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Stefan Krämer, Geschäftsführer der Enni
"Wir wollen Treiber der Energie-Wende sein"

Stefan Krämer, Geschäftsführer der Enni: "Wir wollen Treiber der Energie-Wende sein"
FOTO: Ferl
Moers. Stefan Krämer, Geschäftsführer der Enni Energie und Umwelt, spricht im Interview über die Strategie des Stadtwerks, den Atomausstieg und Donald Trump. Zeitgleich gibt er Einblick ins Privatleben.

Seit Jahren wächst das Netz von Wind-, Solar- und Biomassekraftwerken im Raum Moers. Warum forcieren Sie und die Enni das Thema Grüne Energie so enorm?

Stefan Krämer Die regenerative Energieproduktion ist ein unumkehrbarer Trend, bei dem wir weit vorne dabei sein wollen. In anderen Städten werden die Stadtwerke von der Politik dazu getrieben, wir sind hier selber der Antreiber - am Niederrhein gehören wir zu den Vorreitern. Kundenbefragungen haben zudem ergeben, dass zwischen 80 und 90 Prozent der Bürger diesen Weg mitgehen. Das zeigt uns: Die Energiewende ist gewollt und zudem eine große, wirtschaftliche Chance.

Wie drückt sich das in Zahlen aus?

Krämer Im abgeschlossenen Geschäftsjahr haben wir 1,5 Millionen Euro Einnahmen vor Steuern allein aus regenerativen Energien gemacht. Das sind etwa 10 Prozent vom Gesamtvolumen.

Also es rechnet sich? Dabei gelten das Ruhrgebiet und der Niederrhein nicht gerade als die Region, in der sich Photovoltaik- und Windanlagen lohnen, oder?

Krämer Ja, aber: Es ist hier nicht so windig wie an der Nordsee, nicht so sonnig wie in Bayern, und man hat auch nicht so viel freie Fläche wie beispielsweise in Brandenburg. Das sind alles Standort-Nachteile, die es bei der Planung zu beachten gilt. Der große Vorteil hier ist aber die Mentalität der Menschen. Die Region ist stark industriell geprägt, die Bevölkerung ist gegenüber solchen neuen großen Projekten viel offener, als in anderen Regionen Deutschlands. Und: Sie vertrauen uns.

Bei solchen regenerativen Anlagen ist der Klimawandel ein kaum zu berechnender Faktor. Was sind ihre Erfahrungen?

Krämer Wir spüren ihn. Langzeitstudien am Niederrhein zeigen uns, dass der Wind in den vergangenen 20 Jahren hier abgenommen hat, dafür die Sonne aber intensiver geworden ist. Das ist für mich kein Zufall, sondern Folge des Klimawandels. Und darauf müssen wir uns einstellen.

Das spräche in Zukunft eher für Photovoltaik-Anlagen, aber gegen Windräder? Was bedeutet das für die deutsche Industrie, spielt uns das in die Karten?

Krämer In der Photovoltaik-Technik haben chinesische Firmen derzeit die deutlich günstigere Technik bei gleicher Leistung anzubieten. Da haben die deutschen Firmen den Anschluss verloren. Auch die Enni setzt aus Gründen der Wirtschaftlichkeit chinesische Module ein, die bisher auch fehlerfrei funktionieren. Dafür sind die deutschen Firmen bei den Windenergieanlagen führend.

Sie haben in Marburg studiert, wie kam der Schritt ins Rheinland, zunächst nach Köln zur RWE Rheinbraun, zustande?

Krämer Das war Zufall. Ich hatte nach der Uni mehrere Angebote. Unter anderem von Nestlé. Ich habe mich dann einfach von der für mich schöneren Stadt locken lassen, in dem Fall zog ich Köln Frankfurt am Main vor, und somit Rheinbraun mit Sitz in Köln.

Einige Jahre später wechselten sie als Prokurist zu den Stadtwerken nach Osnabrück, zwei Jahre später wurden sie dann in Moers Chef der Enni. War das ihr gewünschter Karriereweg?

Krämer Es war mein Ziel, im Laufe meiner beruflichen Entwicklung Geschäftsführer zu werden. Es hat mich selbst überrascht, dass ich nach zwei Jahren Osnabrück bei Enni so schnell die Chance hierzu bekam. Am Niederrhein bin ich sesshaft geworden, obwohl Moers es mir anfangs schwer gemacht hat.

