1. Bundesliga 17/18
| 16.11 Uhr

Nur noch fünf Eigengewächse im Kader
Schalke verliert seine Identität

FC Schalke 04 verliert seine Identität
Benedikt Höwedes nach einer Niederlage gegen Bremen im April 2017. Mit dem Abgang des Weltmeisters hat Schalke sein letztes Stück Identität verkauft. FOTO: dpa, crj gfh nic
Gelsenkirchen. Nach dem Abgang von Weltmeister Benedikt Höwedes verliert Schalke 04 zunehmend seine Identität. Nur noch fünf Spieler aus dem hochgelobten eigenen Nachwuchs stehen im Kader.

Vier Weltmeister von Rio de Janeiro, sechs WM-Kandidaten für Russland: In der deutschen Nationalmannschaft stehen Fußballer aus dem Nachwuchs von Schalke 04 hoch im Kurs, im eigenen Klub werden sie zum Auslaufmodell. Nach dem Abschied des ausgebooteten Kapitäns Benedikt Höwedes stehen bei den Königsblauen nur noch fünf Eigengewächse im Bundesliga-Kader – so wenige wie seit 22 Jahren nicht mehr.

Nach dem "Sommerschlussverkauf", bei dem Manager Christian Heidel insgesamt 18 Profis abgab, fürchten viele Fans einen Verlust der Schalker Identität. Als vor drei Jahren die letzte Champions-League-Teilnahme perfekt gemacht wurde, standen acht Spieler aus der "Knappenschmiede", der hochgelobten Nachwuchsabteilung der Gelsenkirchener, auf dem Platz.

Am Sonntag (18 Uhr/Live-Ticker) gegen den VfB Stuttgart wird der neue Trainer Domenico Tedesco wohl nur noch zwei aufstellen: Torwart Ralf Fährmann und Verteidiger Thilo Kehrer. U21-Europameister Max Meyer wird ebenso wie die Talente Weston McKennie und Fabian Reese voraussichtlich auf der Bank sitzen.

"Je mehr aus der Knappenschmiede bei den Profis spielen, desto besser. Wir waren da in den letzten fünf Jahren auf einem sehr hohen Level", sagt Klubidol Olaf Thon im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst: "Idealerweise will man alle behalten, aber es ist kein Wunschkonzert."

Schalker Eigengewächse reifen zu Topstars

Manuel Neuer bei Bayern München, Mesut Özil beim FC Arsenal, Julian Draxler bei Paris St. Germain, Leroy Sané bei Manchester City, Joel Matip beim FC Liverpool – jetzt auch noch Sead Kolasinac bei Arsenal und Höwedes bei Juventus Turin: Zahlreiche Schalker Eigengewächse sind Topstars bei europäischen Spitzenklubs. "Sie waren schon zu gut, zu attraktiv, um gehalten zu werden", sagt Eurofighter Ingo Anderbrügge, wie Ex-Weltmeister Thon mit Schalke 1997 Uefa-Cup-Sieger.

Als die beiden noch für Königsblau spielten, waren Spieler aus der eigenen Jugend noch die Ausnahme. Erst als der Klub danach verstärkt in die Ausbildung investierte, stieg die Quote stetig.

Norbert Elgert, in der Branche weithin als bester Nachwuchstrainer anerkannt, lieferte fast jährlich Toptalente für die Bundesligamannschaft. Der Höhepunkt: 2013/14 standen 17 selbst ausgebildete Spieler im Profikader. Schalke warb als "Kumpel- und Malocherklub" mit ihrer identitätsstiftenden Bedeutung und machte unter anderem Draxler und Höwedes zu den Gesichtern des Vereins.

"Ich weiß, dass auch Christian Heidel auf die Jugendarbeit Wert legt und eigene Leute hochziehen will", sagt Thon. Drei Talente hat der Manager verliehen, damit sie anderswo Spielpraxis sammeln. Ob sie in der nächsten Saison den Sprung ins Bundesligateam schaffen, bleibt abzuwarten.

Der Aderlass wird allerdings weitergehen. Meyer lehnte eine Vertragsverlängerung ab und kündigte an, den Klub im nächsten Sommer ablösefrei zu verlassen. "Alles andere wäre jetzt eine Lüge", sagte er. Auch U21-Nationalspieler Kehrer hat erste Gespräche über einen neuen Kontrakt abgebrochen. Er könnte 2019 ohne Ablöse wechseln. Die Liste der Schalker Eigengewächse, die anderswo glänzen, wird wohl immer länger.

(seeg/sid)
 
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