| 10.12 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Dahoud will nur spielen und die "Generation Relegation"

Frecher Dahoud erhält einen Rüffel
Frecher Dahoud erhält einen Rüffel FOTO: Dieter Wiechmann
Mönchengladbach. Mo Dahoud hat gegen Eintracht Frankfurt einmal mehr sein beeindruckendes Talent unter Beweis gestellt. Jetzt ist der 20-Jährige wie die ganze Mannschaft gefordert, das Heim-Gesicht auch auswärts zu zeigen. Von Jannik Sorgatz

1. Die Tendenz ist eindeutig Zwölf Mannschaften haben in der gesamten Saison weniger Tore kassiert als die Borussia. In der Schubert-Tabelle ab dem 6. Spieltag sind es neun, seit der Winterpause sieben Teams und in den vergangenen fünf Spielen nur noch vier. So wenig wie beim 3:0 gegen Eintracht Frankfurt ließ Gladbach in dieser Saison noch gar nicht zu. Lediglich vier Torschüsse verzeichnete die Statistik für den Gegner, die sieben im Hinspiel waren bislang der geringste Wert gewesen. In den vergangenen drei Spielen schossen Stuttgart, Wolfsburg und Frankfurt zusammen nur 23-mal aufs Tor, einmal weniger als zuvor Augsburg ganz alleine. Seit 304 Minuten hat Gladbach zudem zu Hause keinen Treffer hinnehmen müssen, die längste Serie seit einem Jahr.

2. Stindl stellt die Uhren auf Null Die Lage könnte sich also noch besser gestalten, wenn da nicht diese zweieinhalb Minuten Tiefschlaf in Wolfsburg gewesen wären. Genau das abzuschalten, ist jetzt der nächste Schritt. Vorne stimmte es gegen Frankfurt sowieso. Wer mit 16 Torschüssen und acht aufs Tor dreimal trifft, genügt höchsten Ansprüchen. "Es hätte aber noch das eine oder andere mehr sein können", sagte Lars Stindl nach seinem siebten Saisontor, mit dem er dafür sorgte, dass die Stoppuhren wieder eingepackt werden konnten. Bei 475 Minuten blieben sie stehen, kaum der Rede wert.

3. Schlafwandlerisch präzise Thomas Kastenmaier hat in Bochum mal einen Freistoß mit Schallgeschwindigkeit in den Winkel geschossen (Video bei Youtube) und erzählt seitdem scherzhaft, seinetwegen habe das Fernsehen die Zeitlupe erfunden. Selbstverständlich musste sich Raffael etwas Besonderes ausdenken, wenn er mit seinem 40. Bundesligator für die Borussia den alten Haudegen aus München-Milbertshofen einholt (Platz 16 im ewigen Vergleich). Frankfurts Keeper Hradecky spielte im doppelten Sinne mit, Raffael bedankte sich mit einem schlafwandlerisch präzisen Schlenzer aus 34 Metern – kaum zu glauben, dass die 54.000 Zuschauer das Bundesliga-Tor aus der bislang größten Entfernung in dieser Saison sahen.

4. Zwischen Dankbarkeit und "Dann geh' doch" Mit seinem dritten Weitschusstor (Liga-Bestwert) schloss Raffael zu einem Teamkollegen auf, der nach der Sommerpause keiner mehr sein wird. Havard Nordtveit hat sich entschieden, allein das ist nach dem wochenlangen Warten eine große Meldung. Dass der Kern der Nachricht, Nordtveits Abschied zum Saisonende, sich mit etwas Argwohn mischt, hat sich der Norweger selbst zuzuschreiben. Aus der Fanszene kommen neben Dankbarkeit für fünfeinhalb Jahre auch Dann-geh-doch-Reaktionen. Mit Nordtveit hat nach Martin Stranzl der zweite Vertreter der "Generation Relegation" in einer Woche seinen Weggang verkündet. Roel Brouwers' und Christofer Heimeroths Verträge läufen auch aus. Könnte sein, dass kommende Saison nur noch Tony Jantschke und Patrick Herrmann übrig sind.

5. Mehr als die doppelte Gefahr Mo Dahoud war zuletzt die personifizierte Heim-Auswärts-Diskrepanz bei der Borussia. Gegen Bremen, Köln und Stuttgart lieferte er teils überragende Leistungen ab. In Hamburg, Augsburg und Wolfsburg wandelte der 20-Jährige zwischen solide und schlecht. Das sind Feststellungen ganz ohne Vorwurf. Zumal Dahoud gegen Frankfurt wieder einen glänzenden Tag erwischte. Wer zehn von 14 Zweikämpfen gewinnt und 88 Prozent seiner Pässe zum Mitspieler bringt, ist wertvoll. Wer in 1536 Minuten vier Tore erzielt, der ist deutlich gefährlicher als sein Vorgänger Christoph Kramer, der für Gladbach fünfmal in 5160 Minuten traf. Für Dahoud ist in der Regel vor dem Abpfiff Feierabend, am Samstag durfte er zum zweiten Mal in der Bundesliga durchspielen.

