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Bayer Leverkusen
"Roger Schmidt hat die Spieler besser gemacht"

Bayer Leverkusen: "Roger Schmidt hat die Spieler besser gemacht"
Jonas Boldt, Manager Sport bei Bayer Leverkusen. FOTO: KSMediaNet
Exklusiv | Leverkusen. Jonas Boldt ist Manager Sport bei Bayer Leverkusen. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über sein Scouting-Team, Martin Ödegaard von Real Madrid und ein Bierchen während der Spiele des TV Kalkum-Wittlaer. Von Stefanie Sandmeier und Patrick Scherer

Herr Boldt, lassen Sie uns direkt mit einem Fehler aufräumen. Sie als Kadermanager zu bezeichnen, hören Sie nicht gerne.

Boldt Darum geht es nicht. Michael Reschke (Boldts Förderer, der zum FC Bayern wechselte, Anm.d. Red.) war mein Vorgänger. Als ich kam, dachten die Leute, dass ich die Position eins zu eins übernehme. Allerdings haben wir das im Zusammenhang mit meiner Person bewusst nie kommuniziert und Dinge leicht verändert. Dies war das Ergebnis von Diskussionen mit Geschäftsführer Michael Schade, Sportdirektor Rudi Völler und mir, bei denen wir die Aufgaben definiert und Dinge dann angepasst haben.

Wie ist Ihre richtige Bezeichnung?

Boldt Manager Sport. Der Name impliziert schon, dass mein Aufgabenfeld mehr umfasst, als die Planung des Kaders. Als man mich fragte, ob ich Nachfolger von Michael werden möchte, war es auch ein Thema, dass alle Drähte – dazu gehört beispielsweise auch das Scouting – bei mir zusammenlaufen, weil ich der Meinung bin, dass es die Abläufe optimiert, wenn man Dinge bündelt und anders macht.

Würden Sie sagen, dass diese Umstrukturierung richtig war?

Fotos: Das ist Roger Schmidt FOTO: afp, pbe/iw

Boldt Die neue Konstellation passt gut. Ich komme selbst aus dem Scouting und kenne die Jugendabteilung gut. Mit Rudi Völler arbeite ich lange zusammen und habe überdies ein gutes Verhältnis zu Roger Schmidt. Insofern sehe ich uns da sehr gut aufgestellt. Hilft es bei Ihrer Arbeit, hinter Rudi Völler als Galionsfigur nicht so in der Öffentlichkeit zu stehen? Boldt Natürlich. Ein Stück weit ist das auch so gewollt. Das Schöne ist, dass Rudi und ich sehr gut harmonieren. Ich weiß um meine Stärken, er um seine. So arbeiten wir schon Jahre zusammen. Ich muss nicht an jedem Spieltag in ein Mikrofon sprechen. Dass Rudi den Part übernimmt, ist mir recht. Er ist der Chef.

Wie groß ist Ihr Scouting-Team?

Boldt Chefscout ist Laurent Busser. Dazu kommen weltweit etwa zehn Scouts – einer sitzt beispielsweise in Asien, einer war in Südamerika, ist jetzt in Spanien. Das variiert – je nachdem, wo der Markt gerade interessant ist. Im Büro sitzen noch zwei weitere Assistenten. Lennart Coerdt kümmert sich um alle Belange rund um die Mannschaft. In Absprache mit Hans-Peter Lehnhoff plant und koordiniert er Reisen und Spielbetrieb. Marius Schultens ist meine rechte Hand im administrativen Scouting-Bereich. Ihn habe ich als ehemaligen Jugendspieler ins Team geholt.

So viel Personal erwartet man nicht.

Boldt Wir sind sicher nicht die kleinste Scouting-Abteilung, aber wir betreiben auch seit Jahren einen großen Aufwand. Das müssen wir auch, weil Bayer 04 wirtschaftlich nicht solch gute Möglichkeiten hat wie vielleicht Bayern oder Wolfsburg. Wir konkurrieren national mit Teams wie Borussia Dortmund oder Borussia Mönchengladbach, die sehr gut arbeiten. Weltweit messen wir uns mit Vereinen wie Benfica Lissabon, dem FC Porto oder Udinese Calcio. Auch sie haben ein gutes Scoutingsystem, hinter dem eine Idee steckt, und sind an ähnlichen Spielern interessiert.

