| 17.27 Uhr

Konkurrenz im DFB-Team
Auf dem Sprung

Das sind Löws Kandidaten für die WM 2018
Das sind Löws Kandidaten für die WM 2018 FOTO: rtr, saw
St. Petersburg/Düsseldorf. Ein Jahr vor der WM in Russland hat Bundestrainer Joachim Löw die erwünschte Konkurrenzsituation. Die Confed-Cup-Sieger machen ordentlich Druck auf die Etablierten. Von Robert Peters

Mitten in der großen Euphorie trat der große Jogi Löw großartig aufs Bremspedal. An einem Wochenende hatten seine beiden Talente-Sammlungen zwei Titel gewonnen, die U21 die Europameisterschaft, das sogenannte Perspektivteam durch das 1:0 über Chile den Confed-Cup. Deutschland feiert bereits eine neue "goldene Generation", und die Welt beneidet Löw um seine Möglichkeiten. Der aber mahnte: "Die WM 2018 wird ein ganz anderes Turnier. Es ist das schwierigste Turnier überhaupt." So furchtbar schwierig, "dass man da über fünf Wochen eine übermenschliche Leistung braucht". Deshalb steht für den Trainer fest: "Wir dürfen nicht nachlassen."

Gut geschlafen hat er trotzdem nach dem Finalerfolg über Chile in St. Petersburg. Denn in dieser Begegnung hat eine Mannschaft der Welt demonstriert, dass Deutschland auch ohne Toni Kroos, Manuel Neuer oder Mesut Özil mit Klasseteams auf die vielzitierte Augenhöhe kommen kann. Löw weiß, dass sich nun erst recht niemand mehr den Luxus des Nachlassens leisten kann, der ins Aufgebot für die WM 2018 will. Die Nachwuchskräfte, die beim Confed-Cup in Russland und bei der EM in Polen ihre Klasse bewiesen haben, nicht. Und die Etablierten, die im Urlaub sicher aufmerksam hingeschaut haben, schon gar nicht.

Löws Plan, den Stars ein bisschen Beine zu machen, ist besser aufgegangen, als er sich das selbst vorgestellt hat. "Damit war nicht zu rechnen", sagte er schon vor dem Finale in St. Petersburg. Aus dem Team, das sich selbst von den Chilenen nicht niederringen ließ, haben sich einige für die "übermenschlichen Anstrengungen" des nächsten Sommers angemeldet. An erster Stelle Julian Draxler, der mit der Würde des Kapitäns ein sehr erwachsenes Turnier hinlegte und eben nicht nur auf den fünffachen Übersteiger und den zehnten Beinschuss setzte. In der Offensive hat Timo Werner durch sein Tempo und seine Torgefahr dafür gesorgt, dass er daheim in Zukunft weniger als Buhmann der Nation wahrgenommen wird. Lars Stindl, im Aufgebot der gerade 20-Jährigen mit seinen 28 Jahren ein eher alter Mann, hat gezeigt, dass er durch sein kluges Spiel immer eine Alternative sein kann. Leon Goretzka könnte zu einem offensiver orientierten Nebenmann von Toni Kroos im zentralen Mittelfeld werden. Und die Verteidiger Niklas Süle, Matthias Ginter und Antonio Rüdiger unterstrichen Wettbewerbsfähigkeit auf hohem Niveau.

In Polen machten Außenverteidiger Jeremy Toljan mit seinen bemerkenswert guten Flanken und Mittelfeldmann Maximilian Arnold als kühler Kopf der U 21 im Mittelfeld Eindruck. Löw wird auch das aus der Entfernung wahrgenommen haben. Leroy Sané, Julian Weigl und Jonathan Tah, die in der Vergangenheit bereits im A-Team überzeugten, waren wegen Verletzungen gar nicht erst dabei. Doch auch sie gehören zu einem Pool von rund 40 Spielern, die sich nun Hoffnung machen, auf den WM-Zug aufzuspringen.

Niemand wird allerdings erwarten, dass Löw ein Jahr vor dem Turnier in Russland einen revolutionären Umbau beginnt. Das passt einfach nicht zu ihm. Seine Personalpolitik war immer von einer gewissen Treue zu den langjährigen Vertrauten geprägt. Von übertriebener Treue, wie viele seiner Kritiker meinen, die zum Beweis auf den körperlichen Zustand von Bastian Schweinsteiger bei der EM in Frankreich und die fußballerischen Fähigkeiten des späten Lukas Podolski zeigten. Von dieser Linie weicht Löw dennoch nicht ab, mit zunehmender Amtszeit ist ihm das Gesumm seiner Kritiker immer gleichgültiger geworden. Die Erfolge bestätigen seine Haltung.

Ihm reicht es zunächst mal, das Wochenende der Turniererfolge als Signal an die Stammkräfte zu senden. Er geht davon aus, dass die unerwartet deutliche Konkurrenzsituation die Konzentration der etablierten Spieler schärft. Und damit könnte er vermeiden, was den Spaniern nach ihren beiden EM-Erfolgen von 2008/2012 und dem WM-Titel 2010 beim Weltmeisterschaftsturnier in Brasilien widerfuhr. Die erfolgsmüde Truppe schied in der Vorrunde aus, "obwohl sie immer noch eine klasse Mannschaft hatten", wie Löw gern erklärt.

Seine klasse Mannschaft für Russland 2018 wird sich trotz der überzeugenden Auftritte der Talente in den zurückliegenden beiden Wochen nicht sehr von der unterscheiden, die vor Löws Testlauf mit der Jugend auf dem Rasen stand. Löw wird natürlich nicht auf Jerôme Boateng, Mats Hummels, Mesut Özil oder Thomas Müller verzichten, wenn die in einem Jahr in Bestform sind. Und dass sie alles dafür tun werden, ist spätestens seit dem Finale von St. Petersburg klar.

Quelle: RP
 
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