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Bayer Leverkusen
Roger Schmidt: "Wir wollen in die Nähe von Titeln"

Fotos: Das ist Roger Schmidt
Fotos: Das ist Roger Schmidt FOTO: afp, pbe/iw
Leverkusen. Bayer Leverkusen geht mit einer der jüngsten Mannschaften in die Bundesliga-Saison. Bernd Leno, Julian Brandt und Jonathan Tah traut ihr Trainer den Sprung in die Fußball-Nationalmannschaft zu. Von Martin Beils und Stefanie Sandmeier

Roger Schmidt freute sich über den Regen, der diese Woche auf die Übungsplätze bei Bayer Leverkusen prasselte. "Ist doch herrliches Trainingswetter", sagte der Trainer des Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen, der mit seinem Team zum Ligaauftakt am nächsten Samstag auf 1899 Hoffenheim trifft.

Bis mindestens Weihnachten warten nun viele englische Wochen auf Bayer 04. Schmerzt da der Ausfall von Abwehrchef Ömer Toprak besonders? (Er fällt mit Sehnenanriss im Oberschenkel mehrere Monate aus, Anmerk. d. Red.)

Schmidt Er war stets – nicht zuletzt auch aufgrund seiner Erfahrung – ein absoluter Stabilisator in der Mannschaft. Andere Spieler fehlten mit vergleichbaren Verletzungen vier Monate. Das wären dann bis zu  17, 18 Spiele inklusive der internationalen Duelle. Das ist für unsere Mannschaft schon ein schmerzhafter Verlust – zumal sich auch Tin Jedvaj verletzt hat.

Ist der Ausfall Topraks auch deshalb problematisch, weil er in der Hierarchie eine große Rolle spielt?

Schmidt  Wir setzen bewusst auf junge Spieler. Das ist unser Weg.  Wenn man international spielen und der Erwartungshaltung bei Bayer 04 gerecht werden will, braucht man eine gewisse Balance und Erfahrung im Team. Da spielt der Ausfall von Ömer schon eine Rolle, zumal wir mit den Abgängen von Simon Rolfes, Emir Spahic, Stefan Reinartz und Gonzalo Castro viel Erfahrung verloren haben. Andererseits traue ich unseren jungen Spielern auch zu, an ihren Aufgaben und diesen Herausforderungen zu wachsen.  

So tippt die Redaktion die Abschlusstabelle der Bundesliga FOTO: dpa, ah htf

Muss sich eine neue Hierarchie bei Bayer 04 herausbilden?

Schmidt Ich glaube schon, dass wir eine gewachsene Hierarchie haben. Aber wenn erfahrene Spieler gehen, bildet sich die neue Hierarchie nicht auf Knopfdruck. Das ist ein Entwicklungsprozess, der Zeit braucht. Wichtig ist, als Mannschaft zu funktionieren. Dazu gehört es, dass jeder Verantwortung übernehmen muss. Da gibt es Positionen, bei denen das ohnehin der Fall ist, etwa den zentralen Mittelfeldspielern.  

Gibt es einzelne Spieler, die durch den Umbruch jetzt noch mehr in der Verantwortung stehen?

Schmidt Jeder Spieler steht immer in der Verantwortung. Es geht bei uns nicht, dass bloß einzelne das Thema Verantwortung regeln und der Rest damit nichts zu tun hat. Ich kann nicht sagen, nur weil Julian Brandt ein junger Spieler ist, braucht er sich nicht einzubringen. Da ist jeder exakt gleich gefordert. Die Verantwortung wird durch elf geteilt, das ist das, was jeder leisten muss.  

Heißt das, das Wort Führungsspieler existiert für Sie nicht?

Schmidt  Da gibt es natürlich Spieler, die aufgrund Ihrer Erfahrung und Ihres Verhaltens innerhalb der Gruppe Führungsrollen einnehmen. Aber auf dem Platz, und wenn es ums Gewinnen geht, reicht es nicht, sich nur auf diese Spieler zu verlassen. Unsere schnelle Spielanlage lässt es einfach nicht zu,  dass  der oder die  Führungsspieler  Verantwortung übernehmen. Wir wollen mit einer jungen Mannschaft auch international mithalten. Das haben wir letzte Saison ganz gut geschafft, als wir Teils mit drei A-Jugendlichen gespielt und gewonnen haben. Wir müssen also fehlende Routine auch in diesem Jahr mit Tugenden ausgleichen, die uns auszeichnen sollen – etwa jugendliche Frische, Dynamik, Motivation und Spieldominanz.

Sie wollen Ihr System weiterentwickeln. Wie sieht Ihr Plan für das zweite Jahr in Leverkusen aus?