Wie wichtig ist die Live-Sichtung im Vergleich zur Video-Analyse?

Boldt Ganz entscheidend. Die Video-Sichtung ist ein interessantes Tool, um schneller zu sein oder Kosten zu sparen. Sie ersetzt aber in keiner Weise eine Live-Sichtung. Man hat im Stadion seinen eigenen Blick. Das ist gerade beim Spiel ohne Ball entscheidend. Hinzu kommt die Atmosphäre: Wie reagiert ein Spieler vor 50 000, wie vor 100 000 Zuschauern? Das erkennt man nicht auf Video und ohne Ton.

Würden Sie einen Spieler nur vom Video verpflichten?

Boldt Auf keinen Fall. Das wird bei Bayer 04 Leverkusen nie passieren.

Wie weit würde Leverkusen in punkto Alter gehen, um einen jungen Spieler zu verpflichten?

Boldt Wir reden hier über die Lizenzmannschaft. Dafür würden wir keine Kinder zu uns holen oder mit Vorverträgen ausstatten. Wir schauen frühestens auf 16- vielleicht auch noch 15-Jährige, einfach weil sie mit 17, 18 Jahren heutzutage bereits soweit sein können, bei den Profis mitzuspielen. In dieser Altersklasse schauen wir uns aber überwiegend nur auf dem deutschen Markt um. Wir schließen nicht aus, auch mal einen so jungen Spieler aus dem Ausland zu holen, aber das ist nicht zuletzt aus rechtlichen Gründen schwierig umsetzbar. Abgesehen davon ist der Weg dann sehr weit, und man investiert als Verein viel.

Wäre Bayer 04 bei Martin Ödegaard, der als 16-Jähriger zu Real Madrid wechselte, auch schwach geworden?

Boldt Wir hätten ihn auch genommen. Auch mit 16. Aber wenn der FC Bayern und Madrid mit in der Verlosung sind, hat man es schwer.

Haben Sie mit Ödegaard gesprochen?

Boldt Ja, mehrfach. Das erste Gespräch führte noch Michael Reschke. Damals – so glaube ich – hatte Bayer 04 auch nicht so schlechte Karten, aber Ödegaard ist ein gutes Beispiel dafür, wie rasend schnell sich eine Personalie in eine andere Richtung entwickeln kann. Aber auf einmal verhandeln dann die Bayern und Real mit, da ist man als Bayer 04 ganz schnell raus. Nicht nur wirtschaftlich, auch wenn man weiß, wer mit am Tisch sitzt.

Wie viele Gespräche werden geführt mit potenziellen neuen Spielern?

Boldt Da gibt es keine feste Regel. Das hängt auch von der Dimension ab. Es gibt Spieler, die kennt man über Jahre. Beispiel: Emir Spahic. Ihn haben wir lange beobachtet. Es hat aber immer wieder aus verschiedenen Gründen zum jeweiligen Zeitpunkt nicht gepasst. Auf einmal war er wieder auf den Markt, und wir haben innerhalb von zwei Tagen zugegriffen, weil es mit Sokratis damals nicht geklappt hat. Dann gibt es Spieler, die sieht man – und alles geht ganz schnell. Aber unter fünf Mal beobachten verpflichten wir normalerweise keinen Spieler.

Über welchen geplatzten Transfer haben Sie sich am meisten geärgert?

Boldt Kevin De Bruyne hätten wir sicher gerne gehabt. Aber ich trauere Transfers nicht nach. Meist tun sich schnell andere Chancen auf. Als Scout war es reizvoll, schneller zu sein als die Konkurrenz. Und einen Spieler zu finden, den andere bis dato nicht kannten. Beispiel: Carvajal. Bei ihm wurden wir gefragt: Was wollt ihr mit dem? Bei Bernd Leno, für den wir als 19-Jährigen viel Geld bezahlt haben, war das ähnlich.

Welche Facette am Manager-Dasein reizt Sie besonders?

Boldt Einen Verein in eine erfolgreiche Bahn zu führen. Nun ist Bayer 04 bereits sehr erfolgreich – aber ich finde es reizvoll, ein gewisses Niveau zu halten und den Mut zu haben, Dinge zu verändern, um irgendwann noch besser zu sein. Wir haben uns vor der Saison entschieden, mit Roger Schmidt einen neuen Weg zu gehen. Das ist spannend.

