uhr

Prozess gegen BVB-Attentäter beginnt
"Wir dachten alle, dass wir jetzt sterben"

Anschlag auf BVB-Bus: Prozess gegen Sergej W. beginnt in Dortmund
Die zerstörten Scheiben des BVB-Mannschaftsbusses nach dem Anschlag auf die Mannschaft: Ein Spieler verletzte sich dabei schwer. (Archiv) FOTO: ap
Dortmund. Diesen Tag im April werden die BVB-Profis niemals vergessen: Der Bombenanschlag auf den Teambus beschäftigt den Verein noch heute. Und dass nur einen Tag später das abgesagte Spiel wiederholt wurde, führte zum Zerwürfnis mit Trainer Tuchel. Am Donnerstag startet nun der Prozess gegen Sergej W.

Noch heute fällt es Hans-Joachim Watzke schwer, über den 11. April 2017 zu reden. Der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund musste zuletzt die sportlichen Probleme der Hinrunde samt Trainerwechsel erklären. 

April 2017: Explosionen an BVB-Mannschaftsbus FOTO: rtr, gb

Doch während es auf dem Platz nach zwei Siegen in der Liga bergauf geht, rückt nun eben jener "Tag im April", der Bombenanschlag auf die BVB-Mannschaft vor dem Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco, wieder in den Fokus. Kommt das Thema darauf, wie jüngst bei einer Veranstaltung der Dortmunder Tageszeitung "Ruhr-Nachrichten", muss Watzke nach Worten suchen: "Das war schon eine Extremsituation."

Der Anschlag hinterließ bei allen Betroffenen Spuren. Lange Zeit wurden die BVB-Profis psychologisch betreut: "Wir haben intensiv beobachtet, ob sich bei dem einen oder anderen Spieler eine posttraumatische Störung entwickelt hat. Diese Gefahr ist nach fünf, sechs Monaten am größten. Das hatten wir alles auf dem Schirm", sagte Watzke. 

Prozess beginnt am Donnerstag

Explosionen am BVB-Mannschaftsbus

Am Donnerstag, drei Tage vor Heiligabend, beginnt nun vor dem Dortmunder Landgericht der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter Sergej W. (28). Der Angeklagte, der 2003 seine russische Heimat verließ und inzwischen einen deutschen Pass besitzt, soll die Tat bislang abgestritten haben. Er habe in Dortmund lediglich Urlaub gemacht, soll er den Ermittlern gesagt haben.

Die Anklage hat es hingegen in sich: Heimtückisch, aus Habgier und mit gemeingefährlichen Mitteln habe der Elektrotechniker gehandelt, um 28 Menschen zu ermorden und um selbst ein reicher Mann zu werden. 

Der BVB ist der einzige Fußballverein in Deutschland, dessen Aktien an der Börse gehandelt werden. Laut Anklage kaufte W. in der Woche vor dem Anschlag für über 26.000 Euro Optionsscheine und Kontrakte - und schloss mit diesen sozusagen eine Wette auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie ab. Wäre der Kurs tatsächlich in Folge des Attentats auf einen Euro abgerutscht, hätte der 28-Jährige über eine halbe Million Euro Gewinn gemacht. Davon geht zumindest die Staatsanwaltschaft aus.

W. soll drei Sprengsätze deponiert haben

Zehn Tage nach der Tat wurde W. festgenommen, nachdem die auffälligen Finanzgeschäfte durchleuchtet worden waren. Am Tattag soll der 28-Jährige ein Zimmer im Mannschaftshotel "L'Arrivee" bewohnt haben. Außerdem fanden die Ermittler offenbar Hinweise darauf, dass er vor dem Anschlag zahlreiche Elektroartikel gekauft hatte, die für den Bau einer Bombe verwendet werden können. 

Die Ermittler sind davon überzeugt, dass der 28-Jährige zwischen dem 9. und 11. April 2017 drei selbst gebaute Sprengsätze in einer Hecke am Mannschaftshotel deponiert hat. Als die Mannschaft gegen 19.16 Uhr für die Fahrt zum Stadion eingestiegen war und der Bus anfuhr, soll er die Bomben mithilfe von Fernzündern zur Explosion gebracht haben.