Warum?

Krämer Die Stadt hat sich heute gut entwickelt, auch am Bahnhof. Als ich 2003 erstmals nach Moers kam, war der erste Eindruck für mich gerade hier eher abschreckend. Die hübsche Altstadt, der tolle Stadtpark und vor allem die Menschen und das Team bei Enni haben dies längst wettgemacht und mich an den Niederrhein gebunden. Heute weiß ich die Lebensqualität hier zu schätzen.

Sind sie privat auch so grün?

Krämer Wir geben uns zunehmend Mühe, sind aber sicher nicht perfekt. Uns ist eine lebenswerte Zukunft für unsere drei Kinder wichtig. So setzen wir nach der Renovierung unseres Hauses auf umweltschonende Technik für Heizung, Licht und warmes Wasser. Eine Solaranlage auf dem Dach ist in Planung, wir fahren seit einem Jahr ein Hybrid-Fahrzeug. Bei allen Lebensmitteln setzen wir auf frische Produkte aus der Region. Außerdem trägt unser Fußball-Club die Farbe Grün.

Was halten sie von Stromfahrzeugen? Beispielsweise die des amerikanischen Herstellers Tesla?

Krämer Firmenchef Elon Musk ist ein Visionär - die Firma ist aber noch nicht rentabel, das besagen die Zahlen. Außerdem finde ich es schade, dass die deutschen Autohersteller in der Entwicklung offensichtlich hinten dran sind und sich nicht an die Spitze der Entwicklung gestellt haben. Ich hoffe aber, dass die großen Marken den Rückstand schon bald wettgemacht haben. Was noch fehlt, ist eine Revolution in der Energiespeichertechnik. Die Reichweite der Fahrzeuge ist noch zu gering.

Über den Tellerrand geschaut: Im Klimaschutzindex ist die Bundesrepublik nur auf Rang 29 und hinkt Industrieländern wie Frankreich und Großbritannien weit hinterher. Was läuft bei uns schief?

Krämer Deutschland ist in den vergangenen Jahren bei diesem Index stetig abgerutscht, liegt jetzt nur noch im Mittelfeld. Das liegt auch daran, dass andere Industrieländer ihre Bemühungen im Vergleich erhöht haben. Der Hauptgrund liegt aber im hohen Braunkohle-Anteil der deutschen Stromerzeugung. Der muss mittel- bis langfristig reduziert werden. Mit Frankreich und Großbritannien liegen zwei Länder unter den Top 3 der Rangliste, die auch zukünftig stark auf Atomkraft setzen. Ein nachhaltiger Ansatz ist das meines Erachtens nicht.

Können wir den Atomaussteig schaffen?

Krämer Der Atomausstieg ist richtig, es reicht aber nicht den Schalter auf die Regenerativen umzulegen. Für den Übergang in das neue Zeitalter müssen wir auf einen Mix aus fossilen und regenerativen Kraftwerken setzen. Denn gerade in Spitzenzeiten benötigen wir auch dann Strom, wenn die Sonne nicht scheint und auch der Wind nicht weht. Bis wir in Deutschland ausreichende Speicherkapazitäten haben, müssen wir also auf konventionelle Kraftwerke setzen. Sonst ist die Versorgungssicherheit bedroht.

Wann wird der Atomstrom denn völlig aus dem Strommix der ENNI verschwinden?

Krämer Der Atomstromanteil im bundesdeutschen Strommix geht seit Jahren zurück und macht heute nur noch rund 13 Prozent aus. Zur Jahrtausendwende waren es noch rund 30 Prozent. Es ist politisch beschlossen, dass in Deutschland Ende 2022 das Atomzeitalter endgültig endet. Das Ökostromangebot der ENNI ist übrigens schon heute atomstromfrei und liegt bei anderen Produkten auch nur noch bei rund vier Prozent.

Aber Atomenergie ist doch viel billiger als der grüne Strom...

Krämer Nein. Betrachtet man alle Kosten, ist sie eher teurer. Der Rückbau der Anlagen sowie die Lagerung der Brennstäbe waren nie im Preis enthalten. Photovoltaik ist in der Gesamtdarstellung günstiger als Atomenergie.