Das heißt?

Boldt Wir wollen erfolgreichen Fußball spielen und nach Möglichkeit immer Teil der Champions League sein. Das allein wird in Zukunft schwer genug, wenn man sieht, wie die Vereine um uns herum aufrüsten. Wolfsburg gibt viel Geld aus, Mönchengladbach spielt konstant gut, Dortmund wird in der neuen Saison wieder oben mitmischen, dazu stößt RB Leipzig über kurz oder lang in die Bundesliga vor. Nicht zu vergessen: Schalke 04. Wir sprechen aber nur von drei beziehungsweise vier Champions-League-Plätzen.

Oberstes Ziel ist es also, den Status zu verteidigen, statt nach ganz oben zu streben?

Boldt Erst einmal ja. Ich finde zwar schon, dass wir uns als Bayer Leverkusen nicht kleiner machen sollten als wir sind. Aber wir sollten unsere Ziele immer in dem Wissen definieren, dass wir mehr Möglichkeiten haben als viele andere – aber auch vor dem Hintergrund, dass wir für die Ziele, die wir anstreben, weniger Möglichkeiten haben als die Mitbewerber. Dass wir es angesichts der Konkurrenz geschafft haben, in den letzten fünf Jahren drei Mal Champions League zu spielen, ist eine überragende Leistung. Natürlich wollen wir auch mal Titel gewinnen, aber wir stellen uns nicht hin und proklamieren das permanent öffentlich. Das würde wohl ohnehin falsch interpretiert.

Woran wird Ihr Erfolg bemessen?

Boldt Ich sehe mich als Teil des Ganzen. Und als solchen messe ich unsere Arbeit daran, was wir aus unseren Möglichkeiten machen. Unser Anspruch muss es sein, dass Maximale rauszuholen. Wer gut arbeitet bekommt irgendwann die Chance, Teams mit mehr Geld zu besiegen.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie sich nach der Ära Reschke freischwimmen mussten?

Boldt Nein, Michael Reschke ist Michael Reschke, und ich bin Jonas Boldt. Er hat für seine Arbeit den verdienten Lohn in München gefunden.

Wie muss sich Bayer aufstellen, um weiter oben mitspielen zu können?

Boldt Wir brauchen gute Leute im Verein. Spieler, einen super Trainer, den wir zum Glück haben. Aber auch gute Leute in anderen Bereichen. Sei es in der Jugend, dem Scouting. Ex-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser hat immer gesagt: Wir wollen Champions League sein in allen Bereichen. Da ist was dran. Wir müssen gut sein, um mit den anderen Vereinen mithalten zu können. Das bedeutet: Bei Transfers klüger zu sein als die Mitbewerber.

Ist es ein Vorteil, jetzt mehr Zeit zu haben, um mit Roger Schmidt Transfers zu planen?

Boldt Auf jeden Fall. Vor dieser Saison war er zwar in unsere Planungen involviert, aber er musste auch sein Engagement in Salzburg zu Ende bringen. Als er seinen Vertrag bei uns unterzeichnete, waren die Transfers bereits erledigt.

Was heißt das für die kommenden Transfers?

Boldt Dass wir sicher an einigen Stellschrauben drehen, um den Kader noch mehr seinem Fußball anzupassen. Was aber auch klar ist: Für die Ziele, die wir uns gesteckt haben, spielen wir in dieser Saison einen überragenden Fußball.

Der Rückrundenstart war holprig. Wurde Bayer zu früh gehypt?

Boldt Wir sind mit einem Fußball in die Saison gestartet, den so niemand kannte. Wir hatten schnell Erfolg, haben Tore geschossen. Die Leute waren euphorisch, titulierten uns auf einmal als Bayern-Jäger, was wir aber nicht waren. Das bedeutet dann, dass unsere Spiele ganz anders bemessen werden. Für uns war klar: Mannschaft und Trainer müssen sich finden. Dazu gehören dann auch Rückschläge und dass man manchmal zu viel Aufwand betreibt. Dass es zäh werden kann, war uns klar. Die zwischenzeitliche Kritik kann ich dann in der Form nicht verstehen. Wir sind Vierter und hatten den letztjährigen Champions-League-Finalisten am Rande des Ausscheidens.

Was stört Sie genau?

