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Berti Vogts im Interview
"Wer wird Zweiter bei der EM hinter Deutschland?"

Porträt: Das ist Berti Vogts
Porträt: Das ist Berti Vogts FOTO: dpa
Mönchengladbach. Für Berti Vogts, den Europameister-Trainer von 1996, stellt sich beim Turnier in Frankreich nur die Frage, wer Zweiter wird. Von Karsten Kellermann

Vor 20 Jahren brachte Bundestrainer Berti Vogts den EM-Pokal letztmals nach Deutschland. Im Interview spricht der Ex-Profi von Borussia Mönchengladbach über die Chancen auf einen Titelgewinn in diesem Sommer, die Dominanz der Bayern und die Vermarktung der Bundesliga.

Herr Vogts, Deutschland geht als Weltmeister in das EM-Turnier in Frankreich. Wird es als Europameister wieder herausgehen?

Vogts Wenn man als Weltmeister aus Brasilien heimgekommen ist, und sich die zweitbeste europäische Mannschaft bei der WM, Holland, gar nicht für die EM qualifiziert hat, dann stellt sich diese Frage gar nicht. Man muss eher die Frage stellen: Wer wird Zweiter bei der EM hinter Deutschland? Wir haben bei der WM außergewöhnlich stark gespielt und waren mit Abstand die beste Mannschaft des Turniers.

Der Fahrplan der deutschen Nationalmannschaft

Nach der WM lief es aber nicht immer rund.

Vogts Wenn man die Zeit nach der WM gesehen hat, gab es doch einige Niederlagen – und aus denen wird die Konkurrenz ihre Schlüsse ziehen. Leider haben wir es noch nicht geschafft, auf den Außenpositionen im defensiven Bereich die optimalen Lösungen zu finden. Es sind aber noch zwei Spiele, gegen England und Italien, in denen die Mannschaft gegen starke Gegner klare Signale senden kann, wo sie steht. Aber vom Potenzial her – mit der Bundesliga, mit den Nachwuchsakademien, die so viele Talente hervorbringen, wie es in kaum einer anderen Nation der Fall ist – muss Deutschland immer als ein Titelfavorit eingestuft werden, wenn nicht sogar als der klare Favorit.

Wer kann Deutschland gefährden?

Vogts Teams wie Kroatien, Frankreich oder Italien muss man beachten. Dazu kommt immer ein Unbekannter, den man vorab nicht unbedingt auf der Rechnung hat. Belgien könnte so eine Rolle spielen. Das ist eine ganz starke Mannschaft – die das allerdings bei Turnieren noch nachweisen muss. Ein Fragezeichen ist für mich Spanien. Da ist es schwer zu sagen, wo diese Mannschaft steht.

Sie haben als schottischer Nationaltrainer gearbeitet. Die Schotten sind zwar nicht dabei, aber vier britische Teams: England, Nordirland, Irland und Wales. Ist ein rein britisches Halbfinale denkbar?

Vogts Das glaube ich nicht. Die Spieler aus der Premier League sind bei den Turnieren nicht im optimalen körperlichen Zustand. Bislang hat es noch kein Trainer geschafft, dieses Problem für die britischen Teams zu lösen. England ist immer einer der Favoriten, aber wenn die Engländer in der Vergangenheit ihre Insel verlassen haben, haben sie fast immer enttäuscht.

Die Bundestrainer-Bilanzen FOTO: dpa, nic

Pep Guardiola wird nach dieser Saison die Bundesliga in Richtung Premiere League verlassen. Ist es ein Verlust für die Liga?

Vogts Jeder gute Trainer, der geht, ist ein Verlust für die Bundesliga. Aber er will unbedingt nach England – warum auch immer. Denn der FC Bayern ist ein Top-Klub, bei dem ein Trainer die besten Bedingungen vorfindet. Man sagt zwar, der Druck dort sei hoch. Doch wer Barcelona trainiert hat oder zu Manchester City oder Chelsea geht, der hat kein Problem mit Druck. Bei City, das wohl seine nächste Station sein wird, wird der Druck sogar noch größer sein.

Wird er die Bayern als Champions-League-Sieger verlassen?

Vogts Ich hoffe es für den FC Bayern. Und ich hoffe es für den deutschen Fußball. Es wäre wichtig, wenn wir wieder mal die Champions League gewinnen würden.

Juventus Turin, Bayerns Achtelfinal-Gegner, ist aber kein Glücklos.

Vogts Es ist tatsächlich ein schweres Los. Gut ist für die Bayern, dass sie erst in Turin antreten müssen. Da kann man ein gutes Resultat vorlegen und dann im zweiten Spiel alles klarmachen. Juve hat aber ein gutes Team, auch wenn mich die "Alte Dame" beim Auftritt in Gladbach nicht so überzeugt hat.

Das ist aus den WM-Helden von 1990 geworden FOTO: dpa, jhe sk_A hak nic

Gibt es in der Bundesliga ein Team, das die Bayern noch angreifen kann?

Vogts Es wäre natürlich gut, wenn es dem einen oder anderen Team gelingen würde, etwas gegen den Rekordmeister auszurichten, damit die Liga noch ein bisschen spannender wird. Ich denke, wie es geht, hat Gladbach beim 3:1-Sieg vorgemacht. Allerdings hatten die Borussen in der ersten Halbzeit auch Glück. Was in der zweiten Halbzeit passiert ist, werden sich alle Trainer, auch international, anschauen.

Kann es Borussia Dortmund schaffen, diese Spannung zu erzeugen?

Vogts Ich hoffe es. Und ich hoffe es auch für Leverkusen, Gladbach und Wolfsburg, dass sie etwas näher an die Bayern herankommen. Wie gesagt, es würde der Liga gut tun.

Wird die Premier League mit ihrer Geldflut die Bundesliga leerkaufen?

Vogts Leider ist es ja so, dass das Geld den Fußball und die Klubs regiert. Die großen Geldgeber in England kommen aus Katar, Saudi-Arabien oder den USA – und es ist legitim. Wir sollten das aus Deutschland nicht so abwertend betrachten, immerhin gibt es ja auch bei 1860 München einen Investor, der das Sagen hat. Trotz aller Tradition, die ich nach wie vor für sehr wichtig halte und die ein großes Plus unseres Fußballs ist, muss man auch realistisch sein. Es gilt, einen gesunden Weg für den deutschen Fußball zu finden, der hilft, nicht den Anschluss an die Premier League zu verlieren.

Tradition wird also überbewertet?

Vogts Das Gejammere über Klubs wie Bayer Leverkusen oder Wolfsburg, kann ich nicht mehr hören. Sie gehören zur deutschen Fußballfamilie dazu und haben eine absolute Daseinsberechtigung. Und sie haben immer die Möglichkeit, den deutschen Fußball international gut zu vertreten.

Wie schätzen Sie die Chancen der Vermarktung in Deutschland ein?

Vogts Was die Fernsehverträge angeht, kann ich mir schon vorstellen, dass in den kommenden Jahren viel mehr Geld in die Liga fließt – und davon profitieren auch die Vereine, die großen und die kleinen. Wichtig ist auch die Internationale Vermarktung der Bundesliga. Der deutsche Fußball ist ein Spitzenprodukt, an dem weltweites Interesse besteht. Das wird sich in Zukunft immer mehr auszahlen.

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