6. "Sonst ist der Fuß mal weg" Es war fast schon ein Lucien-Favre-Auftritt von André Schubert. Die "Sky"-Reporterin hatte ihn um ein Statement zu Dahouds Leistung gebeten, da polterte der Trainer los: "Mich hat geärgert, was er am Ende gemacht hat. Er soll sich auf seinen Fußball konzentrieren und nicht anfangen zu spinnen." Kurz vor Schluss war Dahoud nach einem Kabinettstückchen mit Szabolcs Huszti aneinandergeraten und hatte seine vierte Gelbe Karte gesehen. Auf der Pressekonferenz versuchte Schubert, den Rüffel einzufangen und einzuordnen. "Aufgrund seiner technischen Möglichkeiten sucht er manchmal Lösungen, die den Gegner nicht ganz so gut aussehen lassen. Da will ich ihn einfach schützen", sagte der 44-Jährige über Dahoud. Irgendwann könne es passieren, dass sich ein Gegenspieler veralbert fühlt und "dann ist der Fuß plötzlich mal weg". 

7. Pragmatisch und unprätentiös Zu den Zeitgenossen, die nichts aus der Ruhe bringt, zählt Roel Brouwers. Der 34-Jährige ordnet gerade den Spätherbst seiner Karriere, der Winter naht. Deshalb sagte Brouwers der Seite "fussballbegeistert.nl" aus seiner Heimat, dass es schön wäre, im April zu erfahren, ob und wie es weitergeht in Mönchengladbach. In dieser Hinsicht agiert der Verteidiger so pragmatisch und unprätentiös wie auf dem Platz. Dort durfte er 19 Minuten ran am Samstag, so lange wie zuvor nur gegen den SV Darmstadt, seit Schubert Trainer ist. Weil er Granit Xhaka ersetzte, durfte Brouwers sogar die Kapitänsbinde tragen. Vielleicht war es das letzte Mal.

8. Hervorragend positioniert Der Start in die Rückrunde war verkorkst: 1:3 gegen Borussia Dortmund, 0:1 gegen den FSV Mainz. Seitdem läuft es allerdings mit 13 Punkten aus sieben Spielen, nur der FC Bayern und der BVB haben mehr gesammelt. mehr Tore geschossen als Gladbachs 18 hat keiner, weniger kassiert als acht haben nur vier Teams. Vor den Duellen mit dem FC Schalke und Hertha BSC hat sich die Borussia hervorragend positioniert, der Heimstärke sei Dank.

9. Big Points needed Natürlich hatte die sportliche Leitung immer Argumente, auf die sie verweisen konnte. Bislang war es auch immer leicht, Gegenargumente zu finden. Dass sich Heim-Erfolge und Auswärts-Enttäuschungen abwechselten, gab letztlich allen Prognosen Futter. Bis mindestens Freitag darf mit Verlaub darauf verwiesen werden, dass die Borussia nur noch drei Heimspiele hat, aber fünfmal in der Fremde ran muss. Mit einer Niederlage auf Schalke wäre Gladbach weiter in der Endlosschleife gefangen, nur ein Big Point oder gleich drei könnten den VfL befreien. Sonst ist die Lage vor dem nächsten Heimspiel die gleiche wie vor Köln, Stuttgart und Frankfurt. Allerdings hat es der nächste Gegner im Borussia-Park in sich: Nach der Länderspielpause kommt Hertha.

10. Groß Man darf es den Borussia-Fans nachsehen, dass sie das Erreichen der 40-Punkte-Marke nicht mehr mit "Nie mehr Zweite Liga!"-Gesängen feiern. Vor der Ära Lucien Favre war das in 14 Bundesliga-Spielzeiten nur zweimal gelungen, nun schon zum fünften Mal in Folge. Nur Bayern, Dortmund, Schalke, Leverkusen und bald sicher auch Wolfsburg können das von sich behaupten. Ein bisschen unwirklich klingt es auch im Jahr 2016, wenn Frankfurts Boss Heribert Bruchhagen im "Sportstudio" wie selbstverständlich von den "großen Sechs" spricht. Mit einem durchschnittlichen Markwert von 6,17 Millionen Euro liegt Gladbach knapp hinter Wolfsburg auf dem sechsten Platz, Siebter ist Hoffenheim mit 3,02 – Bruchhagen ist also nicht der üblen Nachrede zu verdächtigen.

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