Boldt Plötzlich heißt es dann: Wir sind besser, weil wir anders spielen. Das stimmt doch nicht. Wir spielen effizienter, die Ergebnisse stimmen, aber wir haben dafür nicht unser Spiel umgestellt. Wir spielen noch genauso Pressing, aber vielleicht nicht mehr so wild.

An welchen Stellschrauben muss noch gedreht werden?

Boldt Man sollte sich grundsätzlich im gesamten Verein immer fragen, was es zu verbessern gibt? Für den Kader gesprochen, ist es kein Geheimnis, dass Simon Rolfes seine Karriere beendet und Stefan Reinartz den Verein wechselt. Christoph Kramer ist einer, der beide anders ersetzen wird. An Spekulationen um andere Spieler beteilige ich mich nicht.

Wie viel Roger Schmidt steckt schon im Kader?

Boldt Sehr viel. Er hat das Team zwar so nicht ausgewählt, aber er hat die Spieler besser gemacht. Karim Bellarabi ist das Paradebeispiel, der in kurzer Zeit Nationalspieler wurde. Genauso haben Heung-Min Son und Tin Jedvaj einen Sprung gemacht, der in Rom kaum zum Einsatz kam. Bei Emir Spahic haben alle gesagt: Der passt nicht ins System. Und auch Papadopoulos, der früher vielleicht eher sein eigenes Spiel gespielt hat, kann sich anpassen. Das könnte ich so fortführen, wie zum Beispiel mit Roberto Hilbert, der gestern bis 2017 verlängert hat.

Einen Spieler macht er nicht besser: Stefan Kießling.

Boldt Stefan ist mit 31 ein erfahrener Spieler, der immer seinen Stil hatte. Dass er eine gewisse Unzufriedenheit besitzt, wenn er nicht wie sonst viele Tore schießt und weniger spielt, ist doch verständlich. Ein Stürmer will nun mal Tore schießen. Stefan passt sich unserem aktuellen System, das auch vom schnellen Spiel über die Außen lebt, an und ist damit wichtig für die Mannschaft. Er läuft viel, stellt sich in den Dienst des Teams. Wir haben mit ihm wichtige Spiele gewonnen. Dass wir hätten mehr Tore schießen können, ist ein generelles Problem, an dem die Mannschaft arbeiten muss.

Leverkusen wird den Kader aber nicht noch mehr verjüngen wollen.

Boldt Qualität ist nicht unbedingt eine Sache des Alters. Das sieht man an Spielern wie Son oder Leno, die jung sind und trotzdem über viel Erfahrung verfügen. Ich finde unsere Mischung gerade gut. Natürlich wird uns ein Simon Rolfes als auch Typ fehlen, aber mit Spahic, Hilbert, Castro oder eben auch Leno haben wir erfahrene Leute. Aber klar, werden wir nicht noch drei 18-Jährige holen. Wir brauchen eine greifbare Qualität. Ich erinnere an das Spiel in Madrid. In solchen Momenten hilft es, Spieler zu haben, die ein bisschen was erlebt haben.

Wie viele Spiele schauen Sie sich noch selbst an?

Boldt Schwer zu sagen. Mittlerweile schaue ich viele Videos, weil ich nicht mehr so im Turniermodus, wo man bis zu vier Spiele am Tag sieht, bin. Drei, vier Spiele pro Woche im Schnitt sind realistisch. Der Westen als Wohnort macht es möglich. Gladbach hat beispielsweise oft sonntags gespielt. Wenn es passte, bin ich dort mal eben schnell hingefahren. Nicht, weil ich einen speziellen Spieler im Auge hatte, sondern aus generellem Interesse. Jedes Spiel macht dich schlauer.

Können Sie Spiele noch im Feierabendmodus schauen?

Boldt Sie meinen mit einem Bierchen?

Ja, und einfach mal berieseln lassen?

Boldt (lacht) Berieseln lassen ja. Das wären dann Spiele wie Dortmund gegen Juventus Turin. Die schaue ich, weil sie mich interessieren. Das Bierchen lasse ich allerdings weg, weil ich dann auch mal auf taktische Dinge achte, was ich sonst nicht so extrem mache. Die Spiele, in denen ich wirklich gar nicht auf Taktik schaue und mal ein Bier dabei trinke, sind dann die vom TV Kalkum-Wittlaer. 

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