Schmidt Wir waren in der letzten Saison in vielen Dingen schon sehr gut. Wir haben versucht, anders zu spielen als zuvor, und trotzdem haben wir die hohen Erwartungshaltungen, die ja immer an Bayer gestellt werden, erfüllt. Im Pokal und in der Champions League sind wir sehr unglücklich ausgeschieden. Auch der vierte Platz war nicht selbstverständlich. Wenn es uns mit einer nochmals verjüngten Mannschaft gelingt, erneut auf diesem hohen Niveau zu spielen und mit der Erfahrung der letzten Saison, einige enge Spiele diesmal für uns zu entscheiden, haben wir viel erreicht.

Diese Profis fehlen zum Saisonauftakt FOTO: dpa, geb nic

 Heißt: Saisonziel ist Platz drei? Das wäre der Schritt weiter.

Schmidt Das Saisonziel ist in jedem Spiel alles zu geben, um zu gewinnen und dem Zuschauer zu vermitteln, dass wir alles geben, um als Sieger vom Platz zu gehen.  Niemand kann vorhersehen, wie die anderen Teams spielen und sich entwickeln. Auch solche Verletzungen wie die von Ömer können Einfluss nehmen. Wir sind nicht Bayern München und haben nicht die Möglichkeiten, um jeden Ausfall mit unserem Kader vollständig zu kompensieren. Wenn wir einen internationalen Wettbewerb erreichen, war das in jedem Fall eine gute Saison. Es gibt Teams, die deutlich bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen haben und die mit uns um die vorderen Plätze kämpfen. Wir sollten nicht als selbstverständlich hinnehmen Teams hinter uns zu lassen, die einen deutlich höheren Etat für den Kader zur Verfügung haben.

Aus der Historie heraus von Bayer Leverkusen ergibt sich da nicht das Ziel, Platz drei bzw. vier?

Schmidt Die Historie bringt uns in der nächsten Saison kein Tor und keinen Punkt. Wir haben die Saison 2015/16. Weil wir in den letzten fünf Jahren zusammengefasst Dritter waren, ist es doch nicht logisch zu sagen: Wir werden jetzt Dritter. Wenn wir gut arbeiten, können wir die Saison positiv beeinflussen, uns den großen Herausforderungen mit maximalem Engagement und Siegeswillen stellen und dann schauen, was wir erreichen können.  

Sie sprachen von der Erwartung, die an Bayer 04 gestellt wird. Rudi Völler sagte bereits mehrfach: Ziel ist das internationale Geschäft. Sagt aber auch: wenn die Bayern mal schwächeln, müssen wir da sein. Gehen Sie auch soweit, dass bei Bayer 04 der Blick nach ganz oben auch immer in den Gedanken mitspielen muss?

Schmidt Ich wünsche mir, dass wir mit dieser Mannschaft mal in die Nähe kommen, um Titel zu gewinnen. Davon sollte man auch träumen, aber auch wissen, dass dafür viel zusammenkommen und kontinuierlich gearbeitet werden muss. Ich glaube: Wir sind auf dem Weg dorthin. Wir haben eine Mannschaft, in der die einzelnen Spieler viel Potenzial haben. Viele sind aber noch brutal jung. Da hilft es nichts, Druck auf sie aufzubauen.  Wir haben in der letzten Saison gesehen, dass das Pokalfinale möglich gewesen wäre.  

Bereitet Ihnen Wolfsburg Sorgen, dass die stabil da oben drin bleiben?

Schmidt  In Wolfsburg wird unter sehr guten Rahmenbedingungen sehr gute Arbeit geleistet. Im Moment ist der Verein ausgezeichnet aufgestellt, es herrscht Kontinuität auf der Trainer- und Managerposition.  Letzte Saison kam ein Titel dabei heraus. Das ist ein klassisches Beispiel, dass Kontinuität im Fußball die Chance erhöht, Außergewöhnliches zu erreichen.

Sie haben die unterschiedlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen angesprochen. Ist das gerade die Herausforderung für Sie, eben nicht bei Bayern zu sein und dennoch etwas Überraschendes zu schaffen?

Schmidt  Wir haben in Leverkusen auch gute Bedingungen, die auch deutlich besser sind als bei vielen anderen Bundesligisten. Deshalb wollen wir nach Möglichkeit auch in die Champions League. Es ist aus den genannten Gründen bei der Konkurrenzsituation trotzdem eine große Herausforderung, das internationale Geschäft und erst Recht die Champions League . Ich fühle mich wohl, wertschätze meine Spieler, den Staff und die Vereinsführung. Und ich  weiß, dass wir realistische Chancen haben, mit gemeinsamer kontinuierlicher Arbeit auf hohem Niveau auch einmal etwas  Außergewöhnliches zu erreichen.

Was haben Sie in einem Jahr Leverkusen bzw. Bundesliga gelernt?

