| 07.13 Uhr

Düsseldorf
Wunder gibt es immer wieder

Düsseldorf. Der FC Augsburg hat sich auf Überraschungen spezialisiert. Nun spielt er in der K.o.-Runde der Europa League. Von Robert Peters

Augsburg hat eine sehr nette Altstadt, ein römisches Museum, den Stadtpalast der Fugger und die Puppenkiste. Die jüngste Sehenswürdigkeit der kleinen Großstadt im bayerischen Südwesten ist eine Fußballmannschaft, die im nächsten Jahr in der K.o.-Runde der Europa League antreten wird. Mit einem maßgerechten 3:1-Erfolg bei Partizan Belgrad schaffte der Außenseiter die nächste dicke Überraschung der jüngeren Vergangenheit. Auf Überraschungen hat sich der Klub offenbar spezialisiert.

Bereits der Aufstieg in die Bundesliga vor viereinhalb Jahren war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Und die Aufholjagden der beiden ersten Erstliga-Jahre, die aus jeweils aussichtsloser Lage doch zum Klassenerhalt führten, hatten alle Merkmale eines kleinen Fußball-Wunders.

Ein richtig großes Fußball-Wunder war die Spielberechtigung für die Europa League. Augsburg ließ Branchengrößen wie Borussia Dortmund und Schalke 04 in der Bundesliga-Tabelle hinter sich. Und es startete mit brachialer Selbstironie in die Welt des internationalen Fußballs. "In Europa kennt uns keine Sau", erklärte die klubeigene Marketingabteilung, und sie lag damit wahrscheinlich richtig.

Spätestens seit der Nacht von Belgrad hat sich das geändert. Europa kennt nun den ganz speziellen Augsburger Fußball, den Siegeswillen einer Mannschaft, die alle Tugenden eines großen Kollektivs auf sich vereint, und der Kontinent kennt Raùl Bobadilla. Der quadratisch gebaute Stürmer aus Argentinien erzielte trotz einer leichten Verletzung in der Nachspielzeit das Tor zum 3:1. Und er riss sich natürlich das Trikot vom Leib. Dem Publikum in Belgrad zeigte er ein T-Shirt mit einem Foto seines neugeborenen Sohnes und seine durch zahlreiche Tätowierungen formschön verzierten Arme. Das gehört bei späten Treffern zu seinen Ritualen. Die fällige Gelbe Karte nimmt er in Kauf.

Selbst seine Vorgesetzten nehmen ihm die Striptease-Nummern nicht krumm. "Wenn du in der 90. Minute das Tor machst, dann ist das schon sehr emotional", sagte Trainer Markus Weinzierl. Bobadilla blieb lieber beim eher schweinischen Vokabular der Marketingabteilung. "Geiles Spiel, geile Leistung, geile Sensation", brüllte er. Weinzierl pries deutlich staatstragender den "größten Tag der Vereinsgeschichte". Bei der kämpferischen Mentalität der Augsburger Mannschaft ist nicht einmal ausgeschlossen, dass es im Frühjahr einen noch größeren Tag gibt. Auch wenn der Emporkömmling auf der europäischen Bühne bei der Auslosung am Montag sicher einen großen Brocken präsentiert bekommt, sind Weinzierls Wunderknaben gerade mal so richtig heißgelaufen. Bobadilla wünscht sich den FC Liverpool zum Gegner. Da bekäme er es mit einem anderen Kämpfer zu tun - allerdings nur mittelbar. Liverpools Trainer Jürgen Klopp ist ein großer Tänzer an der Seitenlinie, den blanken Oberkörper zeigt er aber nicht mal bei späten Siegen. Und die Tore schießt er auch nicht. Ein Festtag für den Augsburger Fußball ist trotzdem garantiert - auch ohne Klopp.

Ebenso gewiss ist, dass es ein kraftraubendes Frühjahr wird. Das betrifft alle vier deutschen Mannschaften in der Europa League. Neben dem FC Augsburg sind das die drei Westklubs Borussia Dortmund, Schalke 04 und Bayer Leverkusen. Sie müssen damit leben, dass die DFL auf keinen Fall mehr als drei Sonntagsspiele ansetzen wird. Dadurch ist möglich, dass so mancher zwischen dem Auftritt in der Europa League und dem nächsten Bundesligaspiel nicht mehr lange verschnaufen darf - höchstens einen Tag nämlich. Das verdanken die Vereine dem Fernsehvertrag. Die Strapaze wird also tüchtig bezahlt. Die Augsburger durften schon mal üben, denn ihr für gestern früh geplanter Heimflug wurde gestrichen. Sie konnten daher erst am Abend nach Hause aufbrechen. Aufgeregt hat sich darüber niemand.

Quelle: RP
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