Bartra weint nach Comeback beim BVB FOTO: afp

Matthias Ginter wollte mit dem Sport aufhören

Metallsplitter flogen als todbringende Geschosse durch die Luft. Viele drangen in den Bus ein und verletzten dort BVB-Abwehrspieler Marc Bartra, der mit einem Bruch des Unterarms ins Krankenhaus gebracht werden musste. Ein Polizist, der den Bus auf einem Motorrad begleiten sollte, erlitt ein Knalltrauma. 

Besonders die Schmerzensschreie des spanischen Innenverteidigers blieben dessen Mitspielern lange in Erinnerung. Eindringlich schilderte Bartras mittlerweile nach England gewechselter Landsmann Mikel Merino im "Guardian" die Atmosphäre im Bus. "Wir dachten alle, dass wir jetzt sterben. Einige Spieler haben sich auf den Boden geworfen und den Busfahrer angeschrien, dass er uns wegbringen soll. Wir wussten ja nicht, ob es noch mehr Bomben geben würde. Oder ein Killerkommando in den Bus stürmt und uns erschießt."

Matthias Ginter, mittlerweile im Trikot der Mönchengladbacher Borussia, schilderte jüngst im Gespräch mit unserer Redaktion, er habe nach dem Anschlag ganz ans Aufhören gedacht. "Das dauerte so ein, zwei Wochen, dann habe ich mir einen Experten geholt, der mir geholfen hat", erzählte der 23-Jährige. "Im Großen und Ganzen geht es mir heute gut. Ich kann schon behaupten, dass ich das einigermaßen gut verarbeitet habe und keine schlaflosen Nächte oder andere Nachwirkungen habe. Aber es ist unvermeidbar, dass es in manchen Situationen noch mal hochkommt."

Streit zwischen Trainer und Geschäftsführer

Das Champions-League-Spiel am Tag des Anschlags wurde abgesagt und verschoben. Dass die Mannschaft 24 Stunden später mit 2:3 gegen Monaco unterlag, verwunderte angesichts der emotionalen Ausnahmesituation niemanden. "Von dem Moment an, als ich vom Anschlag hörte, wusste ich, dass die Champions-League-Saison für uns zu Ende ist. Dass eine Mannschaft sich von einem Bombenanschlag erholt und noch eine Runde weiterkommt, ist ausgeschlossen", sagte Watzke.

Auch der Vereinsfrieden nahm Schaden. Anders als erwartet rückten der damalige Trainer Thomas Tuchel und Watzke nach der heimtückischen Tat nicht enger zusammen, sondern trugen ihre - ohnehin bereits vorhandenen - Meinungsverschiedenheit fortan öffentlich aus. Streitpunkt war die von Watzke und weiten Teilen der Mannschaft mitgetragene Entscheidung der UEFA, die Partie nur einen Tag später neu anzusetzen. Die medienwirksame Kritik des Fußball-Lehrers an dieser Neuansetzung trug zur Trennung der Borussia von Tuchel Ende Mai bei.

"Nachdem wir intern diese Entscheidung getroffen hatten, hätten wir uns einfach den Mund abputzen müssen und nach Hause gehen müssen. Das ist leider nicht so passiert", klagte Watzke noch vor wenigen Tagen, ohne Tuchels Namen zu nennen.

Nach Einschätzung des BVB-Chefs war der damalige, nur wenige Stunden nach dem Anschlag getroffene Entschluss folgerichtig: "Wir hatten an diesem Abend und am Tag danach noch alle das Gefühl, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Es ging dann einfach um die Frage, willst du als Gesellschaft ein Zeichen setzen unter der Berücksichtigung, dass du von den Spielern fast Unmenschliches verlangst, oder nicht. Das war die eigentliche Botschaft", sagte Watzke. Mit ernstem Blick fügte er an: "Dass es sich um einen Hochkriminellen oder vielleicht Gestörten handelt, konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen."

(dpa/heif)
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Anschlag auf BVB-Bus: Prozess gegen Sergej W. beginnt in Dortmund


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.