Schmidt Ich wurde darin bestätigt, dass es wichtig ist, sich selbst treu zu bleiben und seinen eigenen Weg zu gehen. Das ist die beste Chance, über Arbeit seine Ziele zu erreichen. Was Fußball so interessant macht ist, dass jeder mitreden kann, Der Fußball ist sehr stark im Fokus. Medien haben Interesse, Nachrichten zu produzieren. Das gehört zum Fußballgeschäft. Man muss versuchen, sich davon möglichst unbeeinflusst zu lassen. Als Trainer muss man sich um seine Spieler kümmern. 95 Prozent seiner Energie sollte man darauf verwenden. Deshalb bin ich Trainer, weil ich das am liebsten mache. Das konnte ich in der Verbandsliga machen und ist auch in Bundesliga richtig.

Für Sie als Trainer ging es immer aufwärts. Haben Sie einen Karriereplan?

Schmidt Überhaupt nicht, es war auch nie mein Plan, Trainer zu werden. Ich habe meinen Vertrag gerne verlängert. Das gibt mir jetzt ein Gefühl der Ruhe.

Wer ist der nächste deutsche Nationalspieler aus Leverkusen?

Schmidt Wir haben eine sehr spannende Mannschaft mit jungen Spielern, von denen auf Sicht sicher einige irgendwann in Frage kommen. Der nächste ist Bernd Leno. Er spielt national wie international auf Topniveau. Meiner Meinung drängt er sich durch seine Leistung  als A-Nationalspieler auf. Dahinter haben wir Jonathan Tah und Julian Brandt, die beide erst kürzlich im Seniorenbereich angekommen sind. Wenn die eine gute Entwicklung nehmen, haben auch sie das Potenzial.

Ist die Chance von Tah vielleicht besser, weil es in Deutschland weniger Innenverteidiger von hoher Qualität gibt?

Schmidt Ich sehe auch bei Julian in seinem jungen Alter, dass er sich schon jetzt auf Topniveau befindet. Er hat das Potenzial, ist wie Jonathan eine klare Persönlichkeit, überhaupt nicht überdreht. Beide können sich gut einschätzen, wollen sich entwickeln. Wenn man dort hin will, wo die Luft dünn wird und nur wenige hinkommen, ist die Mentalität des Spielers ein wichtiger Faktor.  

Sie haben im Gegensatz zu einigen Kollegen einen ordentlichen Beruf erlernt. Sie sind gelernter Werkzeugmechaniker. Ist das ein Vorteil im Trainerjob?

Schmidt Es gibt vielleicht keinen herausfordernderen Beruf als Fußball-Trainer – was die Führung einer Gruppe und den permanenten Leistungsvergleich angeht. Alle drei Tage wird ein Zeugnis ausgestellt. Mit dem muss man leben bis zum nächsten Spiel. Insofern ist Trainersein doch extrem ordentlich. Aber Spaß beiseite. Grundsätzlich ist es von Vorteil, eine Ausbildung und einige Zeit gearbeitet zu haben. Man lernt sich zu organisieren. Für mich ist es sehr wertvoll, dass ich eine andere Vergangenheit hatte.  

Sie sprachen die Prüfungssituation an. Wie lange kann man diesen Job ausüben, der sehr fordernd ist?

Schmidt Das hängt davon ab, wie viel ich an mich von außen heranlasse. Ob mich das belastet, was gesagt und geschrieben wird. Ich bin da mit mir im Reinen. Es ist einfacher, die Dinge auszuhalten, wenn ich die öffentliche Meinung nicht als die Wahrheit ansehe, sondern ich mir meine eigene Wahrheit bilde und mich nicht über das Medienecho definiere, und zwar weder im Erfolg noch im Misserfolgsfall.

Das ist dann ein schmaler Grat, nicht als arrogant wahrgenommen zu werden.

Schmidt Es wird heute versucht, Dinge in die eine oder andere Richtung zu dramatisieren. "Ein bisschen gut oder ganz ordentlich" will eben keiner lesen. Dabei ist das Ergebnis nicht immer die Wahrheit. Man hat als Team einen gewissen Einfluss auf eine Partie, aber es spielen auch Glück und Schicksal eine Rolle. Aber das ist auch das Schöne am Fußball: Jeder hat seine Meinung. Umso wichtiger ist es, sich seine eigene Sicht zu bewahren.

 Wie ist die Idee von diesem Spielsystem bei Ihnen gereift?

Schmidt Für mich ist es wichtig, dass ich in meinem Spiel mein Schicksal so weit wie möglich in der eigenen Hand behalten möchte. Ich möchte nicht, dass ein Spiel entsteht mit ein oder zwei Situationen – und es so ist: je nachdem ob der reingeht oder nicht, entscheidet sich Sieg oder Niederlage. Wer dafür sorgt, dass viel vor dem gegnerischen Tor los ist und viele Chancen hat, steigert die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen.

Der erste Pflichtspielgegner heißt heute im Pokal Sportfreunde Lotte. Da dürfte ja nichts passieren.

Schmidt Es kann immer etwas passieren. Wir haben gegen Magdeburg letztes Jahr gesehen, dass Spiele gegen ambitionierte Viertligisten schwer werden können. Wichtig wird sein, die Spielgeschichte so früh wie möglich positiv zu beeinflussen.

Quelle: RP
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