Im Gesamtblick: Wie kontraproduktiv wirkt sich das Auftreten des neuen US-Präsidenten Donald Trump aus, der auf dem G7-Gipfel sich gegen die Klima-Politik ausgesprochen hat?

Krämer Trump hat sich mit den USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen verabschiedet. Das ist eine große Enttäuschung und ist ein schlechtes Signal. Das registrieren auch viele Amerikaner mit bloßem Kopfschütteln. Wir sollten uns von unserem Weg aber nicht abbringen lassen und unsere Anstrengungen erhöhen. Denn: Auch Deutschland wird die selbstgesteckten Klimaziele für 2020 wohl nicht erreichen.

Wieso profitiert Moers davon, wenn die Enni vor der Nordseeküste in Borkum oder sogar vor Schottland sich an Windparks beteiligt?

Krämer Das sind beides regenerative Großprojekte mit vielen Kooperationspartnern, mit denen wir unser regeneratives Erzeugungsportfolio ausbauen und die für uns alleine unerreichbar gewesen wären. Vor allem große Windparks sehe ich weiter als Erfolgsbausteine der Energiewende, deren Attraktivität auf See nach schwierigen ersten Jahren zusehends gestiegen ist. Mit der Beteiligung an Trianel Borkum II haben wir Zugriff auf eines der derzeit größten Off-Shore-Windprojekte, das ENNI zukünftig wichtige wirtschaftliche Beiträge liefert. So ein Projekt hat gefehlt.

Nach der Fertigstellung der Windenergie-Anlagen im Kohlenhuck steht schon das nächste ehrgeizige Projekt an. In Vinn soll wie in Neukirchen-Vluyn eine riesige Photovoltaik-Anlage gebaut werden. Wie wirtschaftlich sind diese Projekte, und wann werden sich diese Millionen-Investitionen amortisieren?

Krämer Grundsätzlich gilt für alle unsere Projekte: Sie müssen sich rechnen. Somit sehen wir auch in regenerativen Erzeugungsanlagen neben ihren ökologischen Beiträgen immer den wirtschaftlichen Aspekt. Die Renditen bei Freiflächen-PV-Anlagen sind aber aufgrund der gegenüber anderen Regionen in Deutschland am Niederrhein geringeren Sonnenstunden eher klein. Wir kalkulieren hier die Amortisation zwischen 12 und 15 Jahren. Dabei wird deutlich: Bei solchen Anlagen müssen alle Randbedingungen stimmen.

Wo kann Enni weiter wachsen - was ist ihr Ziel für die Zukunft?

Krämer Wachstumsthemen sind entscheidender Bestandteil unserer Strategie und das auf allen Wertschöpfungsstufen - also in den Netzen, im Vertrieb und der Erzeugung. Wir werden beispielsweise alles tun, um am Niederrhein - nach dem Gewinn in Rheinberg - weitere Netzkonzessionen für uns zu gewinnen. Wir wollen bundesweit weiter erfolgreich Kunden gewinnen, rechnen in diesem Jahr mit an die 15.000 neuen Kunden. Auch Zukunftsmärkte wie das Telekommunikationsgeschäft haben wir im Blick. Natürlich wollen wir auch weitere regenerative Projekte umsetzen. Der geplante Solarpark in Moers-Vinn wäre ein weiteres mit Leuchtturmcharakter.

Zum Abschluss: Kann Strom denn irgendwann wieder günstiger werden?

Krämer Ich gehe davon aus, dass die Strompreise mittel- bis langfristig weiter steigen werden, allerdings nicht mehr in dem Ausmaß wie in den vergangenen zehn Jahren. Man muss sich nur die drei Bestandteile des Strompreises anschauen: Die Netzkosten werden in Folge des notwendigen Umbaus des deutschen Stromnetzes auf dezentrale und wetterabhängige Erzeugung steigen. Der reine Erzeugungspreis wird nach 2020 in Folge der Verknappung des fossilen Kraftwerksparks von derzeit etwa 3 Cent wohl auf bis zu 6 Cent anziehen. Bei den Steuern und Abgaben fällt mir die Prognose am schwersten, an ein deutliches Sinken des Strompreises glaube ich jedoch nicht.

KILIAN TRESS FÜHRTE DAS INTERVIEW

Quelle: RP
 
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