| 18.46 Uhr

Volkswagen
VW-Chef Martin Winterkorn tritt bestürzt zurück

Sechs Kandidaten für die Nachfolge von Martin Winterkorn
Sechs Kandidaten für die Nachfolge von Martin Winterkorn FOTO: dpa, jst fpt lof
Wolfsburg. Nun also doch: Martin Winterkorn tritt als Vorstandschef von Europas größtem Autobauer Volkswagen zurück. Das gab der Konzern am Mittwoch nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher in Wolfsburg bekannt. Der Aufsichtsrat wird nicht vor Freitag über die Nachfolge Winterkorns entscheiden. Das sagte der Vorsitzende des Gremiums, Berthold Huber.

Der 68-Jährige war durch den Abgas-Skandal in den USA in Bedrängnis gekommen. Als Vorstandsvorsitzender übernehme er die Verantwortung für die bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren, erklärte Winterkorn am Mittwoch in Wolfsburg. "Volkswagen braucht einen Neuanfang - auch personell."

"Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen Konzern möglich waren.", heißt es in der Erklärung Winterkorns. Er habe daher den Aufsichtsrat gebeten, "mit mir eine Vereinbarung zur Beendigung meiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des Volkswagen Konzerns zu treffen. Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltes bewusst bin", erklärte Winterkorn.

Das fünfköpfige Präsidium des VW-Aufsichtsrats hatte zuvor nach einem Weg aus der tiefen Vertrauenskrise gesucht. Im Mittelpunkt standen dabei personelle Konsequenzen aus der Affäre. Ursprünglich hatte an diesem Freitag der Vertrag des Managers bis Ende 2018 verlängert werden sollen.

Führende Politiker der Koalition zollten Winterkorn Respekt, begrüßten seinen Rücktritt jedoch ausdrücklich nicht. Er habe persönlich großen Respekt vor der Entscheidung Winterkorns, sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). "Ich finde, die Leistung von Herrn Winterkorn für das Unternehmen ist nach wie vor unbestritten", so der Vizekanzler.

Das ist Martin Winterkorn FOTO: dpa, ude arc lof

Der Rücktritt von Winterkorn verdient nach den Worten von Unionsfraktionsvize Michael Fuchs Respekt. "Das ist eine honorige Haltung von Winterkorn, dass er die Verantwortung für die Manipulationen in den USA mitübernimmt", sagte Fuchs unserer Redaktion. "Winterkorn zeigt Stil und Haltung", sagte der CDU-Wirtschaftspolitiker.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter bezeichnete den Rücktritt dagegen als "absolut richtigen Schritt". Der Rücktritt dürfe jetzt nicht bedeuten, dass VW bei der Aufklärung der Vorfälle nachlasse. "VW muss die Aufklärung vorantreiben. Winterkorns Nachfolger darf durch die Affäre nicht belastet sein", sagte Hofreiter. Der Grünen-Politiker mahnte bei Automobilherstellern einen "grundlegenden Mentalitätswechsel" an. Die Verbraucher hätten ein Recht darauf, dass die Schadstoffemissionen von Neuwagen "auch in der Realität, nicht nur im Labor" vorgegebene Grenzwerte nicht überschritten.

"Viel wichtiger als der Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden ist eine gründliche Aufarbeitung. Es geht nicht um Köpfe sondern um Themen. Es muss verhindert werden, dass die ansonsten gute Dieseltechnologie, schlimmstenfalls die gesamte deutsche Automobilbranche nachhaltig Schaden nimmt", mahnte auch CDU-Verkehrspolitiker Oliver Wittke aus NRW.

Hinweise darauf, dass Mitglieder der Bundesregierung Winterkorn zum Rücktritt aufgefordert haben könnten, gab es zunächst nicht. Koalitionspolitiker bezeichneten den Rücktritt als alternativlos. "Winterkorn hatte angesichts des Ausmaßes dieses Skandals keine wirkliche Alternative", sagte CDU-Verkehrspolitiker Thomas Jarzombek.

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) würdigte die Verdienste Winterkorns. Er habe dessen Entscheidung mit größter Betroffenheit zur Kenntnis genommen. Die Tragweite des Schadens sei groß. Weil kündigte gegen die Verantwortlichen strafrechtliche Schritte an. "Wir werden durch das Unternehmen auch Strafanzeige erstatten", sagte der SPD-Politiker. Ein Sonderausschuss werde die Aufklärung vorantreiben und sich dabei auf externe Berater stützen.

Volkswagen will Strafanzeige stellen

Volkswagen steckt in einer tiefen Krise: Der Konzern hat zugegeben, die Abgaswerte von Fahrzeugen in den USA manipuliert zu haben. Mittels einer Software wurde der Schadstoffausstoß nur bei offiziellen Tests vollständig kontrolliert, nicht aber beim normalen Betrieb der Autos. Die Dieselfahrzeuge stießen folglich im regulären Straßenverkehr mehr Stickoxide aus als erlaubt. Stickoxide werden als gesundheitsschädlich eingestuft und können zu Atemwegserkrankungen führen. Am Dienstag hatte VW bekanntgegeben, dass die Software in weltweit rund elf Millionen Fahrzeugen steckt.

Deshalb wird Volkswagen Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig stellen. Das Präsidium des Aufsichtsrates gab nach der Krisensitzung entsprechende Pläne bekannt. Wörtlich heißt es in einer Erklärung des Gremiums: "Es steht nach Ansicht des Präsidiums fest, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, die auch strafrechtlich relevant sein können." Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft würden vom Konzern in aller Form unterstützt.

Die Entwicklung im Überblick:

FREITAG, 18. September: Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren.

SAMSTAG, 19. September: Die Deutsche Umwelthilfe fordert angesichts der VW-Manipulationsvorwürfe ein Fahrverbot für Dieselautos. Das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern noch stärker in Europa.

SONNTAG, 20. September: VW-Chef Martin Winterkorn kündigt eine umfassende Aufklärung an. Später räumt ein Konzernsprecher ein, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.

MONTAG, 21. September: Volkswagen stoppt den Verkauf von Dieselwagen mit Vierzylinder-Motoren in den USA. Betroffen sind Modelle der Kernmarke VW und der Tochter Audi. Die Vorzugsaktie von VW bricht zeitweise um mehr als ein Fünftel ein. Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufseher Stephan Weil sagt: "Eine Manipulation von Emissionstests ist völlig inakzeptabel." In den USA entschuldigt sich VW-Regionalchef Michael Horn für den Skandal mit den Worten: "Wir haben Mist gebaut."

DIENSTAG, 22. September: VW gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen an. Die Aktie der Wolfsburger rauscht weiter in den Keller. Am Nachmittag veröffentlicht VW ein Video, in dem Winterkorn um Entschuldigung bittet. Von einem Rücktritt, über den zuvor bereits spekuliert wurde, ist darin nicht die Rede. Am Abend treffen sich Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums zu Beratungen.

MITTWOCH, 23. September: Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Über seine Nachfolge soll nicht vor Freitag entschieden werden. Auch eine Entscheidung zu möglichen Rückrufaktionen für die von der Abgas-Affäre betroffenen Dieselwagen steht noch aus, genaue Informationen über die fraglichen Modelle außerhalb der USA gibt es nicht. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

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(dpa)
 
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